Familienwallfahrt

Tag 3: Von Bausteinen und Brauereipferden

09.06.2022 11:59

„Wie kommen wir Franziskus und Klara näher?“ Diese Frage und Aufgabe stellte Bischof Bertram beim Eröffnungsgottesdienst im Dom San Rufino. Tags darauf machten sich die 450 Wallfahrer gemeinsam auf den Weg, die beiden großen Heiligen besser kennenzulernen – und zwar dort, wo diese einst lebten, Gottes Auftrag empfingen und schließlich hochverehrt im Kreise ihrer Gemeinschaften starben.

„Actionbound“ in der Basilika (Fotos: Johannes Müller / Katholische SonntagsZeitung)

Die Gruppe vom Hotel „Il Castello“, wo auch Bischof Bertram Quartier bezogen hatte, startete am frühen Vormittag nach dem Morgenlob zu Fuß zur berühmten Kirche San Damiano. An jenem Ort hörte einst Franziskus vor dem Kreuz einer verfallenden Kapelle (in San Damiano befindet sich eine Kopie, in der Basilika San Chiara in Assisi das Original des Kreuzes) den Ruf, das Haus Gottes wiederaufzubauen. Der Sohn eines reichen Tuchhändlers nahm dies zunächst wörtlich und betätigte sich als Baumeister und Renovator, bevor er erkannte, dass mit dem Haus die Gemeinschaft aller Gläubigen und nicht nur christliche Gebäude gemeint waren.

Auf dem teils sehr hügeligen Pfad erst durch die Altstadt von Assisi und dann durch die herrliche Landschaft Umbriens mit Feldern und Olivenhainen – Franziskus regte diese Schönheit zum Sonnengesang an –  gab es für die kleinen und großen Pilger Abwechslung durch spannende Stationen, die sich das Leitungsteam um Christian Öxler ausgedacht hatte: Hier schichtete ein Mönch Steine zum Bau eines Kirchleins auf und verteilte an die Besucher aus der Gegenwart kleine Bausteine sowie Bruchstücke ihres Lebens, die später im Abschlussgottesdienst zu einem Kreuz zusammengefügt werden sollen. Dort begegneten die Wanderer einer Klara höchstpersönlich. Die Schwester lobte sie für ihr ruhiges Verhalten angesichts des heiligen Platzes und erzählte aus ihrem Leben. Aus reichem Elternhaus stammend, wählte Klara, von Franziskus angespornt, Armut und Gebet als unbequemen, aber erfüllenden Weg.

Vor diesem Kreuz hörte Franziskus die Aufforderung, das Haus Gottes wieder aufzubauen.

Ein wahres kulturelles Highlight war am Nachmittag der Besuch in der Basilika Santa Maria degli Angeli, einer der größten Basiliken der Welt (116 Meter lang und bis zu 65 Meter breit). Etwa drei Kilometer von Assisi entfernt befindet sich hier ein Kirchlein in der Kirche: die Portiuncula, eine der Kapellen, die Franziskus, dem Ruf Gottes folgend, zunächst wortwörtlich wiederaufbaute. Die Steine sind noch die ursprünglichen; im Inneren des Kirchleins schmücken teils uralte Bilder das Leben des Heiligen aus. Auch die kleine Hütte, wo Franziskus 1226 starb, ist heute in der riesigen Basilika aufgestellt.

Kennenlernen konnten die Pilger aus der Diözese diese Details mithilfe von Fragen und Aufgaben, die sich das Vorbereitungsteam ausgedacht hatte und die via Smartphone-App „Actionbound“ dafür sorgten, dass die Familien und beteiligten Gruppen in der Basilika eifrig die Köpfe zusammensteckten. Dies nicht immer zur Freude der gestrengen Mönche, die sehr auf Ruhe und Ordnung in dem von ihnen betreuten Ort achten. Wo sonst strengstes Fotografierverbot herrscht, durfte der Berichterstatter der Katholischen SonntagsZeitung dank der Fürsprache des Bayerischen Pilgerbüros die Kamera zücken – wenn auch ohne Blitz.

Die Einladung zur Gute-Nacht-Geschichte auf den Stufen des einstigen Minervatempels lockte zahlreiche Kinder an – und Erwachsene ebenso.

Nicht zuerst die spannende Vergangenheit, sondern die Zukunft der Kirche hatte das sehr gut besuchte Diskussionsforum mit Bischof Bertram am Abend zuvor im Fokus: Bei herrlich sommerlichen Temperaturen war es vom Speisesaal des Hotels „Il Castello“ kurzfristig in den Hof der nahen Kirche San Pietro verlegt worden: Meier, langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, früherer Ökumenereferent der Diözese und selbst aus gemischt-konfessionellem Elternhaus, erläuterte seine Vorstellungen vom Weg zur Ökumene und wie dieses Ziel einmal aussehen könnte. Es sei kein „Einheitsbrei“, sondern die „konfessionelle Vielfalt“. Und es bedürfe bis dahin, um ein Bild aus dem Tierreich zu bemühen, der Geduld, Kraft und Ausdauer eines Brauereipferdes, sagte der Bischof, der sich viel Zeit für die Fragen der Zuhörer nahm. Er empfahl: Nach dem Vorbild des heiligen Franziskus müsse nicht alles geregelt, sondern vielmehr gelebt werden. „Tun Sie bitte das, wonach Ihnen im Herzen zumute ist“, sagte der Bischof.

Genau das taten zur gleichen Zeit auch viele Mädchen und Buben als jüngste Pilger der Diözese Augsburg: Sie nahmen mit ihren ebenso neugierigen Eltern gerne den steilen Anstieg zum Stadtplatz von Assisi in Kauf, um dort auf den Stufen des einstigen Minervatempels, heute eine Marienkirche, die spannende Gute-Nacht-Geschichte von der kleinen Maus zu hören. Klein, aber oho!

Text und Foto: Johannes Müller / jm