in der Wieskirche am Sonntag, den 5. September 2021 (Kirchweih- und Schutzengelfest)
Der Wiespfarrer: „Provoziert, exponiert, engagiert.“
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Die Frage, die Jesus stellt, ist mutig. Ich muss mit einem Menschen eng verbunden sein, dass ich ihn fragen kann: „Sag mal, für wen hältst du mich eigentlich? Wer bin ich für dich?“ Wie viel ist bei solchen Fragen schon verletzt worden an mühsam errungener Beziehung, wenn sie als Herumstochern empfunden wurden?!
Jesus geht sogar noch weiter. Es bleibt nicht bei der intimen Zweierbegegnung. Er liefert sich einer Gruppe aus. Er stellt sich vor seine Jünger: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Diese Frage ist
mutig
undprovokativ
zugleich.„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Diese Frage darf einen Wiespfarrer nicht loslassen. Im Blick auf die Mitte der Kirche, den Gegeißelten Heiland, muss er sie stellen. Mehr noch: Die Frage stellt ihn; um die Frage kommt keiner der beiden herum: weder Monsignore Gottfried Fellner noch Pfarrer Florian Geis. „Du aber, für wen hältst du mich“ als Mensch, als Christ, als Priester? Wenngleich die Frage die Nagelprobe für jeden Christen ist, wird sie besonders eindringlich einem geistlichen Menschen gestellt, vor allem uns Priestern, die wir im Namen und Auftrag Jesu handeln.1. „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Damit werden die Jünger damals wie heute PROVOZIERT. Jesus fragt nicht nach der Meinung der vielen, er möchte es ganz persönlich wissen. Wir sollen wegkommen von unserem vorgefertigten Drucksachenglauben. Einfaches Beispiel: Wenn ich meine Post durchschaue, dann suche ich immer zuerst die Briefe heraus mit handgeschriebener Adresse. Auf die Seite wandern bald die Prospekte, Massensendungen und Drucksachen. Und ich freue mich, wenn es Briefe und Karten gibt, wo lebendige Menschen mich persönlich ansprechen und mit ihrem eigenen Namen unterschreiben.
Genau darum geht es Jesus mit seinen Jüngern: von ihm provoziert. Auch die Wieskirche ist eine Provokation. Umspielt von Stuck und Schnörkel steht in einer überdimensionalen Tabernakelnische am Hochaltar eine ungewöhnliche Figur: kein mit Gold und Edelstein geschmücktes Schaustück, sondern eine armselige Gestalt, aus Holz geschnitzt, zerschunden, an die Geißelsäule gekettet. Das soll die Mitte der Wieskirche sein? Ja! In dieser Monstranz zeigt sich Gott von seiner menschlichen Seite. Pracht und Glanz dieser Kirche erschließen sich uns erst dann, wenn wir das Geheimnis dieses Gnadenbildes erfassen.
Vor uns sehen wir ein Bild des Erlösers, mit der Schuld der ganzen Welt beladen. Obwohl gebunden, scheint es, als strecke er mir einladend seine Hand entgegen. Die Besucher aller Herren Länder verstehen die Botschaft der Wies: Vor Jesus Christus kann ich meine Sorgen und mein Leid, meinen Kummer und meine Tränen tragen. Er versteht mich, denn er leidet selber, er ist einer von uns geworden. Hoffentlich haben auch wir die Kraft und den Mut, die ausgestreckte Hand Jesu neu zu ergreifen. Lieber Gottfried, lieber Florian, lasst euch vom Gegeißelten Heiland provozieren! Ich wünsche mir, dass hier in der Wieskirche das Geheimnis des Schmerzes und des Leidens weiter verkündet und gedeutet wird – nicht nur durch Predigt und Konzerte, durch Führungen und Kultur, sondern durch Seelsorge, durch Euer priesterliches Zeungis und einfach durch Euer Dasein. Schenkt den Menschen Euer offenes Ohr!
„Du aber, für wen hältst Du mich?“ Die Frage war damals provokativ. Sie ist es bis heute. Hat sie für mich ihre provokative Spitze bewahrt? Oder lasse ich sie so allgemein und anonym an mich heran, wie eben auch eine Drucksache nur ein Exemplar aus Tausenden ist? Leider verkehren wir mit Gott oft so, dass wir ein vorgedrucktes Blatt ins Kuvert stecken oder einen vorformulierten Text einfach nachbeten. Schaden kann es ja nicht. Aber wenn das alles ist! Dann sind wir „fotokopierte Christen“ „Für wen haltet ihr mich?“ Die Frage soll uns Übersetzungshilfe sein, damit aus der Drucksache ein persönlicher Brief wird mit eigenhändiger Unterschrift. Dabei haben wir es doch gar nicht so schwer.
2. Jesus hat ja seine Jünger nicht nur provoziert und sie dann im Regen hilflos stehen lassen. Er hat ihnen einen Sprecher gegeben: Petrus – vom Herrn EXPONIERT. Er exponiert sich mit dem Bekenntnis: „Du bist der Messias.“ Ein großes Wort! Bei Matthäus wird Petrus dafür seliggepriesen. Das Wort ist zu groß für einen einfachen Fischer, eben erst weggeholt von seinen Netzen: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Indem der Fischer Petrus dieses Bekenntnis in den Mund nimmt, wird er vom Herrn exponiert. Seitdem Gottfried und Florian sich dieses Credo zur Richtschnur ihres Lebens gemacht haben, sind sie mitexponiert. Das göttliche Wort wird in ihren menschlichen Mund gelegt. Die Exponierung des Glaubens ist nicht unangefochten; am Petrusamt wir gerüttelt und gesägt. Lieber Gottfried, lieber Florian, ich erwarte von Euch, dass Ihr auch weiterhin den Heiligen Vater hochhaltet – und auch den Bischof, der in seinem Auftrag die Diözese leitet. In Euren Predigten habt keine Scheu, eine Lanze für den katholischen Glauben zu brechen. Und vergesst dabei nicht, die Menschen ernst zu nehmen, wie sie sind. Und wenn einmal eine leise kritische Anfrage über Eure Lippen kommen sollte, dann geschehe dies aus ehrlicher Sorge, aus einem tiefen „sentire cum Ecclesia“, aus einem echten Fühlen mit der Kirche. Das Stehen zum Bekenntnis der Kirche ist für einen Wiespfarrer das A und O seines Wirkens.
Ich bin froh, dass Petrus das Credo ein für allemal vorgesprochen hat. Wofür hat „der Messias Gottes“ nicht schon herhalten müssen auf den Plakaten und Pamphleten der Welt: zum Philosophen, Volkslehrer, Moralisten, zum Idealisten und Revolutionsführer hat man ihn gemacht. Petrus gibt uns die Vorlage für unser persönliches Bekenntnis. Damit sind wir nicht zum Papagei erniedrigt, der nur nachplappert, was ihm ein anderer vorsagt. Im Gegenteil: Unser Dienst als Priester, das Wirken vieler Ordensleute und unser Christsein überhaupt wäre nur eine Drucksache wert, gäbe es da nicht die unüberbietbaren Worte des Petrus: „Du bist der Messias Gottes.“ Hinter diese Worte können und dürfen wir nicht zurück. Wer das Messiasbekenntnis verkürzt, verwässert den Glauben. Wie Petrus mit seinem Bekenntnis exponiert wurde, so wird sich jeder Priester exponieren müssen, will er die Fahne für Jesus Christus hochhalten. Der Applaus der vielen ist kein Barometer für die Qualität der Verkündigung. Wer Jesus Christus die Stange hält, erntet nicht nur Beifall. Er muss auch lernen, mit Widerspruch zu leben und Gegenwind auszuhalten. Umgekehrt gilt als Mahnung gerade für uns Priester: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht.
Es ist tröstlich, dass Petrus noch ganz anders exponiert wird. Neben der Seligpreisung steht die Korrektur, die schroffe Abfuhr: „Fort mit dir, Satan. Du vertrittst ja nicht die Sache Gottes, sondern die Sache der Menschen.“ Warum ist Jesus so hart? Weil es bei Petrus arg gemenschelt hat. Menschlich, allzu menschlich ist sein Einwand: Er wehrt sich gegen das Kreuz. Drei Hütten wollte er bauen, ganz oben am Himmel kratzen; er muss hinunter in die Niederungen des Leidens. Er hat ihn schauen dürfen – den verklärten Christus auf Tabor; er muss ihn eintauschen mit einem unattraktiven Jesus auf Golgota. „Der Menschensohn muss vieles erleiden.“ Das ist für Petrus zu viel. Er macht zwar noch irgendwie mit, aber am Ende kann er nicht mehr. Der Felsenmann wird weich wie Butter. Er stolpert. Sein Weg der Nachfolge ist weder graziöser Tanz noch schneller Spurt; es sind Stolperspuren eines Mannes, der begeistert ist und zugleich angefochten. Ob wir es wollen oder nicht, wir alle hinterlassen Spuren.
An viele gute Spuren, die auf Dich verweisen, wirst Du, lieber Gottfried, in diesen Tagen dankbar denken: Spuren, die Du in die Herzen der zahlreichen jungen Menschen gelegt hast, denen Du als Religionslehrer in Dillingen den Glauben nahebrachtest; Spuren, die sich tief eingegraben haben vor allem als Basilikapfarrer in Dillingen - übrigens unter dem Patronat des hl. Petrus - und weit darüber hinaus im Dekanat, in der Region und im Bistum; Pfarrer Fellner galt als Institution! Und ganz frische Spuren werden sicher lebendig aus der Zeit, da Du der Wieskirche Deinen unverwechselbaren und nachdrücklichen Stempel eingeprägt hast. Freilich wird sich hier auch manche Spur beimischen, die sich menschlich in Dein Herz gegraben und es verwundet hat. Doch Du hast Dich nicht unterkriegen lassen. Dein Glaube ist es, aus der Seele und Leib Kraft schöpfen bis heute. Möge es noch lange so bleiben. Frau Rita Beißer, Deine rechte Hand, soll Dir noch viele Jahre zur Seite stehen! (Denn Hobbyköche sind wir beide nicht. Da ist Florian stärker!) Lieber Gottfried, was Du in Dillingen in der Schule des Petrus Canisius gelernt hast, das rufe ich Dir heute noch einmal zu: Persevera! Halte durch! Bleib beharrlich und treu!
Denselben Wunsch lege ich auch Dir, lieber Florian, ans Herz: Aus Augsburg/St. Georg habe ich Dich in die Wieskirche gerufen. Ich bin Dir dankbar, dass Du diesen Ruf sofort angenommen hast. Vom Mozartpfarrer wirst Du jetzt zum Wiespfarrer. Du bist exponiert. Sicher werden in der Wieskirche sowohl von der Architektur als auch von der Musik her Assoziationen geweckt an verspieltes und leichtes Rokoko, doch dieses Gotteshaus kündet im Kern eine ernste Botschaft: Das Gnadenbild erinnert uns, dass der eigentliche Hohepriester der Gegeißelte Heiland ist. Im Zentrum des hellen und bunten Festsaals, der nur so von Lebenslust strotzt, steht der Schmerzensmann. Das heißt: Wer sich zur Gemeinschaft Jesu Christi zählt, darf nicht nur vom Himmel träumen, sondern muss hinunter in die Niederungen des Lebens. Der Geißelheiland zeigt Jesus nicht als „Superstar“, sondern als Leidenden, nicht als Sonnenkönig, sondern als Schmerzensmann! Lieber Florian, so gebe ich Dir als Bischof diesen geistlichen Rat mit auf die neue Etappe Deines priesterlichen Weges: Die Feier der Liturgie ist wichtig. Doch wenngleich in diesem Gotteshaus viel inszeniert werden kann, soll die Wieskirche keine Bühne für Darstellungen längst vergangener Tage werden. Die Person für die Hauptrolle brauchen wir nicht suchen; sie steht fest: Jesus Christus, den die Priester hier verkünden und mit der Gemeinde feiern im Wort und Sakrament, wie es dem II. Vatikanischen Konzil entspricht. Nicht das Weltkulturerbe exponiert den Wiespfarrer, sondern die Leidensgemeinschaft mit dem Gegeißelten Heiland.
3. Das ist ein großes Erbe, ein hoher Auftrag. Das Lippenbekenntnis reift zum Lebenszeugnis. Gerade wir Priester müssen bereit sein, unser Leben durchkreuzen zu lassen. Ein Priester ist nicht nur provoziert durch das hartnäckige Fragen des Herrn; er schaut nicht nur auf zu Petrus, durch das Bekenntnis exponiert. Der Priester lässt sich ENGAGIEREN, indem er täglich sein Kreuz annimmt und es dem Herrn hinterherträgt. Die Wieskirche ist gerade für einen Seelsorger ein Trainingsplatz fürs Kreuztragen. Es sind nicht nur Touristen und Ausflügler, die hierherkommen. Es sind viele, viele Pilger, Frauen und Männer mit großen und kleinen Kreuzen. Lieber Florian, wenn ich könnte, würde ich Dich umtaufen, Dir wenigstens noch einen zweiten Namen geben: Florian S. Geis, d.h. Florian Simon von Cyrene Geis. Sei den Menschen hier wie Simon, der dem Schmerzensmann half, sein Kreuz nach Golgatha zu tragen. Wer Dir begegnet, soll spüren: Hier treffe ich einen Gottesmann, der keine Drohbotschaft verkündet, sondern eine Frohe Botschaft fürs Leben. Auch Gottfried hat keine „Wellness-Religion“ gepredigt, sondern kraftvoll und kernig, bodenständig und leidenschaftlich von der Freundschaft erzählt, die ihn an Jesus Christus bindet.
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Mit dieser Frage sind wir heute provoziert
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„Für den Messias Gottes.“ Dieses Bekenntnis hat Petrus exponiert.
„Nehmt euer Kreuz an Tag für Tag.“ Mit dieser Bitte sind wir engagiert.
Vom Herrn provoziert, exponiert, engagiert. Das ist der Priester. Das ist auch Maria, die Muttergottes und „Mutter der Kirche“: Auch sie wurde vom Herrn provoziert, exponiert und engagiert, von der Verkündigung durch Gabriel bis zum Stehen unter dem Kreuz. Bitten wir Maria für die beiden Wiespfarrer, den scheidenden Gottfried Fellner und den kommenden Florian Geis, dass sie treu bleiben - Jahr um Jahr bis zum Ende. Auf die Fürsprache unserer hl. Schutzengel rufen wir: Maria mit dem Kinde gut, nimm uns alle in deine Hut!