Sternschwestern in Nördlingen: Seismographen für die Zeichen der Zeit
Sehr verehrte, liebe Stern-Schwestern, liebe Festgäste, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, knapper kann es kaum gehen. Das heutige Evangelium umfasst nur ganze zwei Verse.
Nicht dass Sie meinen, es wurde eigens für unser Jubiläum hier ausgesucht – nein, so empfiehlt es das Direktorium für das heutige Fest der Großeltern Jesu, Joachim und Anna. Ein seltener Fall in zweifacher Hinsicht: ein heiliges Ehepaar und zugleich ein Fest, das in der kirchlichen Tradition ein deutliches Übergewicht zugunsten des weiblichen Teils aufweist. - Die heilige Anna wurde jahrhundertelang besonders von Frauen sehr verehrt. Sie galt als mächtige Fürsprecherin bei Kinderlosigkeit, in der Schwangerschaft und als Beistand für eine glückliche Geburt. Zu ihr konnte frau sich in Ehe- und familiären Problemen wenden; sie fand Trost in der Vorstellung, eine wirklich sachverständige Heilige vor sich zu haben!
Gleichzeitig steht Hanna, so würde ihr biblisch-jüdischer Name lauten, als Mutter Mariens in der Kette der Menschen, die an das Kommen des Messias aus dem jüdischen Volk glaubten. Wie ihre Namensvetterin, die im Lukasevangelium als „Prophetin“ bezeichnet wird und, wie es dort heißt, über den neugeborenen Jesus zu allen sprach, „die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (vgl. Lk 2, 36-38).
Wenn wir ausgerechnet heute zum Dank für 150 Jahre Stern-Kloster in Nördlingen zusammengekommen sind, so ist
dieser Tag
bewusst gewählt; von daher fällt auch ein helleres Licht auf die besondere Seligpreisung, die Jesus im Evangelium an seine Jünger richtet – an seine Zeitgenossen damals, aber auch an die Wartenden der vorausgehenden Jahrhunderte und nicht zuletzt an uns - 2000 Jahre nach dem Erscheinen des Sohnes Gottes: „Ihr aber seid selig, denn Eure Augen sehen und Eure Ohren hören.“ Buchstäblich genommen heißt das: dankbar sein für die körperliche Unversehrtheit, wenn alle Organe, alle Sinne intakt sind und wir die Menschen, die Schöpfung, das Schöne, aber auch das Schmerzliche wahr-nehmen können. Doch zugleich wissen wir, dass die Zielrichtung der Seligpreisung tiefer greift: Nicht nur das vordergründige Sehen- und Hörenkönnen im medizinischen Sinn ist gemeint, sondern der Blick hinter die Kulissen, das Horchen auf die leise Stimme im Lärm der Welt. Nur wer sich darin übt, sieht und hört wirklich und kann entsprechend re-agieren und ant-worten. So zeigt die Gründung des Sternklosters in Nördlingen, dass die Schwestern Seismographen waren für die Zeichen der Zeit.
Hören ist allerdings eine Fähigkeit, die uns nicht einfach in die Wiege gelegt wurde. Sie ist zwar – davon bin ich überzeugt – in jedem Menschen angelegt, aber zur Entfaltung kommt diese Fähigkeit nur da, wo sie sich der Einzelne bewusst macht und ihr Raum gibt. Nicht selten ist damit ein echter Aha-Effekt oder ein radikaler Perspektivenwechsel verbunden, und in letzter Konsequenz sogar eine einschneidende, auch für andere sicht- und hörbare Veränderung. Ich denke dabei an den hl. Franziskus, Ihren Ordensvater, liebe Schwestern von Maria Stern! Noch nach 800 Jahren ist jeder, der sich mit ihm beschäftigt und vor allem dann, wenn wir in seiner Heimatstadt Assisi auf seinen Spuren unterwegs sind, betroffen von
der
Kehrtwende in seinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Franziskus machte ernst mit jedem Wort Jesu, das er verstanden hatte, weil er sich jenseits von Raum und Zeit unmittelbar und persönlich von ihm angesprochen fühlte. Auf diese Beziehung gründete er sein ganzes Leben.
Mit dem unverwandten Blick auf seinen Erlöser schritt Franz von Assisi auf dem luftigen Seil seines Lebens über die Abgründe der Verachtung, der Selbstzweifel und der Karrieresucht hinweg und über alles, was uns Menschen bis heute so schwer zu schaffen macht – besonders wenn wir diesen Balken in unserem Auge nicht sehen (vgl. Mt 7,3). Natürlich hat er dabei auch immer wieder ‚gewackelt‘, drohte vom Seil zu fallen, so wie Petrus, die ausgestreckte Hand Jesu vor Augen,
auch
beinahe untergegangen wäre – doch wie dieser nahm auch Franziskus seine Zuflucht zum Gebet, zum Hilfeschrei: „Herr, rette mich!“ (Mt 14,30). So ist er für uns nachahmens-wert. Denn die Mär von unverwundbaren Superhelden und –heldinnen ist etwas für solche, die sich Tagträumen hingeben und das Erwachsenwerden scheuen.
Was wir Menschen aber dringend brauchen, das sind realistische Vorbilder. Dies weiß bereits der Autor des Hebräerbriefes, wenn er überliefert, was nur die unmittelbaren Jünger wissen konnten, dass nämlich Christus, „als er auf Erden lebte, mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht (hat), der ihn aus dem Tod retten konnte“ (Hebr 5,7). Das klingt zwar nicht besonders attraktiv – „lautes Schreien“ ist schlechte Kinderstube und „Tränen“, zumal bei Männern, sind gesellschaftlich immer noch tabuisiert. Und doch gehört die Passage eines der besten Franziskusfilme des ausgehenden 20. Jahrhunderts, in der der spätere Heilige als ein Häufchen Elend in einer Felsspalte in umbrischer Unwegsamkeit kauert und so laut jammert und schreit, dass es von den Bergwänden widerhallt, zu den ergreifendsten und - in meinen Augen - ganz und gar authentischen Szenen.
Franziskus ist ja, und das muss ich Ihnen, liebe Schwestern, nicht sagen, nicht (nur) der fröhliche Troubadour Gottes, der hingebungsvolle Pfleger der Aussätzigen, der dankbare Komponist des Sonnengesangs, der furchtlose Kriegsgegner und respektvolle Dialogpartner der Muslime im Heiligen Land – nein, er ist auch der Arme, Kranke, Ohnmächtige, ja der Verzweifelnde. Dennoch gilt ebenso für ihn, was der Hebräerbrief nach der Schilderung von Jesu Verhalten mit Nachdruck bezeugt, nämlich: „Er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.“ Und nur deshalb, weil Christus GANZ Mensch geworden ist, nichts, aber auch gar nichts ausgelassen hat, was unser Menschsein so schwierig macht und manche von uns schier unter der Last zerbrechen lässt; weil er „durch Leiden den Gehorsam gelernt (hat)“, ist er „zur Vollendung gelangt und für alle, die
ihm
gehorchen, der Urheber des ewigen Heils [Hervorheb. im Bibeltext] geworden“ (Hebr 4, 7-9).
Und das ist der tiefere Grund, weswegen wir heute hier versammelt sind, das ist der Grund unserer Festesfreude, das war der Glaube aller Schwestern, die in den letzten 150 Jahren hier in Nördlingen so segensreich gewirkt haben! Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die Anfänge einer klösterlichen Filiale immer verbunden sind, zumal in einer protestantisch dominierten Stadt, die im 30jährigen Krieg einen hohen Blutzoll hatte entrichten müssen und erst nach dem Verlust der reichsstädtischen Unabhängigkeit ab 1802 überhaupt wieder katholische Bürger in ihre Mauern aufnahm. Es war dem beharrlichen Werben des tatkräftigen Pfarrers Michael Wildegger (1826-1912) zu verdanken, dass Barmherzige Schwestern und Sternfrauen in Nördlingen Niederlassungen gründeten.
Was für die Verantwortlichen sicher ein Wagnis war, bedeutete für die einzelne Schwester die Einlösung ihres in der Profess gegebenen Gehorsamsversprechens. Sie musste manch innere und äußere Widerstände überwinden und wurde vielleicht spürbar „ins kalte Wasser geworfen“. Nicht wenige Schwestern werden die erste Zeit Ihres Hierseins als Drahtseilakt empfunden haben. Doch der Einsatz so vieler evangeliumstreuer Zeuginnen hat sich gelohnt – vor zwei Jahren durften wir 110 Jahre Fachakademie für Sozialpädagogik feiern und vielleicht ist es eine positive Seite des Rückgangs klösterlicher Präsenz, dass die Gesellschaft hier und anderswo die Kostbarkeit eines solchen Wirkens erst jetzt recht erkennt.
Jeder Mensch ist gottunmittelbar, jede Schwester weiß sich ganz persönlich von Gott angesprochen und jedes gute Werk, sei es noch so unscheinbar und den Blicken der Welt verborgen, ja jeder Gedanke, jede „gute Meinung“, wie man früher sagte: alles fügt sich zum großen Ganzen, zur „Vollendung“, wie es der Hebräerbrief genannt hat. Denn das ist sicher eine der vornehmsten Aufgaben von uns Menschen, MitschöpferInnen (co-creatores/cooperatores) der göttlichen Weisheit zu sein. Dies waren Sie in der Vergangenheit, liebe Schwestern, und dies sind Sie bis auf den heutigen Tag. So gesehen kann man sich dann auch mit dem etwas einseitigen Frauenbild aussöhnen, das uns vorhin in der Lesung aus dem Buch der Sprichwörter präsentiert wurde: Denn den letzten Vers dieses ‚Lobs der tüchtigen Frau‘ kann ich nur dick unterstreichen: „Preist sie“ – die Schwestern einst und jetzt und auch die, die hoffentlich noch kommen werden – „für den Ertrag ihrer Hände,/ihre Werke soll man am Stadttor loben“ (Spr 31, 31)! Amen.