Predigt am Karfreitag 2026 im Dom zu Augsburg
Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder! „Freiheit“ – dieses Wort hat einen großen Klang. Wer möchte nicht frei sein? Ganz aus sich selbst und nicht fremdbestimmt handeln zu können, ist eng mit unserer Würde als Mensch verbunden. Das macht uns einzigartig unter allen Geschöpfen.
Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist es die Möglichkeit, zum Mond fliegen zu können, wie die Artemis-2-Mission dieser Tage zeigt? - „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ (Reinhard Mey). Oder ist es die Aufhebung des Verbots von Unterhaltungsveranstaltungen an stillen Tagen wie heute? - Manche empfinden das als Einschränkung ihrer Freiheit.
Viele denken, sie seien schon frei, wenn sie tun und lassen können, was sie gerade wollen. Dann spricht man von Freiheit, meint aber in Wirklichkeit Unabhängigkeit, Unverbindlichkeit, was nicht selten zu Beliebigkeit und Eigennutz führt. Als Papst Johannes Paul II. vor fast 30 Jahren mit dem damaligen Kanzler Kohl das symbolträchtige Brandenburger Tor durchschritt, hat er davor gewarnt, aus der „Freiheit einen Freibrief“ zu machen. Wer das tue, habe „der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt“ (Papst Johannes Paul II., Ansprache am 23.06.1996). Es gibt keine wirkliche Freiheit ohne Verantwortung, Solidarität, ohne Beziehung, Wachsamkeit, Mut und auch Opferbereitschaft.
Wenn die Heilige Schrift von Freiheit spricht, dann meint sie nicht irgendeine Freiheit, sondern die „Freiheit der Kinder Gottes“ (vgl. Röm 8,21). Freiheit entsteht da, wo Menschen bereit sind, etwas zu geben, sich zu geben, aus Liebe, aneinander, an Gott. Gott bürgt für die Freiheit. Sie ist sein Geschenk an uns. Christen sind nicht trotz, sondern wegen ihres Glaubens frei.
Das ist der Grund, warum wir heute hier sind: Wir feiern den großen Befreiungsschlag und ehren den Garanten dafür, Jesus Christus. Um unserer Freiheit willen, hat er es zugelassen, dass man sie ihm äußerlich nahm. Er duldete den Verrat und die Auslieferung durch Judas, der ihm anfangs als Jünger gefolgt war. Er wehrte sich nicht dagegen, dass man ihn festnahm, fesselte und dem Hohepriester überführte. Er stellte sich einem Prozess, der empörend ungerecht war, ihm keine Chance ließ und ihn auf die Ebene eines Kriminellen stellte. Er nahm es klaglos hin, geschlagen, bespuckt, verspottet und grausam gequält zu werden mit Geißelhieben und einem aus Dornen geflochtenen Kranz, den man ihn auf den Kopf drückte. Ecce homo! Seht, der Mensch! (Joh 19,5) - so wurde er von Pilatus der gegen ihn aufgehetzten Menge präsentiert: als Spottfigur, entwürdigt, geschunden, seinen Feinden völlig ausgeliefert. Und schließlich lud man ihm den Kreuzesbalken auf seine Schultern und zwang ihn, sich damit zu seiner Hinrichtungsstätte zu schleppen, wo man ihn aufs Kreuz legte, um ihn dort an den Händen und Füßen festzunageln. Nichts mehr konnte er tun, nur noch aushalten. So hing er zwischen Himmel und Erde, ohnmächtig, wehrlos, der Ehre und der äußeren Freiheit gänzlich beraubt, bis alles vollbracht war (vgl. Joh 19,30).
Was auf den ersten Blick ein Sieg des Unrechts, ein Triumph des Bösen und eine Niederlage der menschlichen Freiheit ist, erweist sich in Wirklichkeit als das genaue Gegenteil: Für den, der glaubt, ist es der entscheidende Befreiungsschlag der Liebe Gottes, der Durchbruch unserer Erlösung. Der Tod Jesu am Kreuz zeigt: Das letzte Wort hat Gott und nicht der Widersacher, der in Gestalt der Schlange die erste Frage in der Bibel stellte: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1) Mit dieser Fake-Frage säte der Meister des Misstrauens beim Menschen Zweifel an der Güte Gottes. Gott könne man nicht trauen, seine Pläne seien nicht wirklich gut. In Wahrheit betrachte Gott den Menschen als potenziellen Konkurrenten. Es sei besser, auf sich selbst zu vertrauen und sich unabhängig von ihm zu machen. Die Folgen sind verheerend: In der Meinung, freier zu werden, verweist der Mensch Gott aus seinem Herzen, kehrt ihm, der die Liebe ist, den Rücken, und verspielt somit genau das, was er sucht: seine ursprüngliche Freiheit. Es kommt zum Bruch in der Beziehung mit Gott und infolgedessen auch in der Beziehung der Menschen untereinander und zu sich selbst. Der Mensch, zurückgeworfen auf sich selbst, flüchtet und verkriecht sich ins Gebüsch. Er merkt, dass er nackt ist. Er hat Angst vor der Erscheinung des Herrn und ist besorgt um die eigene. So bleibt man lieber im Dunkeln und scheut das Licht. (vgl. Gen 3,7ff)
Sieht so Freiheit aus?
Gott sei Dank, bleibt es nicht dabei. Gott ist Licht, und er ist die Liebe. Er lässt uns nicht hängen; immer wieder bietet er den Menschen seinen Bund an. Schließlich sendet er uns aus Liebe seinen Sohn, um die Schöpfung, wie es der hl. Paulus ausdrückt, von der Sklaverei und Verlorenheit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes zu befreien (vgl. Röm 8,21).
Jesus geht den Weg der Erniedrigung, um uns zu erhöhen. Er lässt sich demütigen, damit der Mensch seine Würde zurückerhält. Seine Gefangennahme und Fesselung führen dazu, dass sich unsere Ketten und verkehrten Bindungen lösen. Festgenagelt ans Kreuz sprengt er die verschlossenen Türen des Gefangenseins in sich selbst. Sein Tod ist der Anfang vom Ende der Machenschaften des Todes, der Sünde und des Bösen.
Wir sind erlöst und frei:
- frei, nicht, um tun und lassen zu können, was einem gerade einfällt, sondern um Abstand nehmen zu können von dem, was schadet, abhängig, ja süchtig macht und damit einschränkt: übermäßiger Konsum, mediale Ablenkung, bis hin zu süchtigen Verhaltensweisen …;
- frei vom ständigen Kreisen und egoistischen Besorgt-Sein um sich selbst mit der permanenten Frage: Was habe ich davon?
- frei, selbstlos und hingebungsvoll zu lieben, anderen die Füße und nicht den Kopf zu waschen;
- frei, sich selbst aus Liebe einzuschränken zugunsten anderer;
- frei, den Taufbund zu leben, gesunde Bindungen einzugehen, Verantwortung als Christ zu übernehmen und treu zu sein.
- frei, Mitmenschen dabei zu helfen, glücklich zu sein und das ewige Glück zu finden;
- frei, Schuld zuzugeben und die Größe zu haben, um Vergebung zu bitten;
- frei, der Wahrheit des Evangeliums und des Glaubens auf die Spur zu kommen, ihr zu trauen und mutig dafür hinzustehen;
- frei, um Gott zu suchen, auf ihn zu hören, seinen Willen ernst zu nehmen und zu befolgen.
Das sind Freiheiten, die das Evangelium nahelegt. Sind wir so frei? Die Freiheit der Kinder Gottes hat ein „Gesicht“ und einen Namen: Jesus Christus. Er lebt sie uns vor bis zum letzten Ernst, bis zum Tod am Kreuz. Und genau dadurch befreit er uns aus Sünde und Tod. Wer sich von ihm berühren und ergreifen lässt, kann loslassen von dem, was einen bislang fest im Griff hatte; er muss nicht mehr klammern. Er ist befreit zur Liebe. Das ist Erlösung.
Liebe Schwestern und Brüder,
der hl. Papst Gregor der Große (+ 604) erzählt in seiner Vita des hl. Benedikt von einem Einsiedler namens Martinus, der sich viele Jahre in eine Höhle eingeschlossen hat, um als Kind Gottes frei zu werden für das eigentlich Wichtige im Leben. Anfangs legte er sich sogar eine Kette an den Fuß, damit er von seinem streng asketischen Leben als Einsiedler nicht davonläuft. Der hl. Benedikt hörte davon und ließ ihm ausrichten: „Wenn du ein Diener Gottes bist, soll dich nicht eine Kette aus Eisen halten, sondern die Kette Christi.“ Martinus reagierte sofort und löste seine Fessel. Auch ohne sie war er in der Lage, sich auf den Raum zu beschränken, an den er sich vorher gebunden hat. (Vgl. Gregor der Gr., Drittes Buch der Dialoge, Dial. Kap. 16,1.9)
Das erinnert an das berühmte Wort des hl. Augustinus: „Liebe, und tu, was du willst!“ Wer wirklich aus der Liebe Gottes lebt, handelt automatisch gut. Er braucht keine Ketten mehr. Die Liebe erfüllt das Gesetz (vgl. Röm 13,8-10), schreibt der hl. Paulus. „Lass die Liebe in deinem Herzen wurzeln, und es kann nur Gutes daraus hervorgehen“, so der hl. Augustinus an einer anderen Stelle.
In wenigen Minuten wird das Kreuz feierlich enthüllt und verehrt. Wir schauen auf zum Gekreuzigten und beten ihn an, der uns zur Liebe befreit hat, „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Lassen wir es zu, dass er mit seiner Liebe in unserem Herzen den Ton angibt. Das wird uns frei machen und unser Denken, Reden, Tun und Lassen prägen, und unser Umfeld auch. Amen.