Interreligiöser Dialog im Augustana-Saal

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist...“

13.10.2021 19:50

Kann ein Satz aus dem Alten Testament spannend sein, kann er uns heutigen Menschen eine Hilfe sein auch für das alltägliche Leben? Wer am Mittwochabend der Podiumsdiskussion im Rahmen der Jüdischen Kulturwoche Schwaben folgte, kann diese Frage nur mit „Ja“ beantworten. In einem interreligiösen Dialog unterhielten sich der ehemalige Landesrabbiner Dr. Henry Brandt, Bischof Dr. Bertram Meier und der evangelische Regionalbischof Axel Piper tiefgehend und höchst unterhaltsam über das, „was gut ist“.

Die Jüdische Kulturwoche Schwaben feiert in diesem Jahr ihre Premiere (Fotos: Ulrich Bobinger / pba).

Im Mittelpunkt des Abends im Augsburger Augustana-Saal stand ein Vers aus dem Buch des Propheten Micha, der in Jerusalem im achten Jahrhundert vor Christus lebte und in seinen Schriften vielfach soziale Ungerechtigkeiten anprangerte. Laut Einheitsübersetzung heißt es bei ihm: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Henry Brandt bezeichnete diesen Satz als einen Schlüsselvers: „Es ist einer dieser Sätze in der Bibel, die zeitlos sind.“ In der Luther-Bibel ist dieser Satz sogar fett gedruckt. Regionalbischof Piper wies darauf hin, dass eine solche besondere Hervorhebung jener Sätze sogar auf Luther zurückgehe, und stellte fest: „Es sind immer Sätze, die sich auf das Tun der Menschen beziehen.“

Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott – darum ging es dem Propheten Micha, der dies in seinen Versen als echte Alternative zum oberflächlichen Opferkult anpries. Eine Sichtweise, die laut Bischof Bertram etwa zur gleichen Zeit auch beim Propheten Amos zu finden sei, der Gott sprechen lässt: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht mehr riechen.“

Diesen Zorn konnte Bischof Bertram in der Diskussion auch angesichts heutiger schöner und festlicher Gottesdienste nachvollziehen: „Es geht nicht um noch mehr Weihrauchschwaden und noch mehr Verbeugungen in feierlichen Pontifikalämtern. Es geht um den Gottesdienst des Lebens. Auf den Dienst am Nächsten will ich nicht verzichten.“

Angeregte Diskussion beim Interreligiösen Dialog im Augustana-Saal

„Recht tun“ – ist das eigentlich Voraussetzung für die Gnade Gottes? Gnade ohne Recht könne es nicht geben, so Rabbi Brandt: „Beides sind verschiedene Seiten der gleichen Medaille.“ Eine These, die die beiden christlichen Geistlichen gerne und lebhaft ergänzten. Bischof Bertram: „Es darf nicht sein, dass jemand in seinem Leben vor einem solchen Scherbenhaufen steht, dass wir Gott nicht zutrauen, daraus wieder ein Ganzes zu machen. Wir brauchen eine Kultur der Gnade und der Barmherzigkeit.“

Regionalbischof Axel Piper sah bei diesem Thema ein „lutherisches Urerbe“: „Genau das hat Luther sich ja gefragt: Wie kann ich gerecht werden vor Gott, und die Antwort ist - ich kann es eigentlich nicht. Ich werde immer wieder in Situationen kommen, in denen ich auf die Gnade angewiesen bin.“

Auch Henry Brandt konnte dort zustimmen: „Natürlich, es gibt Wege zurück: Wenn du als Mensch etwas falsch gemacht hast, heißt das nicht unbedingt, dass nur die Strafe folgt – es gibt einen Weg zurück, und das ist Gnade. Das ist Barmherzigkeit.“

Die Gäste im gut besetzten Augsburger Augustana-Saal diskutierten lebhaft mit. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist...“ - ein Satz aus dem Alten Testament, der mitten im 21. Jahrhundert für einen überaus anregenden Abend sorgte. Nicht schlecht, Micha.

Ulrich Bobinger