200 Jahre Wiedererrichtung des Bistums Augsburg

Festgottesdienst und Festakt: Bischof Bertram beschwört Teamgeist in der Kirche

27.11.2021 14:57

Augsburg (pba). Bei der 200-Jahr-Feier der Wiedererrichtung des Bistums Augsburg nach der Säkularisation hat Bischof Dr. Bertram Meier in der Ulrichsbasilika den Teamgeist innerhalb der Kirche beschworen und die Hoffnung formuliert, dass diese sich aus eigener Kraft erneuere. Zugleich appellierte er während des Festgottesdienstes an diesem Samstag an Domkapitel und kirchliche Verantwortungsträger, sich für das Wohl anderer einzusetzen. Beim anschließenden Festakt lud Bistumshistoriker Domkapitular Dr. Thomas Groll die Festgäste, darunter Mitglieder des Domkapitels und des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte zu einer spannungsreichen Zeitreise ein.

Bischof Bertram bekam beim Festakt zu "200 Jahre Wiedererrichtung des Bistums Augsburg" das neue Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte überreicht. (Foto: Nicolas Schnall / pba)

Der Rückblick in die Epochenwende um das Jahr 1800 führte Bischof Bertram vor allem eines vor Augen: Die Kirche musste seinerzeit in Folge der napoleonischen Kriege buchstäblich zu Reformen gezwungen werden, vieles Vertraute und Kostbare ging unwiederbringlich verloren, betonte er in seiner Predigt. Durch dieses „Fegefeuer“ sei sie jedoch überhaupt erst geläutert worden. „Auch heute nehmen viele Menschen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche einen Reformstau wahr: Schaffen wir es aus eigener Kraft, uns zu erneuern, auf die Zeichen der Zeit zu antworten? Ich hoffe es!“, zog der Bischof einen Vergleich mit der Gegenwart.

Durch die Säkularisation erlebten die deutschen Katholiken den Zusammenbruch einer sicher geglaubten Welt. „Heute können wir uns kaum mehr vorstellen, was der sogenannte Reichsdeputationshauptschluss von 1803 für Bischöfe, Klerus, Ordensleute und Gläubige in Deutschland bedeutete: Enteignung und Entmachtung als traumatische Erfahrung!“, schilderte der Bischof diese dramatische Zeitenwende. Erst im Herbst 1821 fand ein rund zwei Jahrzehnte dauerndes kirchliches Vakuum sein Ende, als das bereits 1817 ausgehandelte Bayerische Konkordat mit vierjähriger Verspätung in Kraft trat. Drei grundlegende Veränderungen personeller und struktureller Natur stachen hervor: Das Bistumsgebiet verschob sich und führt seither entlang der bayerischen Landesgrenzen. Der seit 1812 verwaiste Bischofsstuhl wurde mit Joseph Maria von Fraunberg (1768-1842) wiederbesetzt und das nicht mehr existierende Domkapitel durch den ernannten Bischof noch vor dessen Weihe de facto neu eingesetzt.

Trotz aller Startschwierigkeiten für das neugeordnete Bistum durch die frühe Abberufung von Bischof Fraunberg schon nach weniger als drei Jahren ins Erzbistum Bamberg und das bei der bayerischen Staatsregierung als schwierig geltende Domkapitel verwies Bischof Bertram auf einen frühlingshaften Neubeginn kirchlichen Lebens: „Aus dem totgesagten Baumstumpf wuchs ein Reis hervor, das reiche Frucht brachte. Apostolisch tätige Orden erlebten eine neue Blüte, christliche Caritas linderte die Not des Massenproletariats, zahlreiche Heilige stellten ihr Leben in den Dienst der Armen und Kranken oder auch der Mädchenbildung.“ Diese Erfolgsgeschichte verdanke die Kirche in Deutschland ihrem Zusammenhalt, so der Bischof.

Und Bischof Bertram aktualisierte im Festgottesdienst, der musikalisch von Basilikachor und –orchester unter der Leitung von Chordirektor Peter Bader gestaltet wurde, diese Erkenntnis zugleich ins Hier und Jetzt: „Wir alle haben es nötig, unseren befehlsgewohnten Alltag regelmäßig zu unterbrechen, im Gebet und im Gewissen zu reflektieren, spätestens aber dann, wenn es zu Konfrontationen und Parteiungen kommt“, so wie sie auch der Völkerapostel Paulus in der Gemeinde von Korinth erlebt habe. Zum gleichen Thema griff er auf ein Zitat des früheren Geschäftsführers beim Fußballverein SSV Jahn Regensburg zurück: „Wir sagen der Mannschaft immer: Wer zusammenhält, der ist nicht kaputt zu kriegen.“ Was Geschäftsführer Christian Keller mit dem Völkerapostel und Bischof Fraunberg verbindet, sei die Einsicht, dass Zusammengehörigkeit und Standfestigkeit einander bedingen. Beides könne allerdings weder verordnet werden noch stelle es sich auf Wunsch einfach ein: Es erwachse aus dem Inneren.

Diese Erfahrung habe der Bischof auch selbst gemacht und spüre es noch immer: „Ich komme aus dem Domkapitel und freue mich, ins Domkapitel hinein- und mit dem Domkapitel zusammenzuwirken. Bischof und Domkapitel bilden ein Gegenüber, aber nie ein Gegeneinander. Wir sind füreinander gemeinsam unterwegs – zwar in verschiedenen Rollen, aber mit demselben Ziel. Es geht um ‚unsere‛ Diözese!“ Für ihn gründe die Daseinsberechtigung eines Domkapitels heute vor allem in der Treue zu dem gegebenen Versprechen, die Kirche von Augsburg geistlich zu erneuern. „Es gibt viel zu tun, packen wir’s gemeinsam an!“, ermutigte Bischof Bertram zur Weitergabe des Glaubens, glaubwürdigem Handeln und für andere da zu sein. Den heutigen Anlass sehe er als Chance, „im Blick auf die Geschichte innezuhalten mit der Frage, was uns motiviert und antreibt“.

Diesen Steilpass nahm Bistumshistoriker und Domkapitular Dr. Thomas Groll beim anschließenden Festakt im Haus Sankt Ulrich auf, in dem er die Frage in den Raum stellte, ob man aus der Geschichte etwas lerne. Er jedenfalls sei Bischof Bertram dankbar, dass er Impulse aus der Geschichte aufgreife, um diese für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Als Beispiel nannte er die Einsetzung des St.-Ulrich-Komitees zur Vorbereitung des Doppeljubiläums 2023/2024.

Musikalisch wurde der Festakt von einem Instrumental-Trio aus Marius Herb (Klavier), Alexandra Lim (Klarinette) und Sofia Kurek (Bratsche) mit Stücken von Wolfgang A. Mozart und Max Bruch umrahmt. Zudem überreichte Domkapitular Dr. Thomas Groll dem Bischof sowie Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger und Domkapitular Armin Zürn als Vertretern des Domkapitels das neue Jahrbuch (55. Jahrgang) des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte. Neben der Monographie Nähe in der Krise“ von Johanna Schmid über die Folgen des Ersten Weltkriegs im Bistum Augsburg finden sich darin ein halbes Dutzend Aufsätze, die sich bistumsrelevanten Themen widmen.

Neben der Langfassung des heutigen Festvortrags „Aus dem Zusammenbruch in den Aufbruch“ von Domkapitular Groll stehen im Jahrbuch zwei weitere, die aus Anlass von Jubiläen erschienen sind. Einmal zum 500. Geburtstag von Petrus Canisius über die Geschichte der Augsburger Dompredigerstelle und deren Inhaber sowie zum 200. Geburtstag von Pfarrer Sebastian Kneipp ein Beitrag über dessen Verhältnis zum Augsburger Bischof. Daher überreichte der Autor, Geschäftsführer und Zweiter Vorsitzender des Vereins für Bistumsgeschichte Dr. Walter Ansbacher an den früheren Domprediger und heutigen Bischof sowie an Dr. Groll als einen der beiden aktuellen Inhaber eine Kopie der Stiftungsurkunde von 1505.

In seinem Festvortrag tauchte der Bistumshistoriker nicht nur tief in die Anfänge des neugeordneten Bistums Augsburg ein, buchstabierte die bereits von Bischof Bertram in seiner Predigt angerissenen diözesanen Schlaglichter auf diese Epoche aus, sondern zeigte facettenreich auf, wie es von kirchlicher Seite auch dank großer Persönlichkeiten gelingen konnten, „den alten Glauben in der neuen Zeit zu leben“ und an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Hier gibt es die Langfassung des Vortrags, wie sie im Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte abgedruckt ist: