100 Jahre Diözesan-Caritasverband

"Sprengkraft gelebten christlichen Glaubens": Bischof Bertram unterstreicht unerlässliche Bedeutung der Caritas

17.06.2021 10:13

Augsburg (pca). Am 16. März 1921 hatte Bischof Maximilian von Lingg (Bischof von Augsburg 1902–1930) den Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V. ins Leben gerufen. Erklärtes Ziel war es damals: Alle sozialen Vereine, Dienste und Einrichtungen in der katholischen Kirche sollten zu einer gebündelten Kraft als kirchliche Antwort auf die Herausforderungen der damaligen Zeit und zu einem starken und einflussreichen Vertreter sozialer Interessen gegenüber Staat und Behörden zusammengefasst werden. Diese Bedeutung und diesen Auftrag des Diözesan-Caritasverband mit seinen weit mehr als 23.000 Beschäftigten in über 1.200 Einrichtungen, Diensten, Trägereinrichtungen und Fachverbänden für über 300.000 Menschen in Krisen und in Not im Jahr hat nun Bischof Dr. Bertram Meier erneut bekräftigt.

Bischof Bertram predigt beim Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Diözesan-Caritasverbands. (Foto: Annette Zoepf / Caritas Augsburg)

Im Pontifikalgottesdienst aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums hob Bischof Bertram zudem in seiner Festpredigt im Augsburger Dom die Bedeutung der Caritas für die Kirche besonders hervor. „Sie stehen in einer zentralen, unerlässlichen Aufgabe der Kirche. Sie stehen mit Ihrem Dienst am Lebensnerv der Kirche.“ Schon kurz nach dem Einzug in den Dom hatte der Bischof in seiner Begrüßung auf den Dienst der Caritas und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hingewiesen. Die im Dommittelgang aufgestellten Roll-ups, mit denen Caritas-Mitarbeiter auf ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis unter ihrem Motto „Mensch sein für Menschen“ hinwiesen, hätten den liturgischen Dienst gezwungen, im „Slalom“ einzuziehen. So sei der Einzug bereits selbst zur Predigt geworden. „Sie als Caritas-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen sich als Stolperstein dazwischen, wenn es zu glatt läuft“. Dass die Geistlichkeit sich vor dem Caritas-Triptychon von Franz Höchstötter vor dem Alter verbeugte, weise darauf hin, dass sie sich vor dem Menschen verbeugen.

Der Caritasverband für die Diözese Augsburg hatte eigentlich mehrere Jubiläumsfeierlichkeiten geplant. Doch die Corona-Pandemie ließ eine Veranstaltung nach der anderen ausfallen. Bischof Bertram pochte aber darauf, die Monate nicht verstreichen zu lassen, ohne mit dem Diözesan-Caritasverband Gottesdienst zu feiern. Auch aktive und ehemalige Caritasdirektoren waren mit dabei. Unter ihnen Prälat Karlheinz Zerrle (Diözesan-Caritasdirektor von 1990 bis 2000 und bis 2011 bayerischer Landes-Caritasdirektor), Prälat Peter C. Manz (Diözesan-Caritasdirektor von 2003 bis 2011), Prälat Bernhard Piendl (amtierender Landes-Caritasdirektor) und Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg wie auch Generalvikar Harald Heinrich. Ihre Verbundenheit mit der Caritas bekundeten ebenso der ehemalige Augsburger Caritas-Pfarrer Karl Mair und Caritas-Seelsorger Heinrich Weiß.

Auch Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber ließ durch Bürgermeister Bernd Kränzle ihren „herzlichsten Dank“ dafür ausrichten, dass die Caritas mit ihren vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  sich Tag für Tag einem großen sozialen Aufgabenkatalog von der Kinder-, Behinderten-, Krankenpflege, über die Suchtarbeit und die sozialpsychiatrische Dienst bis zur Hospiz- und Palliativarbeit stellen. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass der Caritasverband in den vergangenen 100 Jahren so aktiv war und auch in Zukunft sein wird“, las Bürgermeister Kränzle vor. Er lobte am Ende des Gottesdienstes mit sehr persönlichen Worten die Caritas: „Der Diözesan-Caritasverband ist für die Stadt Augsburg ein herausragender, starker und verlässlicher Partner.“

Pandemiebedingt konnten nur etwas mehr als 100 aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Caritasverbandes für die Diözese den Gottesdienst mitfeiern. Es war für den Diözesan-Caritasverband nicht nur wegen des Bischofs eine besondere Messfeier. Der bekannte Kirchenmusiker und Komponist Robert Haas hatte seinen Jubiläumssong „Mensch sein für Menschen“ für die Gottesdienstfeier geschaffen. Caritas-Mitarbeiter Daniel Pain hatte seinerseits einen Jubiläumssong mit dem Titel „100 x 100 und Du“ geschrieben. Beide Lieder wurden während des Gottesdienstes uraufgeführt.

Nach dem Gottesdienst mit Bischof Bertram pflanzten vier Caritas-Direktoren einen Rosenstrauch zur Erinnerung an das Jubiläum im Innenhof des Augsburger Caritas-Hauses. (V. l.) Landes-Caritasdirektor Prälat Bernhard Piendl, sein Vorgänger und ehemaliger Diözesan-Caritasdirektor Prälat Karlheinz Zerrle, Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg und dessen Vorgänger Prälat Peter C. Manz. (Foto: Caritas Augsburg / Bernhard Gattner)

Nach dem Gottesdienst pflanzte Augsburgs Bischof im bischöflichen Garten wie auch der Diözesan-Caritasverband im Innenhof des Caritas-Hauses einen Rosenstrauch zur Erinnerung an das Jubiläum wie auch die Schutzpatronin der Caritas, der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Bei dem Rosenstrauch handelt es sich um den „Roten Corsar“, der rote Blüten trägt und als wetterfest ist. Die Rose in seinem Garten, so sagte er später, werde für ihn „Auftrag, Ansporn und ein Gewissensspiegel“ sein: „Bertram, wie hältst Du es mit Deinem bischöflichen Dienst.“

Schon auf dem Domvorplatz wurden die Gottesdienstteilnehmer*innen auf das hingewiesen, wer feiert und was sie feiern und wie wichtig für ihr Selbstverständnis das Motto des Diözesan-Caritasverbandes „Mensch sein für Menschen“ ist. Lebensgroße Figuren wiesen auf soziale Krisen von Menschen hin wie auch auf das Jubiläumsjahr. Im Dom versperrten 10 Roll-ups den Gottesdienstteilnehmern den Weg zu ihren Bänken. Darauf machten die Caritas-Mitarbeiter deutlich, wie sie ihren Dienst für Menschen in Not verstehen.

Deren Gedanken griff der Bischof in seiner Predigt auf. Für ihn reiche es nicht aus, allein die „notwendigen Gesetze“ zu beachten. Caritas werde erst dann wirklich zum Lebensnerv der Kirche, wenn bei allem Einsatz einer Institution und deren politischem Engagement „die Menschen vom Rand, Kranke, Menschen mit Behinderung, Arbeitslose, Vereinsamte oder Verschuldete, ins eigene Herz, in die Mitte der Gemeinden, in den Brennpunkt kirchliches Leben rücken.“ Dazu müsse man nicht unbedingte Gesetze umgehen. Jesus selbst habe keineswegs die Gesetze des Alten Bundes abgeschafft. „Er hat sie auch nicht vergrößert und auch nicht enger gefasst. Aber er greift durch die Maschen hindurch zum Innersten des Menschen, zu seinem Herzen. Er zeigt, wer der Nächste ist.“

Was das konkret bedeuten kann, erläuterte Bischof Dr. Meier am Beispiel der Frage, wie Einwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber zu behandeln seien. Falsch sei es, nur darüber zu sprechen, weil es gerade „in“ sei. Christen sollten lieber schweigen, wenn sie nur sagten, was andere bereits sagen. „Denn die Welt braucht keine Verdoppelung ihrer Ratlosigkeit durch Religion. Sie braucht die Sprengkraft gelebten christlichen Glaubens.“ Diese Sprengkraft zeichne sich dadurch aus, dass der Grundsatz „Wir sind nur Gast auf Erden“ zum Handlungsgrundsatz werde. „Wer die Heimat zum ewigen Privatbesitz oder zur unwiderruflichen Erbpacht erklärt, der überschätzt sich selbst. Außerdem handelt er unchristlich. Wir sind unterwegs, aus vielen Ländern und Nationen, wirklich bunt ‚katholisch‘ (die Welt umspannend). Die Erde ist nicht unsere ewige Heimat, noch weniger ein fest umgrenztes staatliches Territorium.“

So habe auch der barmherzige Samariter im Evangelium nicht nach dem Gesetz gehandelt. Seine Hilfe als „ausländischer Ketzer“ für den ausgeraubten Juden sei aus dem Herzen gekommen. Diesen Samariter mit dem für Juden damals „falschem Gebetbuch“ habe Jesus in seiner Erzählung nicht nur zum Vorbild erhoben. Jesus habe damit eine eindeutige Botschaft in das Stammbuch der Christen geschrieben, die „aktueller denn je für unsere Kirche ist“: „Es ist nicht getan mit der festlichen Sakramentsprozession; der samaritanische Dienst ist die Nagelprobe, ob unsere Gottesdienste ernst und glaubwürdig sind.“

(Foto: Bernhard Gattner / Caritas Augsburg)

An die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas gerichtet sagte er zur Ermutigung und zur Bestätigung ihrer Arbeit: „Wer bei der Caritas arbeitet, ist kein Anhängsel des kirchlichen Lebens.“ Caritas sei kein Teil der Kirche, das zwar vorhanden ist, man aber wie den Blinddarm eigentlich nicht brauche. Caritas sei vielmehr unersetzliches, wesentliches und prägendes Merkmal der Kirche. Sie sei deshalb „der Magen der Kirche“, der Ort, wo Schweres, Scharfes, Bitteres, auch Vergiftetes verdaut werden müsse. So sei die Caritas eben „kein Accesssoire“, „sondern Kern des Evangeliums für das Leben der Welt“.

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter komme deshalb auch eine besondere Rolle in der Kirche zu. Die Liebe sei nämlich der „Lackmustest für die Wahrheit“. Und deshalb seien sie, so der Bischof, „mehr als Fachfrauen und –männer in sozialer Arbeit. Sie gehören zur Mission der Kirche!“ Bischof Bertram lud sie mit Worten von Papst Franziskus dazu ein, ihre besondere Mission, „Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten zu heilen und befreien“, zu erkennen und anzunehmen.