Ökumenischer Hochschulgottesdienst

Kanzelrede: Gute Gründe, in der Kirche zu bleiben

06.02.2022 20:29

„Warum bleiben, wenn die Kirche zum Davonlaufen ist?“ Den Antwortversuch auf diese Frage unternahm Bischof Bertram bei seiner Kanzelrede an diesem Sonntagabend in der Evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche und nannte Gründe, die für ihn für einen Verbleib sprechen. Damit beschloss der Bischof die Themenreihe „Austreten“ der ökumenischen Augsburger Hochschulgottesdienste im zu Ende gehenden Wintersemester 2021/22.

Die Kanzel in der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche. (Fotos: Nicolas Schnall / pba)

Gerade unter der Schablone der zahlreichen Negativschlagzeilen der vergangenen Monate und Jahre, die die Glaubwürdigkeit von Kirche nachhaltig erschüttert hat, fällt es schwer zu begründen, welche Existenzberechtigung eine solche Institution noch hat. Doch Bischof Bertram ist überzeugt: „Trotz aller Fehler, ja Verbrechen in der Kirche ist es ein Segen, dass es Kirche(n) gibt und warum es sie auch zukünftig braucht.“ Denn Kirche sei keine starre Größe, sondern stets dynamisch, eine lebendige Gemeinschaft von gläubigen Menschen, die gemeinsam unterwegs durch die Zeit und somit vor immer neue Herausforderungen gestellt seien. Eine davon: Als weltweite Glaubensgemeinschaft die Botschaft des Evangeliums stets in der Spannung von Kontinuität und Wandel, von Bewahren und Erneuern in die nächste Generation weiterzutragen und in die jeweilige Zeit zu übersetzen.

Dass diese uns Christen ins Stammbuch geschriebene Aufgabe „das Zeug zur Zerreißprobe“ hat, dessen ist sich Bischof Bertram bewusst. Das habe er gerade erst in den zurückliegenden Tagen in Frankfurt auf der dritten Synodalversammlung des „Synodalen Wegs“ erleben dürfen. „Während den einen die Reformprozesse nicht schnell genug gehen, fürchten die anderen den Verlust des katholischen Profils.“ Der bei aller Auseinandersetzung mit und in der Kirche diagnostizierten Lebendigkeit stellt der Bischof jedoch auch die auf der Kippe stehende Einheit sowie Trägheit und Müdigkeit gegenüber: „Wo ist der Schwung geblieben, mit dem die Jünger einst Jesus gefolgt sind? Was wurde aus dem Feuer der Begeisterung, mit dem die Apostel an den Start gingen? Diesen Fragen müssen wir uns ehrlich stellen, wenn Kirche zukunftsfähig sein will, anstatt egozentrisch um sich selbst zu kreisen und irgendwann als ‚trauriger Rest‛ zu verkümmern.“

Gemeinsam mit Papst Franziskus teilt Bischof Bertram den Traum von einer missionarischen Kirche, die in Bewegung ist, und deren Seelsorger von einer „ständigen Haltung des Aufbruchs“ getragen sind. Damit sei für ihn aber keine „erhöhte Betriebsamkeit“ und „blinder Aktionismus“ gemeint. „Die Menschen von heute wollen etwas sehen von unserem Glauben. Sie wollen sehen, ob wir das leben, was wir lehren. Sie wollen sehen, wie es bestellt ist um das große Wort der Liebe, das wir als Christinnen und Christen so gern im Mund führen. Sie wollen sehen, ob wir glaubwürdig sind“, betonte er vor den Studentinnen und Studenten. Die Berufung der Kirche liege eben darin, ein Ort zu sein, deren Tore weit offenstehen, wo Menschen Wärme und Geborgenheit finden, gerade auch diejenigen, deren Leben anders ist als es unsere Normen vorschreiben oder deren Biographien Brüche aufweisen.

Gründe, warum es die Kirche genau dafür braucht, gäbe es für den Bischof genug, zehn davon nannte er. Ganz oben auf seiner Liste, für die er sich von einem Flyer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg inspirieren ließ, steht Jesus Christus, in dem die Kirche „ihren Sinn und ihre Hoffnung“ finde, denn er habe uns das innerste Wesen Gottes, die Liebe, offenbart. In dem Wissen, dass Gott alle Menschen und seine gesamte Schöpfung liebt, gebe dies vielen Menschen täglich Halt und mache Kirche zu einer „Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung“, so Bischof Bertram. Eine Gemeinschaft, die Orte kennt, in denen Gottes Nähe spürbar ist, die Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet, die mit der Heiligen Schrift ein „Lehrbuch des Lebens“ zur Hand hat und die ohne jede Vorleistung Menschen als geliebte Geschöpfe Gottes annimmt und sich mit gesellschaftlich Benachteiligten in Nah und Fern solidarisch zeigt. Aber auch in der Kirche als „Talentschuppen“, „Begegnungszentrum“, „Versöhnungsort“ und Kulturschmiede“ sieht der Bischof gute Gründe, sich weiterhin in der Kirche zu engagieren.

Dem Gottesdienst standen der evangelische Stadtdekan Michael Thoma und der Liturgiewissenschaftler Professor em. Dr. Josip Gregur SDB vor. Für die musikalische Gestaltung des dritten und letzten Ökumenischen Hochschulgottesdienstes in diesem Wintersemester sorgten Klarinettistin Lisa Riepl und Heinz Dannenbauer an der Orgel mit Werken von Bach, Mozart und Rheinberger.

 

 

Geschichte

Seit dem Jahr 2000 gibt es die ökumenischen Hochschulgottesdienste in der Stadt Augsburg. Hauptsächlich Professorinnen und Professoren verschiedener Fachrichtungen, aber auch Bischöfe und Politiker ergreifen im Gottesdienst das Wort, sie sprechen Themen an, die Menschen bewegen, stellen Fragen, die nicht überhört werden dürfen. Es sind Gottesdienste für alle. Es geht um aktuelle Themen und Bibelworte, die zum Nachdenken und Diskutieren, aber auch zum Schmunzeln anregen. Musikalisch werden diese Gedanken durch Studierende der Musikhochschule untermalt. Der offen gestaltete Gottesdienst steht in der Tradition gelebter Ökumene in Augsburg.

www.hochschulgottesdienste.de