Katholische Schwangerenberatung

25.02.2016 15:59

Beate Linß ist seit 1977 Leiterin der Katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen (KSB) des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Kempten. Die Diplom-Sozialpädagogin tritt im Mai ihren Ruhestand an. Im Interview mit unserer Volontärin Romana Kröling berichtet die 61-Jährige davon, was sie während ihrer fast 40-jährigen Tätigkeit bei der KSB erlebt hat.

Beate Linß. (Foto: Claudia Stranghöner)

Sie sind jetzt schon seit fast 40 Jahren in der Schwangerschaftsberatung tätig. Was waren in dieser Zeit die größten Veränderungen?

Im Rückblick auf diese bald vier Jahrzehnte denke ich an immer wieder aufgetretene „Wellenbewegungen“ sowohl im politischen Bereich als auch innerkirchlich. Eine herausfordernde Veränderung war 2001 die Neuorientierung als Katholische Schwangerenberatung außerhalb des staatlichen Systems. Es war enorm, was damals aufgestellt werden musste – und was dem SkF gerade auch in unserem Bistum voll gelang. Die stetig steigende Zahl an Ratsuchenden ist der beste Beweis dafür. Rückmeldungen zeigen, dass unsere fachliche Arbeit und unsere vielseitigen Beratungsangebote sehr geschätzt werden; aber auch die Atmosphäre in unseren KSBs wird von KlientInnen sehr positiv bewertet.

Haben sich auch die Probleme der Frauen verändert?

Ich möchte die Probleme nicht nur auf Frauen beziehen, sondern auf werdende Eltern. Ein „roter Faden“, der sich durch einige Jahrzehnte zieht, ist, dass psychische Belastungen oft einher gehen mit finanziellen Notlagen. Auffallend sind zunehmende „Multiproblematiken“. Durch die rasante Entwicklung in der Medizintechnik und die immer filigraneren Untersuchungsmöglichkeiten in der Pränataldiagnostik kommen heutzutage werdende Eltern schon in frühem Stadium der Schwangerschaft in Entscheidungssituationen, die sie oftmals überfordern. „Schwanger sein“ entwickelt sich vornehmlich zu einem medizinischen Check, der zwar am Wohl von Mutter und Kind ausgerichtet ist, aber dennoch zu Lasten einer frühzeitigen Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind geht. Mit dem Hintergrund an kultureller Vielfalt erleben wir zunehmend persönliche Lebensumstände, die durch traumatische Fluchterlebnisse von schwangeren Asylbewerberinnen und Müttern mit ihren Kindern geprägt sind.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders nahe gegangen sind?

Besonders nahe gehen Lebenssituationen, die mit Schmerz und Abschied verbunden sind. Ich denke z.B. an Frühgeburten, die bei den Eltern große Ängste auslösen, ob ihr Kind genug Kräfte zum Überleben entwickeln kann; oder auch an Situationen, wo werdende Eltern verzweifelt sind über die ärztliche Mitteilung, dass ihr Kind „anders“ als andere Kinder sein wird. Einerseits heißt dies Abschiednehmen von „ihrem Wunschkind“ ; gleichzeitig ist es aber auch eine große Herausforderung und Chance für die Betroffenen, sich auf die Einzigartigkeit des Menschen zu besinnen und sich zu öffnen, um ihr Kind – so wie es ist – anzunehmen und lieben zu können.

Gibt es auch freudige Erlebnisse, an die Sie gerne zurückdenken?

Innerhalb des Beratungsgeschehens erlebe ich oft Situationen, die sehr bereichernd sind und mich sehr berühren. Ich denke z. B. speziell an Frauen, die in der Schwangerschaft einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt waren und mir dann nach der Geburt voller Glück und mit strahlendem Gesicht ihr Kind zeigen; oder auch an werdende Eltern, die es im Laufe des Beratungsprozesses schaffen, an ihrer Beziehungskrise zu arbeiten, um ihrer Verantwortung für das Kind gerecht zu werden und sie gemeinsam tragen zu können. Es gibt viele ähnliche Momente, die ich in meiner Arbeit erleben durfte – vieles davon strahlte auf mich zurück. Ein besonderes Ereignis war für mich auch die Fotoausstellung „Ein Kind – und jetzt?“ in unserer Diözese, die fünf Jahre nach der Neuordnung der Schwangerenberatung entstand: Möglich wurde sie dank der Bereitschaft von Klientinnen, sich zu den verschiedensten Thematiken fotografieren zu lassen – und durch die einfühlsame Fotokünstlerin Constanze Wild.

Würden Sie sich wieder für diesen Beruf entscheiden?

Ja, ich würde mich wieder dazu entscheiden! Die Schwangerschaftsberatung ist fachlich sehr breit gefächert und stellt daher vielseitige Anforderungen. Und das Leben der Menschen ist spannend, auch wenn es manchmal voller Probleme steckt.

Welchen Tipp können Sie nach 39 Jahren Berufserfahrung jungen Kolleginnen geben, die noch ganz am Anfang Ihrer Tätigkeit stehen?

Dieser Beruf ist „kein Job“. Ich wünsche allen jungen Kolleginnen, dass sie ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern „leben“!