„VERZEIHUNG DES UNVERZEIHLICHEN?“ Zornige, traurige und nachdenkliche Stimmen zum Holocaust

24.01.2020 19:00

Studiennachmittag im Akademischen Forum am Freitag, 24. Januar 2020 anlässlich der Befreiung von Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren

Prof. DDr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Foto: Akademisches Forum)

 

 

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee die letzten noch lebenden Gefangenen  aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Soldaten wussten, dass die Nationalsozialisten Lager betrieben, in denen ungeheure Grausamkeiten verübt wurden. Und doch waren sie auf das, was sie in Auschwitz erwartete, nicht vorbereitet: Auf die apathisch herumliegenden, völlig ausgemergelten Menschen, auf die Leichenberge, auf die abgemagerten Kinder.

Dieses Geschehen eiskalter Unmenschlichkeit verpflichtet bis heute, daran zu erinnern. Ungeschehen machen lassen sich diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht.

In ihrem Vortrag reflektierte die Philosophin und Religionswissenschaftlerin Prof. DDr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz vor 90 Zuhörer im Haus Sankt Ulrich die Möglichkeit einer Vergebung. Als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen nahm sie die Aussagen des französischen Philosophen Vladimir Jankelevitch (1903-1985): Es gibt keine „Verjährung“ von Schuld. Verbrechen gegen die Menschlichkeit kennen keine Entschuldung. Vergebung sei mit den Toten in den Lagern gestorben. Diese „eingefrorene“, zornige Haltung ist verständlich, führt aber nicht zu einer Lösung wie die Geschichte aufgearbeitet werden soll.

Jacqeues Derrida (1930-2004), der in Algerien geborene französische Jude, fand dagegen in der Bibel und bei dem Kirchenlehrer Augustus eine Spur der Vergebung: Vergeben heißt ein Geben, dem nichts mehr an Gegengabe entspricht, und ein Geben vollständig aus freien Stücken über all das hinaus, was man erwarten darf. Mit Blick auf das mörderische 20. Jahrhundert. spricht Derrida vom „reinen Vergeben“, einer reinen Absolution von Schuld. Vergebung, die keine Gegenleistung auslöst.

Vergebung verrät nicht die Gerechtigkeit (wie Jankelevitch meinte). Derrida sieht in Jankelevitch eine schiefe Ebene. Widerspruch zwischen einer unvergebbaren, durch den Tod des Opfers eingefrorene Tat und der Forderung nach Reue und Entschuldungs-Bitte der Täter. Gibt es doch Möglichkeit für eine Vergebung? Was kann Reue verändern?

Vergebung, rein konzipiert, müsste bis zur Verzeihung des Unverzeihlichen gehen. Ist nicht gerade das Unverzeihliche das Einzige, was es zu verzeihen gibt? Vergebung kann nur möglich werden, wenn es das Un-Mögliche tut. Was wäre das für eine Verzeihung, die nur dem Verzeihbaren verziehe?

Mit Sören Kierkegaard bedarf es auch nach Derrida des Dritten (Gott) um Geschehen ungeschehen zu machen. Gott wird die Sünden „vergessen“ (Buch der Offenbarung). Rache kennzeichnet dagegen jemanden, dem jener Dritte im Verhältnis von Täter und Opfer nicht zugänglich ist.

Sehr radikal verlief der Weg der Karmeliterin Edith Stein (1891-1942), die ihren Gang ins Vernichtungslager Auschwitz als Opfer „für mein Volk“ ansah. Mit dieser Haltung rückte der „Sühne“-Gedanke in den Mittelpunkt, den die Referentin bei Edith Stein in ihrer „Kreuzeswissenschaft“ grundgelegt sah: der Abstieg des Gottessohnes Jesus Christus in die tiefste menschliche Nacht, um mit ihm die Erlösten dann in die „endlich heitere Nacht“ zu führen.