Porträtreihe: „Unsere Dekane“

Helmut Haug: Neugierig auf Menschen

28.06.2019 11:26

(Augsburg) Auf den ersten Blick verbindet seinen Heimatort Schwabmünchen und den kleinen französischen Wallfahrtsort Ronchamp nicht viel. Hier auf dem Land 30 Autominuten südlich von Augsburg erlebte Helmut Haug früh schon die Selbstverständlichkeit des christlichen Glaubens. Priester mit Gespür für Kunst und Liturgie wurden zu Vorbildern für ihn. Dort am Fuß der Vogesen rund 100 Kilometer westlich der deutsch-französischen Grenze beim ersten Besuch der von Stararchitekt Le Corbusier erbauten Kapelle Notre Dame-du-Haut war es ein moderner Kirchenbau, der ihn beeindruckte und in ihm ein „Aha-Erlebnis“ auslöste. Aus dem Leben des heutigen Priesters und Dekans sind beide Orte jedoch nicht wegzudenken.

Dekan Helmut Haug in der Taufkapelle der Moritzkirche, im Hintergrund eine von vier bis September ausgestellten Videoinstallationen des Künstlers Bill Viola. (Foto: Nicolas Schnall / pba)

Seine schwäbische Heimat und Frankreich prägten Helmut Haug. Noch heute hängt ein Bild von der als „Ikone der Architektur“ bezeichneten französischen Wallfahrtskapelle in seinem Pfarrhaus. 17 Jahre ist der Mittfünfziger nun Pfarrer der Moritzkirche und Leiter der City-Seelsorge. Ein Ort, der sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu erfinden musste und an dem die Menschen viel Geschichte und Tradition atmen, wie Pfarrer Haug betont. „Für mich ist dieser Ort längst zur Inspirationsquelle geworden.“ Und so fügt sich diese Kirche nahtlos in die Reihe der Orte ein, die das Leben des kulturell interessierten Priesters, der in seiner Freizeit gerne auch Opern, Konzerte und Kunstausstellungen besucht, bis heute beeinflussen.

Zudem steht der Pfarrer seit 2006 als Dekan zunächst dem Augsburger Innenstadtdekanat, heute dem um die Pfarreien im früheren Dekanat Augsburg-Ost erweiterten Dekanat Augsburg I vor. Die „Horizonterweiterung“ durch die Dekanatsreform hätten seine tägliche Arbeit ungemein bereichert. Es gebe im Pfarreileben zwar durchaus Kontraste zwischen den einzelnen Pfarreien, doch das sei auch gut so und dürfe keinesfalls eingeebnet werden. Immer häufiger stelle er fest, dass das Bewusstsein wachse, vielmehr miteinander zu kooperieren. Die Dekanatswallfahrt „über den Lech ins bayerische Ausland“ nach Herrgottsruh, durch die im Laufe der Zeit sehr schöne Verbindungen entstanden seien, bezeichnete er diesbezüglich noch als „zartes Pflänzchen“.

Nicht die Konkurrenz und alte Animositäten zählten heutzutage, sondern die Betonung und Pflege der „eigenen spirituellen Biotope“. Daher sieht Dekan Haug auch ein pastorales Konzept für die Augsburger Innenstadt als eine nächste große gemeinsame Aufgabe. Denn es sei bei weitem nicht so, dass in der Stadt keine Seelsorge mehr möglich oder kein „reiches Pfarreileben“ vorhanden sei, unterstreicht er.

Gute Voraussetzungen dafür bringt der Moritzpfarrer mit. „Ich bin immer bei meiner Haltung geblieben, neugierig auf Menschen zuzugehen. Von ihnen zu erfahren, was sie denken, was sie hoffen, in welcher Lebenssituation sie sich befinden.“ Zudem befinde er sich als Pfarrer mit nur einer Kirche in der glücklichen und luxuriösen Situation, viel Zeit für Gespräche zu haben. „Überdurchschnittlich viel Zeit, um mit Menschen im Glauben unterwegs zu sein“, so der Dekan.

Höhepunkt dieser Begegnungen sei für Dekan Haug die mit seiner Gemeinde in den Gottesdiensten. „Es ist wunderschön zu sehen, wie die Liturgie Sonntag für Sonntag unterschiedliche Menschen zusammenbringt.“ Das Wort vom gemeinsam pilgernden Gottesvolk war und ist für ihn bis heute ein wichtiger Gedanke geblieben. Ein Gedanke, dessen Zielrichtung ihm jedes Mal beim Betreten seiner Pfarrkirche in der Figur des Christus Salvator von Georg Petel nicht nur plastisch vor Augen tritt, sondern auch seine Verkündigung maßgeblich bestimmt. „Wir schauen nicht in eine ungewisse Zukunft, sondern Christus kommt uns von dort entgegen“, ist er überzeugt.

Die Zukunft an diesem geschichtsträchtigen Ort, der 2019 sein 1000-jähriges Jubiläum feiert, mitzugestalten, ist für Dekan Haug das A und O. Die Doppelstruktur von Pfarrei und Cityseelsorge erlebe er dabei zwar persönlich oft als spannungsgeladen, jedoch könne gerade daraus auch Fruchtbares entstehen. Das gilt für ihn auch mit Blick auf die Ökumene und interreligiösen Gespräche. Themen, die längst zu einem wesentlichen Bestandteil seines Lebens geworden sind. Grundlage hierfür seien vor allem die persönlichen Beziehungen, sonst bliebe alles theoretisch, so der Dekan. „Der Dialog ist kein Spielplatz, sondern essenziell für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.“ Nur müssten wir als Christen hier noch viel mehr mit einer Stimme sprechen. 

Text: Nicolas Schnall