18.11.2010 17:29

Vortrags- und Gesprächsabend mit Josef Wilfling am 9. November 2010 im Akademischen Forum

Wird jemand ermordet, nimmt man ihm auch die Würde

Aus welchen Gründen wird jemand zum Mörder? Ein ehemaliger Ermittler berichtet von seinen Erfahrungen

Augsburg. Als es still wird im Raum des Akademischen Forums in Augsburg, spürt man die Furcht vor echten Tränen. „Jeder Mensch hat den Wunsch, in Würde sterben zu dürfen. Wird jemand ermordet, nimmt man ihm diese Würde“, sagt gerade der ehemalige Münchner Kriminalermittler Josef Wilfling. Und das steht auch in seinem neuen Buch „Abgründe. Wenn aus Menschen Mördern werden“. Wilfling hat vor einigen Tagen im Forum auf Einladung von Professor Adalbert Keller daraus vorgelesen und darüber diskutiert.

Für den pensionierten Ermittler liegen die Gründe, warum jemand zum Mörder wird, überwiegend in schwierigen Familienverhältnissen. Ein intaktes Elternhaus bedeutet für ihn jedoch nicht einfach, dass es Vater, Mutter und Kinder gibt – sondern dass dort ethische Werte wie Liebe, Geborgenheit, Gewaltfreiheit, Angstfreiheit und Erziehung gelebt werden, wodurch im Inneren eines Menschen erst das entstehen kann, was Familie ausmacht. Und letzteres kann auch eine Alleinerziehende oder ein Alleinerziehender leisten, so Wilfling. Bedroht sieht er diesen Anspruch an Familie durch eine aktuell zu beobachtende emotionale Verrohung von Kindern und Jugendlichen beispielsweise durch Killerspiele am Computer, Alkoholmissbrauch und jegliche Form häuslicher Gewalt. Dabei müsse das Kind nicht unbedingt selbst geschlagen werden, es reiche schon, wenn es zusehen müsse, wie anderen in der Familie Gewalt geschieht, um von Gewalterfahrungen sprechen zu können. „Was man einer Kinderseele antut, wird sie später gegen sich selbst richten oder gegen andere.“

Strittig während der Diskussion blieb, inwieweit in unserer Gesellschaft Gewalt latent gegenwärtig sei, die die Tötungshemmung herabsetze. Auch die Frage, ob Gewalterfahrungen in der Kindheit einen Menschen tatsächlich immer auch selbst zu einem späteren Täter werden ließen, wurde debattiert. Wie könne es möglich sein, dass einige Menschen solche Erfahrungen verarbeiteten, andere nicht, wurde etwa gefragt. Wilfling selbst sieht sich nicht als Experten, solche Fragen erschöpfend zu beantworten. „Weil ich ein Mann der Praxis bin, maße ich mir keine juristischen oder psychologischen Wertungen an und überlasse auch die moralische Sicht der Dinge jedem Einzelnen selbst.“

In manchen Momenten des Gesprächs zwischen Publikum und Wilfling wurde klar, dass der echte Schmerz, die echte Trauer und der wirkliche Verlust eines geliebten Menschen, der ermordet wurde, mit der Sachlichkeit der Sprache in einer öffentlichen Verhandlung nicht erfasst werden kann. Worte drücken Gefühle nicht aus. Sie können auch keine Antwort geben auf die gleichsam metaphysische Frage, was wäre, wenn getötete Menschen, auch die Gefallenen der Kriege, nicht getötet worden wären, sondern ihr Leben hätten zu Ende leben dürfen.

Naturgemäß besonders schwierig hat der frühere Ermittler die Gespräche mit den Hinterbliebenen des Opfers erlebt, wie er in Augsburg ausführte. Er sah sich hier oft in einer Art Bringschuld, den Opfern gleichsam die Würde zurückzugeben und den Hinterbliebenen zu versichern, dass die Tat gesühnt werde, die eine Art ausgleichende Gerechtigkeit ermöglichen solle. Die angemessene Bestrafung der Täter sei hierfür notwendig. Ohne diese gelte das Recht des Stärkeren, das Faustrecht. Was für Wilfling auch heißt: Wenn ein Mensch aus dem Leben gerissen wird, wird sowohl die Familie des Opfers als auch die des Täters zerstört.

Eine Mörderin oder ein Mörder stellt sich außerhalb des natürlichen Kreislaufs von Geburt und Tod, indem sie oder er über das Weiterleben eines Anderen entscheidet. Darin liegt eine ungeheure Anmaßung. Denn was bedeutet es, einen anderen Menschen um sein Leben betteln und flehen zu lassen? Manches Opfer muss vor seinem Tod unendlich gelitten haben. Der Schmerz darüber finde in den Gesichtern der Opfer öfter seinen Ausdruck, so Wilfling. „Ich weiß nicht, wie oft ich an einem Tatort stand und mich gefragt habe, wie so etwas möglich ist. Wobei mich weniger die schlimmen Bilder betroffen machten als vielmehr das fehlende Mitgefühl für das Opfer, das oft in so erschreckender Weise deutlich wurde.“ Doch die Frage der Würde stellt sich für Wilfling nicht allein angesichts des Opfers, sondern eben auch mutmaßlicher Mörder: „Eine gute Vertrauensbasis und eine von gegenseitiger Achtung getragene Beziehung zwischen Ermittlern und Tatverdächtigen sind die Schlüssel jedes Geständnisses. Auch wenn man es mit noch so schrecklichen Verbrechern zu tun hat. Niemals darf man ihnen die letzte Würde nehmen.“

Monika Gatt, Die Tagespost, 18. November 2010 – Seite 8