im Augsburger Dom
Das schnelle Comeback
Von so einem Comeback kann man nur träumen: Am Freitag ist er abgetreten. Am Sonntag früh ist er wieder zurück. Jesus ist wieder da! Anders da! Neu da! „Das größte Comeback der Weltgeschichte“ feiern wir an Ostern. Tod und Auferstehung Jesu sind das Herzstück unseres Glaubens.
Geboren werden, leben, lieben, leiden und sterben: das hat bisher jeder hingekriegt, unter welchen Umständen auch immer. Aber dass jemand die Bühne des Lebens verlässt und am dritten Tag ein Comeback feiert, das hat es vorher noch nie gegeben. Das sprengt alle Grenzen. Alles, aber auch wirklich alles, was unseren Glauben ausmacht, steht und fällt mit der Auferstehung:
Ohne Ostern wäre Weihnachten nur ein orientalisches Märchen aus 1001 Nacht. Aber die Auferstehung erweist Weihnachten als den Anfang des gewagtesten Kapitels der Geschichte, die Gott mit uns Menschen geschrieben hat: Das Wort ist Fleisch geworden – und dieses Wort ist Licht und Leben (vgl. Joh 1,4.14).
Ohne Ostern wäre der Karfreitag nur ein bedauerlicher Justizirrtum. Aber die Auferstehung erweist den Todestag Jesu als „Good Friday“, den „guten Freitag“, an dem Jesus vom Kreuz aus über sein Lebenswerk sagen konnte: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).
Ohne Ostern wäre Jesu Kreuz nur eines von vielen Kreuzen, mit denen die Römer damals nicht sparten, um unbequeme Leute aus der Welt zu schaffen. Aber die Auferstehung erweist das Kreuz als das Werkzeug, mit dem Gott die Folgen der Sünde aushebelt. Das Kreuz wird Siegeszeichen und Himmelsleiter.
Ohne Ostern wäre die Kirche nur ein Verein von Verrückten, die einem Guru hinterherlaufen und immer noch nichts gelernt haben. Aber die Auferstehung macht die Kirche zum „Volk für das Leben“, wie es der hl. Papst Johannes Paul II. gern formuliert hat (vgl. Enzyklika Evangelium vitae).
Was bedeutet Ostern dem „Volk für das Leben“? Vielleicht fiel Ihnen auf, dass die Frauen im Matthäusevangelium nach dem Sabbat, in der Dämmerung, also noch im Dunkeln zum Grab gehen. Sie wollen noch einmal bei Jesus sein. Im Gegensatz zu den drei Jüngern am Gründonnerstag haben die Frauen Kraft und Mut, bei Nacht am Grab Totenwache zu halten. Doch dann geschieht es: Jesu Comeback! „Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf“ (Mt 28,2). Die Frauen erleben den Moment der Auferstehung mit, aber nur die äußere Seite von Ostern, den Auferstandenen selbst sehen sie nicht. Alles geht sehr schnell, es kracht und bebt. Die Erde wackelt. Selbst den Wächtern, die das Grab – die Tatsache des Todes – bewachen sollen, wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Engel nimmt den Grabstein in die Hand und setzt sich darauf, will sagen: Der Gottesbote besetzt den Stein des Todes mit Leben. Der Grabstein wird zum Lebenszeichen. Seit Ostern bleibt kein Grab mehr verschlossen. Der Stein des Todes ist der Eckstein des Lebens.
Greifen wir noch einige Details aus diesem Text heraus! Schauen wir zunächst auf die Wächter des Grabes. Das Zittern und Beben der Todeswächter birgt eine tiefe Botschaft: Denn Wächter stehen nicht nur vor Jesu Grab, sie wohnen auch in unserer Seele. Sie verhindern, dass wir Leben in Fülle haben, und tun das Ihrige, dass wir uns in uns selbst einschließen und unsere Seele zu einem Grab wird. Die Seelenwächter achten darauf, dass alles beim Alten bleibt, dass unser wahres Selbst begraben ist, dass der eigentliche Mensch in uns nicht aufsteht zum Leben. An Ostern sind diese Wächter umgefallen. Wenn Christus in uns aufersteht und uns aufrichtet, dann wird auch unser Leben freudiger und bunter, freier und erfüllter. Wir sind nicht mehr blockiert von dem Stein, der uns am Leben hindert, und wagen es, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir lassen uns von den Todeswächtern weder bestimmen noch einengen.
Der Gegenspieler zu den Wächtern ist der Engel. Der Engel legt die Spur, der wir nachgehen sollten. Wer ist für uns ein Engel, der den Stein wegschiebt, der dem Leben Tor und Tür öffnet? Wilhelm Willms fragt:
„Welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht?
Welcher Engel wird wohl kommen, der den Stein vom Grabe hebt?
Welcher Engel wird uns zeigen, wie das Leben zu bestehn?
Welcher Engel schenkt uns Augen, die im Keim die Frucht schon sehn?
Welcher Engel öffnet Ohren, die Geheimnisse verstehn?
Welcher Engel leiht uns Flügel, unsern Himmel einzusehn?
Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein?“
Welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht? Ich glaube, das ist die Frage, die Ostern uns heute stellt. Unsere Zeit braucht Engel als Botschafter des Lebens, Botschafter vom Himmel, die auf Erden sagen: „Die Nacht ist zu Ende. Das Grab ist offen. Das Leben wird siegen.“
Noch ein Detail ist wichtig, um Ostern zu verstehen. Der Engel sagt nicht: „Kommt ins Grab hinein! Prüft und testet, was von Jesus noch übrig ist!“ Er sagt auch nicht: „Geht in den Tempel!“ Dessen Untergang ist ja ohnehin schon prophezeit. Der Engel sagt vielmehr: „Geht nach Galiläa! Denn dorthin ist der Auferstandene euch vorausgegangen. Dort werdet ihr ihn sehen.“
Ostern bedeutet also: Wir haben Jesus nicht hinter uns, sondern vor uns! Wir meinen oft – gerade heute, wo viele nicht mehr an Gott glauben und andere sich von der Kirche distanziert haben, dass unsere Zeit Jesus überholt habe, dass die Menschen des 21. Jahrhunderts Jesus Christus hinter sich gelassen hätten. Das Osterevangelium belehrt uns eines Besseren: Jesus geht uns voraus – nach Galiläa! Galiläa war damals die Gegend der Fischer am See. In Galiläa hatte alles angefangen mit der Bergpredigt und den Seligpreisungen. In Galiläa war es, als ein Engel das Lebenshaus der Maria betrat und ihr eröffnete, dass Gott sie brauchte, um ein neues Kapitel der Geschichte aufzuschlagen. Wie der Engel Gabriel zu Maria, wie der Weihnachtsengel zu den Hirten, so spricht der Osterengel zu den Frauen: „Fürchtet euch nicht!“
Seit Ostern brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten. Die Auferstehung ist kein Ereignis von gestern für Christen, die ewig gestrig sind. Im Gegenteil: Wir haben Jesus nicht hinter uns, der Auferstandene ist vor uns. Er ist uns voraus, wohin immer wir gehen! Welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht? Ich wünsche uns nicht nur einen Weihnachtsengel als Dekoration, ich wünsche uns allen einen Osterengel, der uns sagt: Fürchtet auch nicht! Geht in euer Galiläa! Wenn ihr dort ankommt, ist er schon da: nach seinem österlichen Comeback.