Selbstverständnis

Seelsorge und Spiritual Care

Im Sommer 2018 und 2019 fanden Klausurtage hauptamtlicher Kranken- und Krankenhausseelsorger/-innen des Bistums Augsburg statt, die schwerpunktmäßig oder in Einzelfällen Patienten und deren Angehörige in palliativen Lebenssituationen begleiten. Bei diesen Treffen und in der Weiterarbeit einer Arbeitsgruppe entstand folgender Text zum internen Selbstverständnis der Palliativseelsorge im Bistum Augsburg.

     

1. Zum gemeinsamen Selbstverständnis:

  • Unser Handlungsrahmen ist die „Spiritual Care“ (Spirituelle Begleitung), wie sie sich in der Hospizbewegung und der Palliativmedizin herausgebildet hat und sich weiter entwickelt. Grund-orientierung ist die WHO Definition von Palliative Care aus dem Jahr 2002: „Palliative Care dient der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, konfrontiert sind: durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, gewissenhafte Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psycho-sozialer und spiritueller Art.“ [1]
  • Auf dieser Grundlage beraten und begleiten wir schwerstkranke und sterbende Menschen in ihrer letzten Lebenszeit, ebenso auch deren An- und Zugehörige.
  • Gleichermaßen stehen wir Ärzt*innen, Pflegenden und allen in der Palliativarbeit tätigen Berufen in existenziellen und spirituellen Anliegen, religiösen und theologischen Fragen und im multi-professionellen Austausch zur Verfügung. Palliativseelsorger/innen sind Mitglied im inter-professionellen Behandlungsteam.
  • Unsere Identität gründet in persönlichem christlichem Selbstverständnis, qualifiziert durch einen pastoralen Beruf und eine klinische Seelsorgeausbildung, beauftragt durch die Kirche. Christliche Seelsorge bedeutet: „ … die Sorge um den ganzen gottgewollten Menschen in all seinen Möglich-keiten und Begrenzungen, in all seinen (un)veränderbaren strukturellen Lebens- und Arbeitskon- texten. Glaubwürdige Seelsorge zielt darauf ab, einem jeden Menschen, unabhängig von dessen Religions-, Kirchen- oder Gemeindezugehörigkeit, bereits hier und jetzt auf Erden zumindest ein wenig mehr gottgewolltes Leben in Fülle (Joh 10,10), im Sinne eines spürbaren Anbruchs von „Reich Gottes“ (d.h. mehr Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Solidarität, Miteinander, Gemeinschaft …) trotz aller Nöte und Probleme zu ermöglichen und eine Hoffnungsperspektive selbst über den Tod hinaus offen zu halten.“ [2]
  • Auf diesem Hintergrund sind wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger vorbehaltlos für jeden Menschen da, unabhängig von seiner Weltanschauung, Kultur und Religion. In der seelsorglichen Begegnung streben wir Einfühlung, Annahme und Echtheit an. [3]

  

2.    In der Diözese Augsburg arbeiten wir an unterschiedlichen Orten:

  • Im stationären Bereich sind wir in Krankenhäusern auf Palliativstationen und in palliativen Konsiliardiensten und selbstverständlich in stationären Hospizen tätig.
  • Ambulant sind wir bei Hospizdiensten, in SAPV-Teams, in SAPPV-Teams und in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen eingebunden. 

  

3.   Neben anderen Definitionen (Verlinkung) orientieren wir uns als hauptamtliche Seelsorge an folgenden Leitideen von „Spiritualität“ und „Spiritual Care“:

 

Spiritualität berührt das Ureigene eines Menschen:

„Unter Spiritualität verstehen wir die lebendige Beziehung eines Menschen zu dem, was sein Leben trägt, kräftigt und erfreut.“ [4]

Bezüglich seiner eigenen Spiritualität ist jeder Mensch erstkompetent und eigenverantwortlich („Spirituelle Selbst-Für-Sorge“). [5]

Spiritual Care bedeutet „aufmerksam zu sein auf den inneren Geist, aus dem heraus ein Mensch sein Leben empfindet, sich inspiriert fühlt, das Leben gestaltet, Krankheit und Leben zu bewältigen sucht“. [6]

 

Spiritualität berücksichtigt die Beziehungen, das Soziale, die Gemeinschaft

Spirituelle Prägungen entwickeln und verändern sich im Geflecht menschlicher Beziehungen. Sie reichen über das einzelne Individuum hinaus und sind mit seiner Weltanschauung, Philosophie, Religion verbunden. Jeder Mensch ist in ein Netzwerk an Beziehungen, Gemeinschaften und gesellschaftlichen Bezügen eingeflochten, die in spiritueller Hinsicht wichtig sein können. So sind auch in existenziell-spirituellen Fragen die An- und Zugehörigen wesentliche Ansprechpartner

 

Spiritualität öffnet für Transzendenz, das Heilige, die Gottesbeziehung

Spiritualität bedeutet “achtsam zu sein für jede Erfahrung - positiv und negativ -,  bei dem Menschen sich mit dem heiligen Geheimnis des Lebens in Verbindung wissen.“ [7]

Spiritual Care heißt „Achtsamkeit auf den tiefer liegenden seelischen „Reifung“-Prozess und auf die im spirituellen Begleitungsprozess sich zeigenden Transzendenzerfahrungen im Kontext von „Gnade“ und „Hoffnung“. [8]

Spiritualität ist eine lebensbegleitende Dimension menschlichen Seins und tritt häufig in Grenzsituationen deutlicher ins Bewusstsein.

Besonders im Erleben von schwerer Krankheit, Schmerz und Begrenztheit brechen bei vielen Menschen Fragen nach Sinn und Gelingen dringlicher auf als in anderen weniger dramatischen Lebensphasen.

Unter Spiritualität erfasst die WHO die innere Einstellung, das tragende Wertsystem und das persönliche Suchen eines Menschen nach Sinn und Halt. Spiritualität ergibt sich aus der Fülle konstruktiver Lebenserfahrungen und Bewältigungsstrategien, die dem Betroffenen in schweren Existenzerschütterungen bisher Halt und Kraft, Mut und Lebensbejahung gaben.

[9]

4. Wir sehen unseren Auftrag als christliche Seelsorger/innen in der „Spiritual Care“ so [10]:  

  • Alle hospizlichen und palliativen Berufsgruppen bringen eine – in Aus- und Weiterbildung erworbene - Grundkompetenz in spiritueller Achtsamkeit und Wahrnehmung mit und nehmen diese in der hospizlichen und palliativen Begleitung wahr. Diese Grundkompetenz aller Berufsgruppen subsidiär zu begleiten, zu unterstützen, zu stärken ist eine wesentliche Aufgabe der hauptamtlichen Seelsorge.
  • Hauptamtliche Seelsorge besitzt durch Ausbildung, kirchliche Beauftragung, den eigenen geistlichen Weg, pastorale Erfahrung und philosophisch-theologische Reflexion eine spirituell-seelsorgliche Spezialkompetenz, die eine unverzichtbare Qualität darstellt und für alle Patientinnen und Patienten wie auch deren An- und Zugehörigen zur Verfügung steht. Sie ist der Wahrung des Seelsorgegeheimnisses verpflichtet.
  • In Offenheit für das Gegenüber berücksichtigt sie die spirituellen Bedürfnisse und die Ressourcen zur Lebensbewältigung der Menschen, die sie begleitet. Gleichzeitig weiß sie um ihre Verortung und Grundlage, macht diese im Kontakt transparent und tritt in Beziehung.
  • Christliche Seelsorger/innen handeln im Auftrag der Kirchen und in verbindlicher und verlässlicher Abstimmung mit dem multiprofessionellen Behandlungsteam. Somit sind sie dem Anliegen verpflichtet, als Seelsorger/innen einen Beitrag zur Spiritual Care zu leisten.
  • Durch gesellschaftlichen, medizinischen und sozialen Wandel werden die Herausforderungen für die Seelsorge komplexer, z.B. wenn der Tod auf sich warten lässt; Sterben in sozialen Kontexten mit wenig Zugang zu Begleitung; bei Demenz; in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

 

 5. Palliativseelsorge will im Rahmen von Spiritual Care:

  • Dasein und Zeit haben
  • Zuhören und Wahrnehmen
  • Miteinander Kraftquellen entdecken
  • Beziehungen und Gemeinschaft stärken
  • Achtsam sein für Grenzen und Brüche des Lebens
  • Helfen, Situationen der Ohnmacht auszuhalten
  • Trauerprozesse begleiten – über den Tod hinaus
  • sich existenziellen, spirituellen und religiösen Anliegen widmen
  • klären helfen, inwiefern die Spiritualität und der Glaube der einzelnen Person eine Ressource bei Bewältigung der letzten Lebensphase sein kann.
  • Dem Unfassbaren, dem göttlichen Geheimnis, dem entgegenkommenden Gott Raum und Ausdruck geben
  • Gebet, Rituale, die Feier von Gottesdiensten und Sakramenten ermöglichen
  • für persönliche Erfahrungen Deutungen aus dem Schatz der christlichen Tradition anbieten
  • bei Bedarf Kontakte zu Seelsorgern/innen und Begleiter/innen anderer religiöser Traditionen vermitteln

 

6. Palliativseelsorge leistet einen Beitrag zu einer Kultur der Solidarität bis zum Lebensende

Über individuelle Begleitungen hinaus fördern christliche Palliativseelsorger/innen eine Kultur der Solidarität, damit Kirche und Gesellschaft als sorgende Gemeinschaften erfahren werden können, die Menschen in ihrer Würde wahrnehmen, im Leben und Sterben nicht allein lassen und das Bewusstsein für die Verbundenheit mit Gott und untereinander stärken.

 

[1] Vgl. Definition von Spiritual Care der Europäischen Palliativgesellschaft (EAPC), Taskforce on Spiritual Care in Palliative Care, Samaya Werhoven, Netherlands, 2010, Übersetzung Traugott Roser,: „Spiritualität ist die dynamische Dimension menschlichen Lebens, die sich darauf bezieht, wie Personen (individuell und in Gemeinschaft) Sinn, Bedeutung und Transzendenz erfahren, ausdrücken und/oder suchen, und wie sie in Verbindung stehen mit dem Moment, dem eigenen Selbst, mit Anderen/m, mit der Natur, mit dem Signifikanten und/oder dem Heiligen.“

[2] Vgl. Nauer, Doris , Spiritual Care statt Seelsorge, Stuttgart 2015, S. 184; vgl. auch Grundorientierungen des II. Vatikanischen Konzils, z.B. GS Vorwort; LG 1.

[3] vgl. Grundhaltungen nach Carl Rogers: Empathie, Akzeptanz/bedingungslose Zuwendung und Kongruenz

[4] Vgl. Thomas Hagen, Traugott Roser in: Jahresheft Spiritualität und Spiritual Care

[5] Vgl. Andreas Heller, Spiritual Care und Seelsorge

[6] Vgl. Weiher Erhard, Das Geheimnis des Lebens berühren. Spiritualität bei Krankheit, Sterben, Tod. Eine Grammatik für Helfende, Stuttgart 2011

[7] Ebd.

[8] Vgl. Monika Renz, Hoffnung und Gnade. Erfahrung von Transzendenz in Leid und Krankheit. Spiritual Care, Freiburg 2014

[9] Graphische Zusammenfassung, Dr. Franz Schregle

[10] Vgl. Spiritual Care und Seelsorge in der Hospiz- und Palliativversorgung. Konzept der Sektion Seelsorge der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, verabschiedet 2017

    

 Hier finden Sie den Text als PDF: