Wenn die Klage zum Gebet wird ...

03.05.2019 16:24

Vortragsabend mit Professor Franz Sedlmeier am Montag, 15. April 2019

Prof. Dr. Franz Sedlmeier: "Psalm 22 lässt uns verstehen: wo die Wunde am ärgsten schmerzt, wohnt auch die Heilung!"

 

 TIEFSTE GOTTVERLASSENHEIT

Immer wieder zeigen uns die neutestamentlichen Schriften Jesus als den Psalmenbeter. Nach den Evangelien des Markus und des Matthäus stirbt Jesus mit einem Psalmwort auf den Lippen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Welche theologische Bedeutung diesen Worten zukommt, das erklärte der Bibelwissenschaftler Franz Sedlmeier, Professor für Altes Testament an der Universität Augsburg, in seinem Vortrag vor über 140 Zuhörern im Großen Saal des Hauses Sankt Ulrich. Zunächst steht in Psalm 22 die berechtigte Klage über die Not im Vordergrund: das Gefühl der Gottverlassenheit, Einsamkeit, Spott der Menschen. Wie wilde Stiere, reißende Löwen und Hundemeuten bedrängen sie den gerechten Menschen.

Doch der Bedrängte erinnert sich in der Not an die Treue Gottes, „der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog“. Sedlmeier hob hervor, dass das Klagegebet immer auch ein Ringen mit Gott ist und die Bereitschaft mit einschließt, sich verwandeln zu lassen. „Dort, wo die Wunde am ärgsten schmerzt, wohnt auch die Heilung!“

Das Neue Testament deutet mit Hilfe von Psalm 22 schließlich den Kreuzestod Jesu und eröffnet einen universalen Horizont. Symbolisch wird dies mit dem Zerreißen des Tempelvorhanges ausgedrückt: das Heiligste wird aller Welt sichtbar.