Symposion zum Paulusjahr 2008/2009 am 22. und 23. Februar 2008

26.02.2008 11:07

EINE CHRISTUSVISION KREMPELTE SEIN LEBEN UM -

Akademisches Forum schaut auf den leidenschaftlichen Völker-Apostel Paulus

Prof. Dr. Adalbert Keller im Gespräch mit Prof. Dr. Maria Neubrand

Er war der leidenschaftliche, der alles hundertprozentig erledigen wollte. So erfüllte Paulus von Tarsus an der syrischen Ecke des Mittelmeeres mit Eifer seine jüdischen Religionspflichten und warf sich mit Wut der neuen Christusbewegung entgegen. Bekehrt zum Christen wurde er dann der wirkungsvollste Verkündiger dieser Religion, der seither stets mit dem ersten Apostel Petrus in einem Atemzug genannt wird. Das Akademische Forum der Diözese schaute den „anderen Zeugen“ in einer Tagung genauer an.

Großen Ehrgeiz und starkes Streben, das einmal als richtig Erkannte durchzusetzen, attestierte ihm die Paderborner Theologin Prof. Maria Neubrand. Paulus sei aber auch sehr fähig gewesen, Beziehungen zu stiften, andere Menschen aufzubauen und in ihrer Identität zu bestärken. In seinen Gemeinden warb er für Toleranz der Starken gegenüber den Schwachen. Dass der Jude Saulus zum Christen Paulus geworden sei, wies Neubrand strikt zurück. „Er trug immer schon die beiden Namen als Jude und römischer Bürger und wurde ein Jünger Jesu, ohne das Judentum zu verlassen“, sagte sie. Paulus erkannte aber, dass das Bekenntnis zu Christus die Grenzen des Judentums übertritt zu den „Völkern“ hin, die nicht Israels Erwählung hatten.

Das Judentum hat er nicht als Werkreligion abgelehnt

Sie müssen sich nicht unter das Joch des jüdischen Ritualgesetzes beugen. Ihnen soll der Erlösungstod Christi genügen. Seine Gnadenlehre („allein aus glauben“) sollte nicht individualistisch verstanden werden, verwies Maria Neubrand auf die „neue Paulus–Perspektive“. Paulus habe auch nicht das Judentum als eine Weltreligion abgelehnt: Die Erfüllung der Gebote sei bloß kein Weg, sich das Heil zu erarbeiten, wohl aber der Weg, im Bund zu bleiben. Dabei hätten Sabbatruhe, Speise– und Reinheitsgebote in erster Linie soziale Funktion als Identitätsanzeiger für Israel und eine Abgrenzung zu den Völkern.

Das Paulusgrab in Rom

Die früh einsetzende Verehrung des Apostels Paulus in Rom zeichnete Prof. Stefan Heid vom Päpstlichen Institut für Archäologie nach. So wusste Bischof Ignatius von Antiochia um 110 schon vom Märtyrerkult an den Gräbern von Petrus und Paulus. Um 200 kannte man Siegesdenkmäler der Apostel im Vatikan und an der Straße nach Ostia. Kaiser Konstantin ließ nach seinem Sieg über seine Konkurrenten nach 312 auf den christlichen Friedhöfen Roms Kirchen errichten und Stiftungen für den Kult ausstatten. „Märtyrer sind die Sieger, die Helden – und der Kaiser fügt sich in ihren Kreis ein“, erklärte Heid. So entstanden 40, 50 Feiertage übers Jahr hin, an denen die Christen an den Märtyrergräbern Gottesdienst feierten und ein Liebesmahl (Refrigerium) mit den Armen hielten. Vom Wein und Öl bekamen auch die Bestatteten über eine Röhre ihren Anteil (Libatio). Auch die Grabplatte „Paulo Apostolo Mart“ über einem Sarkophag hat Löcher für diesen Zweck. Der Sarkophag liegt inzwischen tief in der Erde, denn wegen der Tiber–Überschwemmungen wurde das Niveau der Kirche um einen Meter erhöht. Weil der Fußboden unter dem Sarkophag durchgeht, nimmt Prof Heid an, dass er mit den Reliquien des Paulus für die Konstantin–Kirche in diese zentrale Position gebracht wurde.

Alois Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung vom 25. Februar 2008, Seite 38