in der Christkönigskirche Dillingen am 24. August 2021
Die Brotvermehrung als Wunder des Teilens
„Aus drei wird eins.“ Diese Weiche hat das „Übergangskapitel“ in den letzten Tagen gestellt. Fusion ist aber mehr als Vereinigung, Fusion heißt auch Teilung, Förderung einer Kultur des Teilens.
Wovon lebt der Mensch? Wir leben vom Brot. Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Unser Leben hängt immer auch an einem Stück Brot. Sonst knurrt der Magen. Auch der hat sein Recht. Doch nicht nur vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Knurrt uns manchmal der Magen, weil wir hungern nach Gottes Wort? Oder haben wir uns daran schon satt gegessen? Oder meinen wir gar, dass manches Wort aus Gottes Mund ungenießbar ist, unbekömmlich und unverdaulich? Satte Menschen haben keinen Hunger mehr. Mitunter tut ein Appetitanreger gut, der uns neu Geschmack finden lässt am Wort Gottes. Einen solchen Appetitanreger möchte ich Ihnen offerieren:
Als die Menge um Jesus versammelt war, hatten genug Leute genug zu Essen bei sich. Nur eines bewegte die Menschen: Jeder hatte Angst, er müsse sein Bisschen mit so vielen anderen teilen. Wenn ich mein Brot weggebe, dann habe ich selbst nichts mehr, und für so viele reicht es ohnehin nicht. Also behält jeder sein Bisschen für sich. Nur ein Kind packt aus, unbekümmert und unverkrampft, wie Kinder einfach sein können. Alles, was es hat, vertraut es Jesus an. Und Jesus nimmt es an, spricht ein Dankgebet und teilt das Brot aus. Das steckt an: Jetzt packen auch die anderen aus. Sie holen das Brot, das sie versteckt hielten, hervor und fangen an zu teilen. Alle teilen mit allen, und das Wunder passiert. Alle werden satt! Es bleibt sogar noch übrig – für Tage des Hungers.
Bekommen wir nicht neuen Appetit auf die Brotvermehrung? Brotvermehrung ereignet sich dort, wo Menschen zu teilen beginnen, wie der kleine Junge mit den fünf Broten und den zwei Fischen. Einfach einmal damit anfangen: statt über die Dunkelheit schimpfen ein Licht anzünden; statt von Frieden und Gerechtigkeit im Großen träumen in den eigenen vier Wänden helfen, dass der Haussegen nicht schief hängt; statt Brot für die Welt wenigstens Brot für die in meiner Nähe! Das Zeichen der Brotvermehrung ist auch ein Wunder des Teilens. Nach dem Aperitif biete ich Ihnen einige Regeln an, die uns das Teilen leichter machen:
Sich selbst ein-fordern
Der Junge hat nicht viel: fünf Brote und zwei Fische. Das ist alles. Mehr nicht. Aber er gibt alles, was er hat. Auch unser Teilen muss mehr sein als Kosmetik, mehr als ein Feigenblatt nach dem Motto: Ein ruhiges Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Es war ein langer Weg, der nun in ein neues Miteinander einmündet. Die Fusion der drei deutschen Provinzen wird nur gelingen, wenn der Prozess mehr war als eine Strukturreform. Es geht um Beziehung: Wie nahe lasse ich Mitschwestern tatsächlich an mich heran und in mich hinein? Wie viele Reservate behalte ich mir vor? Bin ich bereit, andere in mich hineinschauen zu lassen, auch in mein Herz, damit meine persönliche Glaubenserfahrung, wie der hl. Paulus schreibt, mehr werde?
„Sich selbst einfordern“ richtet sich besonders an uns Priester und alle, die Menschen auf ihrem Weg begleiten. Gerade der Glaube betrifft nicht nur das Hirn, er geht zu Herzen. Deshalb brauchen wir Mut und Einfühlungsvermögen, um die Menschen persönlich anzusprechen und manchmal auch anzupacken.
Gerade dafür öffnete der sympathische einstige anglikanische Primas Michael Ramsey (1904-1988) seinen Priesterkandidaten die Augen. Zu gut wusste er, wie schnell Seelsorger resignieren können angesichts ihres bescheidenen Tuns, der fünf Brote und zwei Fische, die sie anbieten. Er wusste, wie schwer es ist, in der Kirche vor immer weniger Leuten zu predigen oder Familien zu besuchen, die ihr eigenes Leben führen, an der Kirche vorbei. Deshalb gab er seinen Studenten folgenden Rat:
„Bedenken Sie: Die Herrlichkeit des Christentums ist sein Anspruch, dass kleine Dinge wirklich zählen; dass die spärliche Begleitung, die Wenigen, der Eine Mann, die Eine Frau, das Eine Kind für Gott von unbegrenztem Wert sind. Betrachten Sie unseren Herrn selbst! Inmitten einer weiten Welt mit ihren ausgedehnten Reichen, ihren gewaltigen Ereignissen und Tragödien widmete er sich einem kleinen Land, kleinen Dingen, einzelnen Männern und Frauen, verschwendete Stunden an die Wenigen. Sie werden Christus nie näher sein als in der Sorge um den Einen Mann, die Eine Frau, das Eine Kind.“
In diesen Worten zeigt sich die geschwisterliche Sorge, wie Jesus sie verstanden hat. Welche Aufmerksamkeit, wie viel Zeit hat ER einzelnen gewidmet! Gerade Oberinnen wissen, was das heißt. Aber auch sog. „einfache“ Schwestern leiden, wenn sie als Mauerblümchen behandelt werden, wenn die Fürsorgepflicht der Verantwortlichen (scheinbar) ausbleibt. Jesus lässt sich von den Menschen einfordern – viele Stunden, Tage und Wochen lang.
So kommt eine zweite Regel hinzu:
Einander nicht über-fordern
Jeder kann nur geben, was er selbst hat. Diese Selbstverständlichkeit müssen wir uns hinter die Ohren schreiben. Suchen wir beim andern nicht, was er/sie nicht geben kann! Der Junge im Evangelium war kein Fünf-Sterne-Koch. Er konnte kein exquisites Mittagsmenü bieten. Aber was er hatte, das gab er weg. Seine begrenzten Möglichkeiten brachte er ein. Einander nicht überfordern heißt: vom anderen nicht erwarten, dass er uns den Himmel auf die Erde ziehen könnte. Auch meine Mitschwester bringt nur fünf Brote und zwei Fische mit, aber wenn ich beginne, das Wenige füreinander zu entdecken und mitzuteilen, dann können viele davon zehren. Für die weltkirchliche Arbeit gibt es eine Regel: Niemand ist so reich, dass er nicht empfangen könnte, und keiner ist so arm, dass er nichts zu geben hätte. Wir sehen die Gaben anderer nicht als Konkurrenz an, sondern freuen uns an ihnen. Und wir machen einander Mut, immer mehr Gaben in die Gemeinschaft einzubringen. Unsere Möglichkeiten zu teilen sind ausbaufähig. Wenn wir damit anfangen, wage ich die Behauptung: Wir werden ein Wunder erleben angesichts des Reichtums und der Vielfalt, die uns auszeichnet. Dass es jetzt nur noch eine Provinz in Deutschland gibt, sehe ich als Chance. Doch es braucht Bereitschaft, sich zu bewegen (Mobilität!), „weiter zu gehen“ (Papst Franziskus) und vor allem, wie beim Kartenspielen das Blatt neu zu mischen. Der soeben gewählten Leitung wünsche ich viel Fantasie, den Schwestern die Bereitschaft, nicht „zuzumachen“, sondern sich für Neues zu öffnen. Ein kostbares Gut, das wir zum Wohl der Gemeinschaft teilen können, ist unsere Zeit. Schenken, ja teilen Sie miteinander Zeit: weniger zum „Ratschen“, sondern zum Trösten, zum Ermutigen, zum Trauern, zum Feiern, zum Beten und Singen.
Einen dürfen wir nicht vergessen, den Wichtigsten: Wenn wir eifrig anpacken, großzügig austeilen, aber nur damit beschäftigt wären, viel Wind zu machen, wäre ein Kloster bald wie ein Betrieb, der am Laufen gehalten wird. Ergebnis: Volldampf im Leerlauf, reiner Aktionismus, der sich über kurz oder lang totläuft. Deshalb meine dritte Teilungsregel:
Jesus auf-fordern
Der Junge bringt seine Gabe und lässt sie segnen. Erst durch den Segen geschieht das Wunder. Wir brauchen darüber nicht mehr viel reden, wir werden es in dieser Feier tun: Brot und Wein, Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, bringen wir zum Altar und damit unser Leben. Herr, wir fordern dich auf, wir bitten dich: Segne Brot und Wein, segne unsere Freuden und Hoffnungen, unsere Ängste und Sorgen, unsere Enttäuschungen und unsere neuen Horizonte, die sich nun auftun, damit wir sie gesegnet austeilen können. Und wenn unser Leben auf dieser Erde einmal zu Ende geht, dann segne du unsere Zeit, dann wandle, vermehre unsere Zeit in deine Ewigkeit.
Den Blick auf die Ewigkeit wünsche ich der künftigen deutschen Provinz der Dillinger Franziskanerinnen. Generaloberin Sr. Roswitha Heinrich hat es für die Donauzeitung auf den Punkt gebracht: Strukturen müssen erneuert werden, „das bedeutet: einfachere zu schaffen, sich von Unnötigem zu entlasten, um dem franziskanischen Charisma mehr dienen zu können.“ (21.8.21)
Der Junge hat ausgepackt, während die Leute das, was sie dabeihatten, zunächst versteckt hielten und verpackt ließen. Auch in den drei Provinzen hat sich Gepäck angesammelt: fast 50 Jahre lang - wertvolles Erbe, aber auch Ballast, besonders für die Schwestern, die vor einem halben Jahrhundert entschieden haben, in drei eigenständigen Provinzen miteinander unterwegs zu sein. Deshalb meine Bitte für Ihre gemeinsame Zukunft: Packen Sie aus - nicht nur finanziell, sondern auch existentiell; packen Sie aus – als einzelne, als Provinz, sonst können Sie einpacken!