Künstlerin-Gespräch mit Lilian Moreno Sánchez
Wenn im Exerzitienhaus St. Paulus in Leitershofen Ausstellungen stattfinden, trifft Kunst auf Architektur. Dies kann derzeit in besonderer Weise bei einer Ausstellung der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez unter dem Thema „Woran du dein Herz hängst?“ erfahren werden.
Vor der beeindruckenden Kulisse der von Thomas Wechs 1963 im Stil des Neuen Bauens errichteten Kirche des Exerzitienhauses hängen im Quertonnengewölbe freischwebend vier große Zeichnungen von der Decke. „Wie für hier gemacht!“, schwärmte der Direktor des Hauses, Pfarrer Dr. Christian Hartl, bei einer Veranstaltung, die am ersten Adventssonntag flankierend zur Ausstellung stattfand.
Begonnen hatte das Künstlerin-Gespräch im Lichthof des Exerzitienhauses, der wie der Kreuzgang eines modernen Klosters die Zimmerflure mit den Gemeinschaftsräumen verbindet und sich mit bodentiefen Fenstern um einen Brunnenhof öffnet. Ein guter Ort für einen in unsere Zeit übertragenen Kreuzweg, den die Künstlerin in der vierzehnteiligen Serie LEMA an dieser Stelle präsentiert. Im Gespräch mit der Kuratorin der Ausstellung, Dr. Daniela Kaschke, schilderte Lilian Moreno Sánchez eindrücklich die biografischen und politischen Hintergründe dieser Werkreihe. Sie verarbeitete darin persönliche Erlebnisse sowie Momente kollektiver Erinnerung an die chilenische Militärdiktatur, wie das Schicksal der Witwen verschwundener, gefolterter und nie zurückgekehrter Männer. Die Namen dieser Frauen, ihre Handschrift und ihre Betttücher sind in den großformatigen Leinwänden eingearbeitet und werden so dem fernen Betrachter beinahe zum Greifen nah.
Das Leid der Menschen habe sie immer schon berührt, betonte die Künstlerin. Es dränge sie, mit ihrer Kunst davon zu erzählen, zu erinnern, sichtbar zu machen, damit dadurch auch Trost und Heilung geschehen könne. So sollte auch der Entwurf für das Logo zum diözesanen Ulrichsjubiläum 2023/2024 nicht nur die Empathie des Bistumspatrons Ulrich aufgreifen, sondern diese auch mit den Nöten unserer Zeit in Verbindung bringen. Diese wurden während der Entstehungszeit des Kunstwerks vor allem in der Coronapandemie sichtbar, weshalb der Entwurf die zeichnerisch abstrahierte Form des Röntgenbildes eines infizierten Lungentrakts darstellt. Domkapitular Dr. Thomas Groll, Vorsitzender des Bischöflichen St.-Ulrich-Komitees, war maßgeblich an der Auswahl der Künstlerin für den Logoentwurf beteiligt. Im Rahmen der Veranstaltung berichtete er, wie die künstlerische Qualität von Lilian Moreno Sánchez, ihre Herangehensweise an die Themen sowie frühere Arbeiten für das Bistum Überzeugung fanden. In seiner Ansprache betonte er zudem, wie wichtig es nach wie vor und auch in diesen Zeiten sei, dass Kirche zeitgenössische Kunst unterstütze.
Dass Kunst, Kirche und Gesellschaft in produktiver Weise zusammenkommen, zeigt jedes Jahr auch das Misereor-Hungertuch. Dieses wird jeweils von einer Künstlerin oder einem Künstler gestaltet, greift ein soziales Thema auf und zieht dann als Banner durch die Kirchen, Schulen und Gemeindesäle des ganzen Landes. Mit den erzielten Spenden werden wichtige Projekte der Hilfsorganisation möglich gemacht. Das Hungertuch des vergangenen Jahres entstand in einem Augsburger Atelier, aufwendig gearbeitet, genäht und gezeichnet von Lilian Moreno Sánchez. Nun hängt es an einer großen Wand im Exerzitienhaus und verweist erneut auf das Schicksal des Heimatlandes der Künstlerin. In einem Kurzfilm erfuhren die Besucherinnen und Besucher des Künstlerin-Gesprächs von den Aufständen in Chile, die dort 2019 stattfanden und konnten dabei zusehen, wie Lilian Moreno Sánchez den Staub vom Plaza Italia, an dem viele Menschen verletzt und getötet wurden, in Tücher einreibt. Auf diese Tücher zeichnete sie später die Röntgenaufnahme eines gebrochenen Fußes. Der Fuß eines an diesen Aufständen beteiligten und hierbei verletzten Menschen. Die Tücher sind miteinander vernähte Bettlaken aus einem Kloster und einem Krankenhaus. Das bedeute, dass körperliche und seelische Heilung zusammenkommen müsse, erklärte die Künstlerin mit Nachdruck.
Die Ausstellung ist noch bis Ende des Jahres zu den regulären Öffnungszeiten des Exerzitienhauses zu sehen:
Montag bis Freitag: 8 -18 Uhr
Samstag: 8 -15 Uhr
Sonntag: 8 -14 Uhr
Adresse
Diözesan-Exerzitienhaus St. Paulus
Krippackerstraße 6
86391 Stadtbergen
Tel.: 0821 90754-0,
E-Mail: info@exerzitienhaus.org
Homepage: www.exerzitienhaus.org