Ökumene / Nachruf

Bischof Bertram zum Tod von Hans Küng

07.04.2021 10:36

Am 6. April ist der Theologe Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen verstorben. Bischof Dr. Bertram Meier hat aus diesem Anlass einen Brief an Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel geschrieben, der dem Verstorbenen als Direktor des Instituts Weltethos Tübingen nachgefolgt ist. Der Bischof kennt sowohl Professor Küng als auch Professor Hemel aus seiner Zeit in Rom.

Hier das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Professor, lieber Ulrich,

heute ging die Nachricht vom Tod des weltweit bekannten Professors Dr. Hans Küng durch die Medien. Diese Mitteilung hat mich traurig und nachdenklich gestimmt.

Mit Prof. Küng hat eine Persönlichkeit ihren irdischen Lebensweg vollendet, die wie wir beide in Rom am Germanicum und an der Gregoriana ihre geistliche und theologische Formung erhalten hat. Obgleich Prof. Küng nicht selten das Etikett des notorischen Kirchenkritikers anhaftete, durfte ich ihn in meiner Studienzeit, wenn er am Germanicum zu Gast war, als Priester erleben. Selbst nachdem ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden war, hat er an seiner priesterlichen Existenz festgehalten und sie gelebt. Auch in meiner Zeit als Seelsorger in Neu-Ulm konnte ich ihm im Rahmen der Erwachsenenbildung begegnen.

Zwar können seine Positionen in christologischen und ekklesiologischen Fragen bis heute durchaus kontroverse Diskussionen provozieren, doch wird sein umfassendes theologisches Werk, das weit über innerkirchliche Themen hinausgreift, von einer Klammer umgriffen, die das Ganze umschließt und gerade heute aktuell ist: In seiner Dissertation über Karl Barth baute er – seiner Zeit weit voraus - zu den evangelischen Schwestern und Brüdern eine Brücke bezüglich der Rechtfertigungslehre, und am Ende spannte er den Bogen vor allem zu den Weltreligionen, was sich in seinem Engagement in der Stiftung „Weltethos“, deren erster Präsident er war, niederschlug. Auf diese Weise war Hans Küng ein Mann des durchaus kantigen ökumenischen und interreligiösen Dialogs, ein Wetzstein, an dem man sich reiben konnte, der aber auch wesentliche Fragen selbstbewusst zu artikulieren vermochte. Mir, der ich mich als Bischof in der Friedensstadt Augsburg auch der Einheit der Christen und dem interreligiösen Dialog widme, wird diese konstruktiv kritische Stimme fehlen.

Möge der Herr dem Menschen, Christen, Lehrer und Priester Hans Küng nun die Freude schenken, in der er die Wahrheit, die er sein Leben lang ruhelos suchte, endgültig erkennen und schauen darf: Jesus Christus, den Schatz, den er selbst als „zerbrechliches Gefäß“ tragen durfte, damit deutlich wird, „dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“ (vgl. 2 Kor 4, 7)

Bei der Feier der Eucharistie werde ich unseres Mitbruders, Frater Major Hans Küng, gedenken und verbleibe mit österlichen Grüßen

Dr. Bertram Meier
Bischof von Augsburg