Abendveranstaltung des Akademischen Forums am 22. Januar 2008 zur Frage: Werden wir im Alter wirklich frömmer?

23.01.2008 11:02

Vom Glauben im Alter und vom alternden Glauben

Dr. Andreas Wittrahm: "Nach bisherigen Erkenntnissen nimmt der Glaube im höheren Alter an persönlicher Färbung und Intimität zu, oder er verliert seine Bedeutung im Leben des alternden Menschen."

Zusammenfassung des Vortrags von Dr. Andreas Wittrahm:

1. Aus dem 1. Korintherbrief (13, 11f.): „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ Die einleitende Frage lautet: Was es heißt, „abzulegen, was Kind an mir war“, ist auf empirischer Ebene (wie verändern alternde Menschen in heutiger Zeit ihre Religiosität) und auf normativer Ebene (was ist heute ein „reifer Glaube“) zu bearbeiten.

2. Wir verfügen über eine drastisch verlängerte Lebenszeit, und über das Maß an Lebensqualität, um unser Leben bewusst gestalten zu können. Darüber hinaus wandeln sich alle Lebensbereiche mit hoher Geschwindigkeit und Dynamik. Schließlich: Angesichts von Alternativen steht unser Glaube in Frage und muss seine Glaubwürdigkeit in unserer Lebensgeschichte bewähren. Sollte der persönliche Glaube da unverändert bleiben?

3. In einer qualitativen empirischen Untersuchung haben wir (Kollegen vom Seminar f. Pastoraltheologie an der Uni Bonn und vom Bistum Aachen) die religiöse Biographie von 120 Frauen und Männern der Jahrgänge 1950-55 und 1930-35 in ganz Deutschland erhoben und ausgewertet. Wir untersuchten dabei die Entwicklung der Gestalt ihrer Religiosität, bestehend aus Gottesbild, Religionsverständnis, religiöser Praxis, religiöser Bindung und religiösem Wissen. Einige Befunde im Überblick: Bei 2/3 der Forschungspartner hat sich die Glaubensgestalt im Laufe des Erwachsenenlebens gewandelt, bei der Hälfte mehrmals. Bedeutsame Einzelveränderungen ergaben sich im Gottesbild (von patriarchalisch zu partnerschaftlich) und in der „religiösen Einstellung“ (von „Wertorientierung“ zu „persönlichem Gottesverhältnis“); „Verdichtete Herausforderungen“ wirkten glaubens-produktiv und klärten die Kirchenbindung (quantitativ und qualitativ).

4. Einige pastoraltheologische resp. pastoralgerontologische Konsequenzen: Eine Veränderung der Glaubensgestalt angesichts der Veränderung von Lebensumständen im Erwachsenenalter und durch das Erwachsenenalter hindurch entspricht der „geschichtlichen“ Existenz des Menschen. Sind solche Entwicklungen notwendig? Ein reifer Glaube in der Gegenwart sollte selbstbestimmt, kommunikabel, kritisch, dialogisch und communial gelebt werden – nur dann besteht die Chance einer Vermittlung an die nachfolgende Generation. Das verlangt allerdings gemeindliche Rückkopplungen der inviduellen religiösen Veränderungen – angesichts der wachsenden Individualisierung und der mangelnden Bemühungen in den Gemeinden um diese alternden Menschen eine riesige Herausforderung.

5. Zusammenfassend: Unser Glaube kann (und soll) mit unserem im Lebenslauf „gleichzeitig“ bleiben. Wandlungen in der Glaubensgestalt können sich allmählich vollziehen oder durch „verdichtete Herausforderungen“ angeregt werden. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen nimmt der Glaube im höheren Alter an persönlicher Färbung und Intimität zu, oder er verliert seine Bedeutung im Leben des alternden Menschen.

Die erwachsene Glaubensgestalt entwickelt sich aus dem Zusammenspiel des einzelnen „Glaubenden“ und seiner säkularen und religiösen Umwelt. Die Gültigkeit der individuellen biographischen Erfahrungen ist unbedingt zu respektieren - es gibt so etwas wie eine Würde des gelebten Lebens. Die aktuelle Einstellung zum Glauben und die gegenwärtige Überzeugung in religiösen Fragen muss nicht die letzte sein - Entwicklung ist möglich und manchmal auch notwendig. Solche Entwicklung geschieht durch offene Begegnung mit dem Fremden, dem Anderen - in mir selbst, in den anderen und in der Kunst!


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