Evakuiert das Kreuz nicht! (vgl. 1 Kor 1,17)
Weihnachten 2016 wird in Augsburg unvergessen bleiben. Die Evakuierung schickte uns auf Herbergssuche. Eine Woche danach - am sog. Oktavtag – sind wir eingeladen, die Botschaft des Festes nachklingen zu lassen. „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh 1,14) Welches Echo findet die Weihnachtsbotschaft acht Tage später - heute am Neujahrstag 2017?
Schauen wir zunächst noch einmal auf das Motiv der Herbergssuche. Die Evakuierung hat uns gezwungen, auf Herbergssuche zu gehen. Gott sei Dank haben viele von uns an Weihnachten ein Dach über dem Kopf und für ihre Seele gefunden. Alle drei Weihnachtsgeschichten, die uns die Evangelisten erzählen, haben zu tun mit der Herbergssuche. Bei Johannes lesen wir: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) Bei Lukas steht: „Man legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lk 2,7) Und Matthäus weiß zu berichten: Jesus wird hineingeboren in diese Welt als Flüchtlingskind (vgl. Mt 2,13-15). Wie am Anfang, so am Ende; wie geboren, so gestorben – vor den Toren der Stadt. Jesus leidet und stirbt draußen außerhalb Jerusalems. „Und alle, die zu diesem Schauspiel – spectaculum – herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg.“ (Lk 23,48)
So spannt sich heute an Neujahr der Bogen weit über Weihnachten hinaus. Wir können und dürfen an der Krippe nicht stehenbleiben; wir sind aufgerufen, den Weg nachzugehen, den der erwachsene Jesus uns vorausgegangen ist. Maria hat es uns vorgemacht. Sie ist nicht nur Jungfrau und Muttergottes, sie ist auch Jesu erste Jüngerin. Das Krippenkind hat sie zur Welt gebracht, ihren erwachsenen Sohn hat sie aus der Stadt hinausbegleitet und ist ihm treu geblieben bis unter das Kreuz. Maria nachzueifern, das ist einer meiner Vorsätze für das neue Jahr. Wie Maria möchte ich Jesus nachgehen, nicht nur Gast sein an der schön dekorierten Krippe in meinem Wohnzimmer, sondern im Alltag seine Herausforderungen annehmen und seinen Ansprüchen genügen, wie es der hl. Paulus ausdrückt: „ut non evacuetur crux Christi“ (1 Kor 1,17 nach der Vulgata). Damit Christi Kreuz nicht „evakuiert“ wird.
Die Einheitsübersetzung gibt die Stelle so wieder: „damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird“. Das ist sinngemäß sicher richtig, doch die Tiefe der Aussage wird damit längst nicht ausgeschöpft. Eine Bibelübersetzung von 1899 (Bibeltext) sagt: damit das Kreuz Christi „nicht hohl werde“. Und die neue Ausgabe der Lutherbibel schreibt: „auf dass nicht das Kreuz Christi zunichtewerde.“
Evakuiert das Kreuz Christi nicht! Das zählt zu den vordringlichsten Aufgaben von uns Christen heute. Die Botschaft vom Kreuz in eine Welt hineinzusagen, wo taube Ohren und verstockte Herzen sich ihr verschließen; das Evangelium einer Gesellschaft zuzumuten, die es nicht gern hört, die das Wort vom Kreuz auf Herbergssuche schickt: Darum muss es uns gehen im neuen Jahr.
Evakuieren wir das Kreuz Christi nicht! Entleeren wir nicht seine Bedeutung und seine Kraft! Das Jahr 2017 ist für unsere evangelischen Schwestern und Brüder ein besonderes. Es steht symbolisch für den Beginn der Reformation vor 500 Jahren - für uns Katholiken zwar kein Anlass zu feiern, aber doch ein Grund innezuhalten und nachzudenken: Gerade Martin Luther hat stets das Kreuz Christi in den Mittelpunkt seiner Theologie und Spiritualität gerückt. Einer mitunter dominant auftretenden „Theologia gloriae“ hat er die „Theologia crucis“ entgegengesetzt. Bemerkenswert ist: Der Reformator ließ sich dabei besonders vom Kreuzesmystiker Bernhard von Clairvaux inspirieren.
Liegt nicht auch heute eine unserer Grundversuchungen darin, in unserem Glauben und kirchlichen Leben ohne das Kreuz auskommen zu wollen? Dietrich Bonhoeffer warnt in diesem Zusammenhang vor der billigen Gnade: „Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament. (…) Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus. (…) Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft, teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt. (…) Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.“
Diese Gnade Gottes ist uns an Weihnachten erschienen (vgl. Tit 3,4) – Gnade deshalb, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben. Gott hat nicht gesagt: Ich ziehe dich von oben heraus aus dem Schlammassel der Welt. Nein: Er ist zu dir hinuntergestiegen. Er ist eingestiegen in unser Menschsein, hat Fleisch angenommen – von der Zeugung bis zum Tod. Gott hat uns teuer erkauft (vgl. 1 Kor 6,20; 7,23). Und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist, starren wir nicht nur gebannt in die Krippe, sondern achten vor allem auf den Preis des Kreuzes. Wir müssen uns den Glauben wieder etwas kosten lassen. Glaubwürdige Christen schreiben Geschichte nicht als Teilnehmer einer Krippenfahrt, sondern auf den Stationen des Kreuzwegs, der im Leiden und Sterben Jesu Christi mündet.
„Ut non evacuetur crux Christi!“ Wir brauchen keine Evakuierung des Kreuzes. Wir dürfen das Kreuz nicht entleeren, wir müssen es auch nicht in Sicherheit bringen. Wir sollten es nicht verstecken, geschweige denn ablegen. Das geht ohnehin nicht. Denn wir werden das Kreuz nicht los. Im Gegenteil: Das Kreuz ist mehr als eine Stecknadel am Revers, ein Brustkreuz auf den Gewändern, eine Dekoration für besondere Verdienste. Das Kreuz gehört mitten ins Leben. Es ist eine Lebensform.
Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt. So nehme ich mir fürs neue Jahr vor: Verbiege die Kanten des Kreuzes nicht in einen runden Spazierstock! Nimm Maß an Maria: Sie ist den ganzen Weg mitgegangen, von der Krippe bis zum Kreuz.