„WEHRET DEN ANFÄNGEN“

27.01.2020 11:32

Vorgezogene Finissage zur Gerhard-Richter-Ausstellung „Zyklus Birkenau“ am Sonntag, 26. Januar 2020

Kantor Nikola David von der Liberalen Jüdischen Gemeinde München Beth Shalom bei der Finissage im Diözesanmuseum. (Foto: Schmucker)

 

Augsburg (pba). Im Diözesanmuseum St. Afra hat gestern Nachmittag die vorgezogene Finissage zu Gerhard Richters Zyklus Birkenau stattgefunden. Die Sonderausstellung selbst wird erst am kommenden Sonntag enden. Vorgezogen wurde sie, um den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau heute vor 75 Jahren zu würdigen.

Diesem Anlass entsprechend wurden die Besucher eingangs von der Pianistin Nataša Žižakov eingestimmt, die Themen aus dem Film „Schindlers Liste“ spielte. Ihr schloss sich musikalisch Nikola David, Kantor der Liberalen Jüdischen Gemeinde München Beth Shalom, mit einem Ausschnitt aus dem Psalm 16 an - eine fast zehnminütige, zu Tränen rührende musikalische Hinführung in den Nachmittag.

75 Jahre, ein ganzes Menschenalter sei seit damals vergangen, richtete sich Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier an die Gäste der Finissage. „Und doch packt uns das Grauen, so dass wir am liebsten vergessen oder verdrängen würden.“ Denn ungeachtet dieser verflossenen Zeit seien wir alle auch heute auf die eine oder andere Weise mit diesem Abgrund verbunden: „die einen als Nachfahren, Verwandte oder Freunde von Opfern, die anderen durch ihre unwillkommene Verbindung mit den Tätern“, so Prälat Meier.

Für uns Christen sei es zudem bis heute besonders bedrückend, den Juden, unseren älteren Geschwistern im Glauben nicht entschiedener beigestanden und Einspruch erhoben zu haben. „Ja, in gewisser Hinsicht bereitete der religiös motivierte Antisemitismus sogar den Boden für den rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten, auch wenn diese deutlich voneinander zu unterscheiden sind“, blickte er zurück. Umso wichtiger sei es, sich dieser schrecklichen Realität zu stellen und wachsam für alles zu sein, was in unserer Zeit vor sich geht. „Obsta principiis! Wehret den Anfängen!“, bekundete Prälat Meier, nachdem er gleich zu Beginn seiner Ansprache betont hatte, es sei für ihn unvorstellbar, dass führende Politiker einer demokratisch gewählten Partei ein solch dunkles Kapitel als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ abtun könnten.

Auch Professor Dr. Gerda Riedl, Leiterin der Hauptabteilung VI – Grundsatzfragen im Bischöflichen Ordinariat, widmete sich in ihren anschließenden Ausführungen zum Thema „Trauer und Trauma – Schmerz und Scham“ der Frage der Erinnerungskultur. Sei es überhaupt möglich, das Grauen und das Unfassbare künstlerisch festzuhalten? Sie setzte dem entgegen, dass Gedenktage und Gedenkfeiern allein nicht ausreichten, um die Erinnerung an Geschehenes, Verübtes und Erlittenes festzuhalten. Gedenktage seien eine Art säkulares Ritual, mit dem wir eine Erinnerungskultur entwickelt hätten. Dies wirke zwar dem Vergessen entgegen, was auch unbedingt notwendig sei, aber es sei nicht hinreichend, um Erinnerung auch zu verinnerlichen.

Sie begründete dies mit Verdrängungshaltungen, auf die wir vereinzelt auch heute noch stoßen würden, etwa in Sätzen wie: „Nach so langer Zeit muss es doch einmal genug sein. Auch andernorts ist Schreckliches geschehen. Nur wir sollen ewig in der Büßerecke stehen.“ Es stelle sich die Frage, ob dies eine mögliche Konsequenz einer aufgezwungenen und eben nicht verinnerlichten Erinnerungskultur sein könnte.

Professor Riedl weiter: „Wo ist die Trauer? Nicht nur über den Tod so unendlich vieler Menschen? Ich frage auch nach der Trauer darüber, dass Menschen fähig sind, durch Angst, Gewöhnung, Abstumpfung, Machtgier jedes Maß zu verlieren ... Menschen wie Sie und ich.“ Und dann spannte sie den Bogen zu Gerhard Richters Zyklus Birkenau. Kunst sei geradezu dafür bestimmt, in uns die zunächst von außen herantretende Erinnerung an das Unausdrückbare zu verinnerlichen. „Gerhard Richters Bilderzyklus Birkenau bildet unter diesen Prämissen das Ergebnis einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Undarstellbaren und dem vielschichtigen Prozess des Erinnerns beziehungsweise der Rezeption traumatisierender und verstörender Geschehnisse.“

Ein Gebet, mit dem Juden seit dem Mittelalter ihrer Toten gedenken, ist das „El Male Rachamim“, das „Gott voller Erbarmen“. Es dient heute in besonderer Weise der Erinnerung an die 6.000.000 jüdischen Seelen, die dem Wahnsinn des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind. Kantor Nikola David trug dieses Trauergebet begleitet von Pianistin Nataša Žižakov am Ende der rund 60-minütigen Finissage vor: „Lass alle in Frieden ruhen und lass sie am Ende der Tage wieder erstehen. Darauf sprecht: Amen.“

Kantor Nikola David von der Liberalen Jüdischen Gemeinde München Beth Shalom bei der Finissage im Diözesanmuseum. (Foto: Schmucker)
Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier und Prof. Dr. Gerda Riedl (Foto: Schmucker)
Über 100 Teilnehmer kamen zur Finissage in das Diözesanmuseum St. Afra (Foto: Schmucker)