Deutsche Bischofskonferenz

Jahrestagung Weltkirche und Mission: „Das Christentum als Quelle von Frieden und Konflikten“

15.06.2022 14:03

Bonn (DBK). In Würzburg ist an diesem Mittwoch die dreitägige Jahrestagung der Konferenz Weltkirche zu Ende gegangen. 120 Vertreterinnen und Vertreter der weltkirchlichen Arbeit in Deutschland und internationale Gäste widmeten sich dem Thema „Das Christentum als Quelle von Frieden und Konflikten“. Bischof Dr. Bertram Meier, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, betonte die Aktualität friedensethischen Denkens: „Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine hat den Menschen in Deutschland und in Europa dramatisch vor Augen geführt, dass der Friede keine Selbstverständlichkeit darstellt. Bewaffnete Konflikte sind eine grausame Realität. Nicht selten werden sie religiös aufgeladen. Umso mehr müssen wir uns fragen, welche Rolle das Christentum und die Kirchen in Konflikten und in Friedensprozessen spielen sollen.“

Das Podium mit Kardinal Peter Turkson bei der Jahrestagung Weltkirche in Würzburg. (Fotos: Damian Raiser / weltkirche.de)

Eröffnet wurde die Tagung mit drei Grundlagenreferaten. Die Politikwissenschaftlerin Dr. Claudia Baumgart-Ochse ging der Frage nach, welche Rolle Religionen in Konflikten einnehmen und mahnte zu einem differenzierten Blick. Weder ließe sich pauschal sagen, dass Religionen konfliktverschärfend, noch dass sie konfliktmindernd wirken würden. Viel eher müssten regionale Kontexte, religiöse Eigendynamiken und politische Instrumentalisierungen des Religiösen beachtet werden. Resümierend warnte sie davor, das Narrativ der konfliktfördernden Religionen und des friedliebenden säkularen Staates zu übernehmen: „Der Mythos der religiösen Gewalt dient dazu, ein religiöses, fanatisches, gewalttätiges Gegenüber zu konstruieren, das mit dem säkularen, friedliebenden, vernünftigen Selbst kontrastiert.“

Im Anschluss daran zeigte der Theologe und Friedensethiker Prof. em. Dr. Heinz-Günter Stobbe, dass es gegenwärtig keiner grundlegenden Revision der kirchlichen Friedensethik bedürfe. Er machte jedoch auch deutlich, dass „die Kirche keinen Masterplan für den Frieden hat. Sie wisse aber mit Sicherheit, wie schnell alle Friedenspläne zu Asche verbrannt werden, wenn es den Menschen an einigen elementaren Tugenden, besonders an Friedfertigkeit fehle“.
Der Geschäftsführer der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Dr. Jörg Lüer, skizzierte die zur Überwindung des Gewaltproblems notwendigen Schritte. Diese beruhten im Wesentlichen auf den drei Säulen Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung. Hier stelle sich eine anspruchsvolle und komplexe Herausforderung: „Versöhnungsprozesse sind in erster Linie Konfliktprozesse und setzen daher auch Konfliktfähigkeit voraus. Für Versöhnung gibt es keine Patentrezepte – vielmehr sind ein langer Atem und kontextspezifische Lösungen gefragt.“

Im Anschluss daran hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, sich in Arbeitsgruppen mit der konkreten Friedensarbeit der Kirchen und Religionen in bestimmten Kontexten vertraut zu machen: in Simbabwe, Palästina und Israel, Brasilien, Bosnien, im Irak und Syrien, in der Ukraine und auf den Philippinen. Die gewonnenen Einsichten zur kirchlichen Friedenspraxis konnten durch zwei Vorträge aus internationaler Perspektive vertieft werden. So beschrieb der Bischof von Hong Kong, Stephen Chow Sau Yan SJ, den kirchlichen Beitrag zum Frieden unter den besonderen Bedingungen in Hong Kong und China. Dabei komme es auch darauf an, „hoffnungsvoll auf den Gott der Geschichte zu vertrauen, ohne – angesichts der politischen Entwicklungen – in Naivität zu verfallen“.

Die vatikanische Sichtweise stellte der ehemalige Präfekt des Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, Kardinal Peter Turkson, vor. Ausgehend von der päpstlichen Sozialverkündigung machte er deutlich, dass Friede niemals ohne Gerechtigkeit erreichbar sei. Die päpstliche Friedenslehre bestehe aus „verlässlichen Bausteinen für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft“: (1) einer realistischen Wahrnehmung der Probleme der jeweiligen Zeit; (2) einer umfassenden Vision für die Zukunft der Menschheit und ein gerechtes Zusammenleben; (3) Vertrauen und Geduld in die langandauernden Friedensprozesse; (4) eine Kultur des Friedens, die von der Überzeugung getragen ist, dass Frieden möglich sei und (5) einer ständigen Verpflichtung zum Dialog mit Gesellschaft, Politik und anderen Religionen.

Einen weiteren Impuls zum Frieden in der Welt setzte Ralf Becker. Als Koordinator des Projekts „Sicherheit neu denken“ stellte er das im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Baden erarbeitete Konzept vor. Es beinhaltet im Kern die Vision einer Konversion der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik. Eine solche Sicherheitspolitik ruhe auf fünf Säulen: gerechte Außenbeziehungen, nachhaltige Entwicklung der EU-Anrainerstaaten, Teilhabe an der internationalen Sicherheitsarchitektur, resiliente Demokratie und die Konversion der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie.

In seinem Abschlussstatement zur Jahrestagung dankte Bischof Bertram Meier allen Organisationen, die den kirchlichen Dienst am Frieden aktiv mittragen und gestalten. „Religionen sind nicht per se gewaltförderlich, aber auch nicht quasi-automatisch friedensfördernd. Religionen haben Potenzial für den Frieden. Das Christentum hat Potenzial für den Frieden. Dieses gilt es zu entfalten“, so Bischof Meier, der die Bedeutung dieses Engagements unterstrich: „Der Einsatz für den Frieden ist für die Kirche keine Kür, sondern Pflicht. Denn die Kirche ist das Sakrament des Friedens!“

Hintergrund
Veranstalter der Jahrestagung ist die „Konferenz Weltkirche“, in der die Deutsche Bischofskonferenz, die deutschen (Erz-)Bistümer, die Hilfswerke, die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK), die katholischen Verbände, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und andere weltkirchlich tätige Einrichtungen zusammenarbeiten.