Studiennachmittag im Akademischen Forum am 27. März 2015 zum historischen und textilanalytischen Befund des Turiner Grabtuches
Hat sich auf dem Grabtuch tatsächlich ein Porträt Jesu erhalten?
Das Turiner Grabtuch polarisiert. Die einen halten es für eine geniale Fälschung des Mittelalters. Die anderen verehren es als das originale Leichentuch, das der auferstandene Christus im Grab zurückgelassen hat. Bei einem Studiennachmittag im Akademischen Forum wurde die wissenschaftliche Beweislage des Tuches von historischer und textilanalytischer Sicht beleuchtet.
Karlheinz Dietz, Professor für Alte Geschichte zeichnete in seinem Vortrag die nachweislichen Spuren des Turiner Grabtuches nach. Gesichert und gut belegt ist die Aufbewahrung des Tuches ab Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich. Ob das Tuch mit dem Abgarbild aus Edessa, dessen Herkunft auf das 1. Jahrhundert zurückgeht, identisch ist, bleibt fragwürdig – obwohl nach Dietz einige Anzeichen dafür sprechen.
Auch die Textilhistorikerin Dr. Mechthild Flury-Lemberg konnte bei ihren Untersuchungen am Tuch im Jahr 2002 Spuren nachweisen, die eine Entstehung aus dem 1. Jahrhundert nicht ausschließen. Dass die C-14-Methode aus dem Jahr 1988, die eine Datierung des Tuches auf das 13. Jahrhundert festlegte, nicht stimmig sein kann, belegte sie durch nachgewiesene Rußspuren vom Brand 1532, die sich auf dem ganzen Tuch finden lassen und durchaus zu einer Fälschung geführt haben könnten. Material und Webtechnik beweisen, dass das Tuch durchaus aus dem frühen ersten Jahrhundert stammen könnte. Auch zeigt eine Abbildung im Codex Pray aus dem 12. Jahrhundert bereits eine verblüffend detailgetreue Darstellung des Grabtuches.
Beide Wissenschaftler sind sich darin einig, dass eine Reproduktion des Tuches bis heute nicht annähernd möglich ist. Wie das Bild des gekreuzigten und gefolterten Mannes auf das Tuch kann, bleibt eine offene Frage.