Mastodon

Predigt am Karfreitag 2024 im Dom zu Augsburg

29.03.2024 08:56

Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder! Die meisten von uns werden schon einmal erfahren haben, wie das ist, wenn man sich von anderen durchschaut fühlt und bloßgestellt, gedemütigt, erniedrigt wird. An den Pranger gestellt zu werden, um seinen guten Ruf fürchten zu müssen, dem öffentlichen Spott oder gar der Verachtung schutzlos ausgesetzt zu sein, gehört nicht gerade zu den Dingen, die man einfach so wegstecken kann.

Wie stehe ich jetzt da, was denken die Leute über mich, kann ich mich noch blicken lassen - frägt man sich dann. Das Bedürfnis, gut dazustehen, Ansehen zu genießen, mit Respekt und Wertschätzung behandelt zu werden, entspricht unserer menschlichen Würde. Wie oft wird sie mit Füßen getreten?

Gott selbst kann ein Lied davon singen. In Jesus Christus lässt er sich aus Liebe zu uns bis zum Äußersten erniedrigen und entwürdigen. Zwei auf den ersten Blick eher nebensächliche Szenen in der soeben gehörten Johannespassion geben uns einen tiefen Einblick in das, was Gott damit beabsichtigt. Nach dem Motto „Kleider machen Leute“ hängt man dem Herrn zum Spott über sein Königtum einen purpurroten Prunkmantel um (vgl. Joh 19,2). Später reißt man ihm dann sein Gewand vom Leib (vgl. Joh 19,23 f). Es war bei den Römern so üblich, dass die Kleider der Todeskandidaten den Henkern als Beute überlassen wurden. Da liegt es nahe, an den Psalm 22 zu denken, wo es heißt: „… sie gaffen und starren mich an. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,18f) Zuerst kleidet man Jesus zum Spott ein, dann entblößt man ihn. Auf die Huldigung folgt die Demütigung, auf die Einsetzung die Absetzung, auf die Inthronisation die Degradierung. Was für ein entwürdigendes Spektakel. Der Herr gehört nicht mehr zu denen, die etwas zählen. Ein Nichts ist er geworden, dessen letzte Habseligkeiten man verteilen kann. Wie hieß es nochmal im vierten Gottesknechtslied (ersten Lesung): „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden … Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.“ (Jes 53,3) So präsentiert sich uns Gott am Karfreitag. So steht er da in der Passion Jesu Christi: verstoßen, entblößt, entehrt, entwürdigt. Warum?

Fragen wir uns umgekehrt: Wie stehen wir vor Gott da? Es wird einmal der Augenblick kommen, so glauben wir, an dem wir vor sein Angesicht hintreten weden und uns nicht mehr hinter dem, was wir vorgeben, verbergen können. Gott schaut nicht auf die Verkleidung, sondern ins Herz.

Auf den ersten Seiten der Bibel wird uns veranschaulicht, worin die Not des häufigen Auseinanderklaffens von Schein und Sein ihren Ursprung hat. Der Mensch lässt sich von der teuflischen Schlange dazu verleiten, Gott als Störfaktor und als Konkurrenz für ein eigenständiges und glückliches Leben zu sehen. Den Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes legt er wie ein aus der Mode gekommenes Kleid ab, um dann freilich ernüchtert feststellen zu müssen, was für ein erbärmliches Geschöpf er ist und wie bloß und nackt er dasteht ohne Gott. Er schämt sich seiner selbst, verkriecht sich ins Gebüsch, fürchtet die Erscheinung des Herrn und ist besorgt um die eigene (vgl. Gen 3,7ff). Was für ein Absturz, was für ein Drama! In der Geschichte der Menschheit hat es seine Aktualität nie verloren.

Aber - Gott sei Dank – im wahrsten Sinn des Wortes: Gott will es dabei nicht bewenden lassen. Er „machte dem Menschen und seiner Frau“, so heißt es, „Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.“ (Gen 3,21) Das führt uns hin zu dem, was wir heute feiern. Die „Gewänder von Fell“ sind ein Bild für die „Gewänder des Heils“ (Jes 61,10), in die uns der Herr hüllt, sie sind ein Bild für das, was der Herr in seiner Passion Großes an uns tut: Er legt seine Herrlichkeit ab, erniedrigt sich, lässt sich seiner Kleider berauben und bloßstellen, damit wir erkennen, was uns wirklich kleidet und aus unserer Erbärmlichkeit herauszieht. Er nimmt die Schande der Entwürdigung auf sich, um uns zu verdeutlichen, was uns unsere Würde wieder zurückgibt. Er geht in die Armut des Leidens und Sterbens am Kreuz, um uns aufzuzeigen, was uns wirklich reich macht und erfüllt, nämlich Gottes Willen zu folgen.

Als wir getauft wurden, hat man uns ein weißes Kleid angezogen mit den Worten: Du bist „eine neue Schöpfung geworden und hast … Christus angezogen. Das weiße Gewand sei dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige Leben.“ (Die Feier der Kindertaufe, Nr.66) Wer auf Christus getauft ist, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief, hat Christus als Gewand angelegt (vgl. Gal 3,27). Er legt den alten Menschen der Sünde ab und zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist (vgl. Eph 4,22ff). Aus der Taufe kommt man anders heraus, als man hineingegangen ist: reingewaschen, erneuert, verwandelt, bekleidet mit der Würde, Christus angezogen zu haben, und damit seine Wahrheit, seine Demut, seine Liebe. Gott macht uns in der Taufe neu, er setzt neu an mit uns und legt uns ans Herz, seinen Willen zu befolgen, das Taufkleid also ein Lebtag lang nicht mehr an den Nagel zu hängen, sondern Christus und seine Liebe beständig anzuhaben, und zwar nicht nur äußerlich; Christus und seine Liebe sollen unter die Haut und ins Herz gehen. So beschenkt können wir eine gute Figur abgeben und Zeugnis ablegen für ihn und sein Evangelium.

In der eben gehörten Johannespassion war auch noch von einem „Untergewand“ Jesu die Rede, das „ohne Naht von oben ganz durchgewoben“ (Joh 19,23) war und wegen seiner Kostbarkeit nicht zerteilt, sondern als Ganzes verlost wurde. Nach der jüdischen Überlieferung ist das nahtlos an einem Stück von oben gewobene Gewand das des Hohepriesters. Jesus zeigt sich uns in seinem Opfertod am Kreuz als der wahre Hohepriester, der Gott nicht irgendwelche Opfer (Tieropfer) als Ersatz darbringt, sondern sich selbst in seiner unendlichen Liebe.

Darüber hinaus haben die Kirchenväter in diesem nahtlosen Leibrock Jesu auch ein Bild für die eine Kirche gesehen, die von oben, also von Gott selbst gewoben wurde und unzerstörbar sein soll, wie es Jesus im Abendmahlssaal in seinem hohepriesterlichen Gebet unmittelbar vor seiner Passion vom Vater erbittet. „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,23), betet er.

Was heißt das für uns und unsere Vorstellungen von Kirche? Die nicht selten recht unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie die Kirche heute sein soll, damit sie ankommt, attraktiv ist und wieder mehr Menschen erreicht, wirken oft wie Zentrifugalkräfte, die nicht zusammenführen, sondern auseinanderdividieren.

Die Kirche ist nicht unser Besitz, genauso wie die Einheit nicht Menschenwerk ist. Drum legt uns Papst Franziskus unermüdlich das beständige Hören auf das, was Gott will, ans Herz. In dem Maß, in dem wir uns von Gott leiten lassen, werden wir eins und kommen dem nach, was das nahtlose Untergewand bezeichnet und was Jesus vor seiner Passion erbittet: „Alle sollen eins sein“. (Joh 17,23)

Liebe Schwestern und Brüder!

Nach dieser Predigt und den Großen Fürbitten wird ein mit einem violetten Tuch verhülltes Kreuz in den Dom hereingetragen und feierlich in drei Schritten enthüllt. Der gekreuzigte und siegreiche Herr setzt sich unseren Blicken aus und lässt sich von uns anschauen. Wir dürfen ihn ansehen, und er sieht uns an mit seinem liebevollen, erbarmenden und heilenden Blick. Bei ihm sind wir bestens angesehen und geliebt, auch dann, wenn wir das Gefühl haben, dass es um unser Standing bei den Leuten und unseren guten Ruf nicht so gut bestellt ist.

Die Frucht seiner Hingabe im Opfertod am Kreuz ist, dass wir das Gewand des Heils anziehen können und nicht mehr bloß und nackt vor ihm stehen müssen. Er hat die Sünde der Welt hinweggenommen (vgl. Joh 1,29). In der Taufe konnten wir den neuen Menschen, nämlich Christus anziehen. Das eint uns, und damit geben wir eine gute Figur ab und Zeugnis als Einzelne und in der Gemeinschaft der Kirche.

Im letzten Buch der Bibel heißt es: „Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße sieht.“ (Offb 16,15) Unser inneres Taufkleid ist zugleich unser Hochzeitsgewand. Das Ziel der Feier dieser österlichen Tage und unserer Taufe ist ja die Vermählung, die Vereinigung mit Gott und untereinander, das ewige Hochzeitsmahl im Himmel. Amen.