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Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis (A)
von Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier

Geduld, Reinheit und Hingabe: die Stärken des Lammes

16.01.2017 11:22

Wer das Hausprotokoll des Klosters Maria Stern in
Augsburg studiert, dem fällt eine Rechnung auf, die im Jahre 1812 bezahlt
wurde:

[1] Es geht um das Lamm, das den Tabernakel krönt. Das Tier erinnert an das apokalyptische Lamm, dem das Buch des Lebens ausgehändigt wurde. Zugleich drückt es aus, was die Schwestern in ihrem täglichen Beten und Arbeiten bewegt: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob“ (Offb 5,12).

Neben dem Lamm werden vier Lebewesen erwähnt: „Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler“ (Off 4, 7). Wir treffen sie schon im Alten Testament, in der Vision des Propheten Ezechiel vom Thronwagen Jahwes: „Ein Menschengesicht, ein Löwengesicht, ein Stiergesicht und ein Adlergesicht“ (Ez 1,10). Diese vier Lebewesen tragen den Thron Gottes, denn sie stehen für die ganze Schöpfung: Der Löwe verkörpert die physische Stärke, der Stier die Fruchtbarkeit, der Adler die Schnelligkeit und der Mensch den Geist.

Welch ein Gegensatz zur Szene am Ufer des Jordan! Johannes zeigt weder auf einen Löwen noch auf einen Stier noch auf einen Adler noch auf einen gewöhnlichen Menschen. Er sieht Jesus von Nazareth auf sich zukommen und sagt: „Seht das Lamm Gottes!“ (Joh 1,29). Der König der Welt, nur ein Kind. Das haben wir an Weihnachten gefeiert. Der Erlöser der Welt, nur ein Lamm. So wird der Faden der Heilsgeschichte weitergesponnen. Ein schwaches Geschöpf verglichen mit den kraftvollen, Furcht einflößenden Lebewesen wie Löwe, Stier und Adler. Mit ihnen schmücken sich gern die Mächtigen in Welt und Kirche auf Wappen und Briefköpfen.

Doch den Altar in der Sternkirche schmückt das Lamm. Die Franziskanerinnen von Maria Stern verstehen sich als eine Art Zeigefeier, die es dem Johannes nachtun und durch ihr Dasein den Menschen sagen: „Seht das Lamm Gottes.“ Was ist die Botschaft des Lammes? Worauf will die Lebensweise einer Gemeinschaft hindeuten, die sich täglich vor dem Lamm Gottes versammelt?

Beginnen wir mit einer rabbinischen Geschichte: Gott sah, was er alles geschaffen hatte, und freute sich darüber. In langer Prozession zogen die Tiere an ihrem Schöpfer vorüber; wie eine Parade sah es aus: wehrhaft die einen mit Stoßzähnen, mit Krallen, die verletzen und sich tief eingraben können die anderen, wieder andere mit dicken Panzern zum Schutz und zur Abwehr. Alle hatten ihre persönliche Waffe, ihr schlagendes beißendes Werkzeug. Ganz traurig, in sich geduckt, stand abseits noch ein anderes Tier. Ängstlich starrte es auf die Büffel und Nashörner, die Giftschlangen und Tiger, die Löwen und Krokodile. Es traute sich nicht, in der Parade mitzumarschieren. Es fürchtete sogar um sein Leben: ein Lamm. Ganz verloren kam es sich vor, denn es hatte nichts, womit es sich hätte wehren können. „Warum gabst du ihnen so viele Waffen?“, fragte das Lamm seinen Schöpfer und fügte vorwurfsvoll hinzu: „Du weißt doch, was sie damit alles Schlimmes anrichten können und tatsächlich auch tun.“ Da beruhigte der Schöpfer das Lamm: „Auch dir habe ich Waffen gegeben, die Waffen des Friedens: Geduld, Reinheit und Hingabe.“

Steht das Lamm Gottes mit diesen „Waffen“ nicht auf verlorenem Posten? Kann es sein, dass Menschen in die Nähe des Lammes gerückt und zu wenig ernst genommen werden? Müssen wir selbst nicht manchmal die Erfahrung machen, als „naive Schäflein“ belächelt oder als „lammfromm“ verharmlost zu werden? Einerseits stimmt es: Das Lamm zeigt keine Zähne. Es hat keine Krallen, die packen und zerreißen, keine Pranken, die zuschlagen und zerschmettern. Das alles hat das Lamm nicht, aber diese Schwäche ist nur die eine Seite. Das Lamm hat durchaus Stärken. Vor allem hat es eine Fähigkeit, die anderen Rüstungen weit überlegen ist: Es nimmt hinweg die Sünden der Welt. Ein Glück, dass wir das Lamm Gottes haben! Es zeigt, dass es eine Alternative gibt zur Möglichkeit, unsere Konflikte zu lösen mit der Waffe spitzer Worte, dem Pokern von Machtspielen und Intrigen oder dem Schmollen hinter kugelsicheren Panzern. Die Stärke des Lammes liegt in seiner Wehrlosigkeit. Dafür besinnt es sich auf andere Waffen: Geduld, Reinheit und Hingabe.

Diese Waffen legen z.B. Menschen an, wenn sie sich auf ein Leben nach den evangelischen Räten verpflichten: Der Gehorsam erfordert viel Geduld, bis der eigene Wille mit dem Wollen der Gemeinschaft so zusammenklingt, das es dem größeren Ganzen ebenso nützt wie der Entfaltung der jeweiligen Persönlichkeit. Die Keuschheit können wir nur leben, wenn unsere Beziehungen rein sind und klar, durchsichtig und ehrlich, was in der Frage der körperlichen Intimität bei gesund veranlagten Menschen immer eine Herausforderung bleibt, aber viel weiter zu fassen ist, da letztlich die Ehrlichkeit in unserem Umgang miteinander auf dem Prüfstand steht. Und schließlich wird auch ein Leben in Armut nur gelingen können, wenn wir Hingabe lernen, d.h. unser Vermögen, unsere Talente nicht zum eigenen Profit einsetzen, sondern drangeben und in den Dienst des Ganzen stellen: Nicht ich glänze, sondern Jesus Christus soll aufstrahlen durch mein  kleines Licht in der Gemeinschaft, wenn möglich auch nach außen.

Geduld, Reinheit und Hingabe sind die Tugenden, die unser aller Leben erst glaubwürdig machen. Das Symbol für diese Tugenden ist das Lamm. Manche halten dieses Tier für naiv, nicht ernst zu nehmen, einfältig. Doch genau diese Einfachheit, die Einfalt des Herzens ist gefragt. In der Regel von Taizé heißt es über die „Einfalt“: „Deine Verfügbarkeit setzt voraus, dass du ständig deine ganze Existenz vereinfachst, nicht durch Zwang, sondern im Glauben. – Meide die gefundenen Wege, auf denen der Teufel dich sucht. Wirf die unnützen Lasten ab, damit du besser die Bürden der Menschen, deiner Brüder (und Schwestern), zu Christus, deinem Herrn, tragen kannst. In der Transparenz der brüderlichen (und schwesterlichen) Liebe gestehe schlicht deine Fehler ein; nimm sie aber nicht zum Vorwand, um die der anderen herauszufinden. Wo die Brüder (und Schwestern) auch sind, pflegen sie untereinander den kurzen und häufigen Austausch. – Einfalt heißt auch Loyalität gegen sich selbst, um zur Klarheit zu gelangen; sie ist ein Weg, offen zu werden für den Nächsten. – Sie ist da in der gelösten Freude des Bruders, der das quälerische Sorgen um seine Fortschritte und Rückschläge aufgibt, um seinen Blick unverwandt auf das Licht Christi zur richten.“[2] Dies ist ein Beispiel dafür, was in der Konzentration dieses Lebens mit „Einfalt“, „Einfachheit“ gemeint ist.

Mit der Einfalt des Herzens hat Jesus von Nazareth seine Interessen in die Hand Gottes gegeben. Dieses Aushändigen seiner eigenen Lebensplanung führte ihn bis zur Hingabe am Kreuz. Dem Sohn ist es einfach darum gegangen, den Willen des Vaters zu erfüllen. Das ist alles, ganz einfach. Ist darin nicht auch all das enthalten, was wir uns wünschen, wenn wir aufschauen zum Lamm und uns vom Priester sagen lassen: Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt?

[1] Vgl. Christoph Bellot, Architektur und Ausstattung des Klosters und der Kirche, in: Von Gottes Stern geführt. 750 Jahre Franziskanerinnen von Maria Stern in Augsburg, Bd. 2 Kunst und Kultur, Lindenberg 2008, S. 8-191, hier: S. 90-98.

[2]  Gütersloh 1963 (2. Auflage), S. 39. Die eingeklammerten Verweise auf „Schwestern“ sind eigene Ergänzungen.