DER TÖPFER WIRD ARBEITSLOS
Mensch und Dinosaurier haben sich eigentlich nie kennengelernt. Doch im Erlebnispark amerikanischer Kreationisten dürfen beide Arten nebeneinanderstehen, denn - so bekennen diese Christen - Gott habe alles in sechs Tagen geschaffen. Das sei die unumstößliche Wahrheit.
Lächerlich? Der US-Komiker Bill Maher macht sich in seinem Film „Religulous“ lustig über derlei, wie er meint, reichlich abstruse Glaubensinhalte. Als ein Musterbeispiel für den neuen Atheismus führte ihn der Philosophieprofessor Thomas Schärtl bei der Studientagung des Akademischen Forums und der Katholisch-Theologischen Fakultät im Haus St. Ulrich vor. Aus „Religulous“ könne man sämtliche Strategien der kämpferischen Gottesleugner ableiten. Sie seien so radikal wie ihre Gegner, die religiösen Fundamentalisten.
Beide reißen Aussagen aus ihrem Zusammenhang und verschließen sich einer denkerischen Durchdringung. So naiv die Atheisten sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse berufen, so wortwörtlich nehmen die Fundis die Bibel, sagt Schärtl. Außerdem identifizieren beide Religion mit Religiosität, die nicht selten ins Schwärmerische ausufert.
Aber auch unter dem Vorzeichen strikter Rationalität hat es die Religion in der Begegnung mit Wissenschaftlern schwer. „Ich kann mit dem Begriff der Schöpfung nichts anfangen“, sagt der Evolutionsbiologe Prof. Ulrich Kutschera, der in Kassel und an der US-Eliteuni Stanford lehrt. Den Ursprung des Lebens auf der Erde hält Kutschera für eine philosophische Fragestellung. Der Molekularbiologie sieht um sich einen „Planet der Bakterien“, die seit 2000 Millionen Jahren existieren und alles Leben erhalten. Hier gebe es kein intelligentes Design.
Charles Darwin habe für seine Theoriebildung vor 150 Jahren nur Pflanzen und Tiere untersucht und postuliert, es gebe keine Sprünge, sondern eine kontinuierliche Vervielfachung der Arten. Tatsächlich aber sei die Mehrheit aller Arten bereits wieder ausgestorben.
Evolution als einen dynamischen Prozess ohne bestimmtes Ziel verteidigte auch der Wiener Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker Prof. Franz Wuketis. Der einzelne Organismus sei zweckmäßig aufgebaut, „aber da ist keine universelle Zweckmäßigkeit“. Darwins Überleben des Fittesten beziehe sich auf diejenigen Varianten in der Spezies, die ein Überleben unter konkreten Umständen besser ermöglichten. „Es gibt in der Evolution keine perfekte Ausgestaltung“, widersprach Wuketis der Vorstellung einer planvoll umgesetzten Schöpfung. Einzig im Lebewesen Mensch stecke eine „Metaphysikbedürftigkeit“, die maßgeblich mit seinem Todesbewusstsein zusammenhänge. Religion auszubilden, also die symbolische Darstellung einer übernatürlichen Welt, bot offensichtlich einen „Anpassungsvorteil“, stellte Wuketis kühl fest. „Das heißt nicht, dass die jeweiligen Glaubensinhalte tatsächlich richtig sind. Aber Religion schade offensichtlich dem Menschen nicht.“
Der Jesuit Harald Schöndorf, Professor für Erkenntnistheorie, ließ das nicht so stehen. Religion nur als Überlebensvorteil überzeuge nicht. Gleiches könne man vom Krieg sagen. Nein, der Mensch frage nach der ersten Ursache, wenn er nach Gott fragt: Warum ist überhaupt etwas? Gott habe natürlich die Welt in eine Eigengesetzlichkeit entlassen. Schöpfungsglaube habe nichts mit der Annahme zu tun, ein handwerklicher Weltenbildner sitze an seiner Töpferscheibe. Er sei „kein Anfangsbegriff“, wie es die Bibel vielleicht nahelegen könnte. Auch die Evolutionstheorie gebe ja von der Annahme aus, dass sie ein Prozess zu immer höheren, immer komplexeren Strukturen ist.
Alois Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2010, Seite 35