Porträtreihe "Unsere Dekane"

Thomas Rauch: Ein Spezialist für viele Fälle

13.12.2019 12:00

(Bobingen) Die Weichen wiesen für Thomas Rauch eher in die glitzernde Welt der Hochfinanz, als ihm ganz unerwartet seine eigentliche Berufung klar wurde. Bereut hat der ehemalige Bischofssekretär diesen Schritt freilich nie, denn die Arbeit als Pfarrer und Dekan in Bobingen macht ihm jeden Tag aufs neue Freude.

Wer zu Thomas Rauch ins Bobinger Pfarrhaus fährt, hat die vielfältigen Aufgaben eines Pfarrers und Dekan gleich überall um sich. Noch bevor angeläutet werden kann, geht schon die Türe auf, und eine junge Mutter kommt mit ihren zwei Kindern vom Taufgespräch heraus. Der Pfarrer selber sitzt schon wieder am Telefon und spricht mit einer ehemaligen Ministrantin, die sich für ein Empfehlungsschreiben bedankt. Draußen türmen sich Steinhaufen und Werkzeuge, denn das alte Pfarrheimgebäude wird gerade renoviert. Die Haushälterin manövriert ihr mit Getränkekisten beladenes Auto vorsichtig an den Handwerkern vorbei, und auf der anderen Straßenseite steht die Kirche und erinnert mit ihrem Geläut geduldig an Uhrzeit und Gottesdienst.

Was in den Getränkekisten der Pfarrhaushälterin drin war? Genau kann es nicht gesagt werden, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dürfte es sich dabei um Spezi gehandelt haben, denn: „Ich bin der größte Spezi-Trinker, den ich kenne!“ Sagt der Pfarrer und verweist auf die zahlreichen Flaschen, die überall im Pfarrhaus strategisch verteilt seiner harren. „Wenn ich in die Sakristei komme und es steht dort eine Flasche Spezi bereit, dann weiß ich, dass ich von diesem Ort Besitz ergriffen habe“, lacht Thomas Rauch und öffnet sich und seinem Gast je eine Flasche von… Genau.

Aber natürlich dreht sich im Bobinger Pfarrhaus längst nicht alles um Spezi, Schafkopf und Schokolade – „meine drei großen Laster“, wie Pfarrer Rauch gerne einräumt. Der trotzdem schlanke und großgewachsene 52-jährige – sein viertes Laster ist nämlich der Sport, dem er regelmäßig und mit Hingabe frönt – leitet die Pfarrei in Bobingen seit nunmehr acht Jahren. Zu seinen größten Aufgaben in dieser Zeit gehörte auch die Zusammenlegung mehrerer Pfarreien zur großen Pfarreiengemeinschaft Bobingen, die fünf Gemeinden und über achteinhalbtausend Katholiken in sich vereint. Als Präses leitet er eine der größten Kolping-Familien der Diözese, seit über zwanzig Jahren bringt er sich immer wieder auch aktiv im Priester- und Dekanatsrat ein, und als Dekan bemüht er sich um den Zusammenhalt der Geistlichen vor Ort.

Der gebürtige Buchloer wuchs in Kaufbeuren auf. An die lebendige Jugendarbeit der dortigen Stadtpfarrei St. Peter und Paul erinnert er sich heute noch gern zurück. Trotz seiner umfassenden katholischen Sozialisation konnte er sich als Jugendlicher nie vorstellen, einmal Priester zu werden. Stattdessen ging der älteste von drei Brüdern nach dem Abitur erst einmal zur Bundeswehr, bevor er es dann bei der angesehenen Wirtschaftsuniversität in St. Gallen probierte – und unter hunderten Bewerbern prompt ausgewählt wurde. Es waren also alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche und einträgliche Karriere gegeben – wenn nicht ein plötzliches Berufungserlebnis die Lebenspläne des heutigen Pfarrers radikal umgelenkt hätte. Er sei gerade im Adventsgottesdienst der neugotisch gestalteten St. Gallener Pfarrkirche St. Otmar gesessen, erinnert sich der Dekan. „Plötzlich stand die Frage im Raum: Warum wirst du eigentlich nicht Pfarrer?“ Nach langem Überlegen und Mit-Sich-Ringen stand schließlich fest: Sein Weg würde ein anderer sein. Thomas Rauch verließ die Schweiz wieder und trat in das Augsburger Priesterseminar ein. 1991/92 verbrachte er ein Studienjahr an der Gregoriana in Rom und konnte dort die Vielfalt der Weltkirche aus nächster Nähe erfahren, 1995 wurde er schließlich zum Priester geweiht.

Nach zwei „ganz prägenden“ Jahren als Kaplan in Weilheim kam dann aber schon der nächste unerwartete Berufswechsel. Der damalige Bischof Viktor Josef Dammertz holte den jungen Geistlichen aus der Pfarrseelsorge heraus und machte ihn zu seinem Sekretär – eine wirklich schöne Zeit sei das gewesen, in der er viel herumkam und dadurch auch viel vom Bistum sah. Ein Foto von der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999, bei der der damalige Bischofssekretär neben Kardinal Cassidy stehen durfte, schmückt bis heute die Wand seines Sprechzimmers. Nach drei Jahren wechselte Rauch dann zurück in die Seelsorge und übernahm die Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Landsberg. Für ihn war das ideal: „Ich mag kleinstädtische Pfarreien mit ihrem ländlichen Element“, sagt er, und die Nähe Landsbergs zu seinem Elternhaus sei auch von Vorteil gewesen. Zehn Jahre lang amtierte er dort als Pfarrer, bevor er nach einer kurzen Zwischenstation als Dompfarrer in Augsburg die Gemeinde in Bobingen übernahm. Und immer begleitete ihn in dieser Zeit das Dekaneamt, das er seit bald zwanzig Jahren fast ununterbrochen ausfüllt.

Langweilig wird dem umtriebigen Geistlichen also nicht so schnell, Arbeit gibt es immer mehr als genug. Und doch betont er: „Ich habe keinen Tag und keine Sekunde als Priester bereut!“ Als Ausgleich geht er regelmäßig laufen, skifahren oder golfen – wie seine beiden Brüder ist er begeisterter Golfspieler. Die drei Geschwister treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Spiel. Es eint sie übrigens nicht nur die Vorliebe für den Golfsport, denn auch die beiden jüngeren Brüder sind im kirchlichen Bereich tätig: Der Eine als Franziskanerpater in Südtirol und der Andere als Religionslehrer im Oberbayerischen.

„Seelsorge ist ein Fass ohne Boden“, weiß der Geistliche – das Dasein als Pfarrer sei zudem nicht immer einfach, „aber sehr erfüllend!“ Diese Botschaft gibt er auch gern an junge Nachfolger im Priesteramt weiter. Trotz allen Rückschlägen, schwierigen Zeiten und harter Arbeit dürfe man sich dennoch Energie, Freude und Schwung nicht rauben lassen. „Glaube ist großartig!“, freut er sich und sagt, dass das regelmäßige Gebet, das Abschalten und Sich-nicht-zu-ernst-nehmen für Priester ganz wichtig sei. Er selber schafft das, indem er jeden Abend vor dem Zubettgehen noch einmal bei der Lektüre verschiedener Zeitungen sowie im Gebet den Tag Revue passieren lässt. Außerdem geht er einmal im Jahr in Exerzitien, die zum Teil von seinem Bruder in Italien gestaltet werden. Und im Klein-Klein des Alltags bleiben ihm seine vier kleinen Laster: die Schokolade, das Schafkopfen, der Sport und die immer griffbereite Spezi.

 

Text: Julian Schmidt
Oktober 2019

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