Schatzsucher, Scherbenhäufen und Schalen der Gnade
Einen Schatz findet man nicht alle Tage. Schätze liegen normalerweise auch nicht offen im Schaufenster. Dafür sind sie viel zu kostbar. Aber es gibt ihn – den Schatz, nicht nur im Märchen oder im Traum. Mitten im Leben können wir auf Entdeckungsreise gehen, den Schatz suchen und hoffentlich finden. Du bist mein Schatz, sagen wir über einen Menschen, der uns lieb und teuer ist.
Haben wir einen Schatz gefunden, geht uns ein Licht auf, wir freuen uns und strahlen. Wir sehen die Welt und die Kirche mit anderen Augen. Wir sehen sie als Schatztruhe, nicht nur als Rumpelkammer oder gar als Schuttabladeplatz.
Lieber Herr Ehrle, lieber Herr Fuchs! Sie haben einen Schatz gefunden. Sonst wären Sie heute nicht hier. Seit Jahren waren Sie auf Schatzsuche. Ihre Wege und Methoden waren recht unterschiedlich. Herrn Ehrle führte ein längerer Weg bis nach Lantershofen in die Eifel; Herr Fuchs hat schneller seinen Schatz gefunden, wenngleich seine Familie im Hotelmetier zuhause ist, was ihn auch mit Regionen außerhalb Schwabens in Berührung brachte. Heute sind Sie beide gemeinsam da und sprechen Ihr Adsum: Hier bin ich. Ich bin bereit. Christus, Ihr Schatz, ist in Ihren Herzen aufgestrahlt. Zusammen mit den Ausbildern am Priesterseminar und an der Universität, mit Ihren geistlichen Begleitern sowie mit Ihren Freunden und Angehörigen sind Sie zur Erkenntnis gelangt: Jesus Christus ist der Schatz meines Lebens. Die Leitung des Seminars - Regens, Subregens, Spiritual und Assistent - freut sich mit Ihnen. Ich selbst nehme Ihre Bereitschaftserklärung mit Freude an! Gern weihe ich Sie heute zu Diakonen.
Bei allem Licht, das über diesem Tag liegt, bei aller Freude, die uns heute erfüllt, dürfen wir uns keinen Sand in die Augen streuen. Wir sollten ehrlich bleiben. So haben wir vorher zwar gehört: „Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.“ Doch gleichzeitig dürfen wir nicht überhören, was folgt: „Diesen Schatz der Erkenntnis des göttlichen Glanzes tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen.“ Spüren Sie die Spannung, die darin liegt? Hören Sie das Knistern in dieser Aussage? Da ist auf der einen Seite „der göttliche Glanz des Schatzes“ und auf der anderen Seite geht es um das brüchige, zerbrechliche Gefäß. Wie geht das zusammen? Wie kann man es zusammenbringen und vor allem zusammenhalten? Paulus macht sich selbst und uns nichts vor. Der Völkerapostel spricht aus Erfahrung. Er erzählt, wie es ihm selbst ergangen ist als zerbrechliches Gefäß, das den Schatz der Gotteserkenntnis bergen und weitertragen soll.
„Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben.“ Der Raum wird immer enger. Es ist wie beim Kesseltreiben: Anfechtungen von innen, kritische Anfragen von außen. Nicht nur Paulus weiß ein Lied davon zu singen. Anforderungen von oben, Erwartungen von unten, Druck von rechts, Druck von links. Hin- und hergerissen von den Wogen und Wellen der Diskussionen, die das Schiff der Kirche in Turbulenzen bringen. Das kann Einem Angst und Bange machen.
„Wir wissen weder ein noch aus.“ Wie soll es weitergehen mit der Kirche? In einer solchen Einrichtung willst Du Dich engagieren? Für eine solche Organisation willst Du wirklich ein Leben lang arbeiten? Wie wird es in den Gemeinden weitergehen? Werden die Priester noch mehr gedehnt und gestreckt? Wo sind Perspektiven für die Zukunft? Wer betätigt sich als Spurenleger? Wir soll es weitergehen in unserem Land, in unserem Bistum?
„Wir werden gehetzt“, getrieben von einem Termin zum anderen, von Sitzung zu Sitzung, von einer Videokonferenz zur nächsten. Pausenlos sind wir unterwegs mit hängender Zunge, um andere zu bremsen und zur Besinnung zu bringen. Unser Begleiter ist nicht mehr der Rosenkranz, sondern das Smartphone.
„Wir werden niedergestreckt“ durch die Unbarmherzigkeit derer, die uns auspressen, aber auch durch eigene Überforderung. Burnout kennen wir auch. Wie viele sind damit beschäftigt, die Kirche als Sakrament und das damit verbundene Weiheamt anzuzählen und grundsätzlich in Frage zu stellen?
Fragen über Fragen. Soll ich das alles verschweigen, weil heute Diakonenweihe ist? Ich meine: nein. Dennoch will ich weder Suppenspucker noch Spielverderber sein. Aber das ist die Realität. In dieser Wirklichkeit der Kirche spende ich heute Herrn Ehrle und Herrn Fuchs die Diakonenweihe – mit der Perspektive, dass die beiden im nächsten Jahr zu Priestern geweiht werden. Machen wir uns nichts vor! Schon im Brief, den Paulus an die Korinther schrieb, ist zu lesen: Wir sind zerbrechliche Gefäße, brüchig, manche auch schon gebrochen.
Es gibt auch Brüche in den Biographien geistlicher Menschen. Weder Diakone noch Priester noch Bischöfe noch Ordensleute – keiner ist davor gefeit, dass etwas im Leben bricht, dass manches Luftschloss zerbricht. Das ist die Wahrheit über uns selbst, die Wahrheit über die Kirche. Genau dieser Erfahrung sind wir ausgesetzt – mehr denn je. Gewohnte kirchliche Strukturen werden brüchig, Traditionen gehen zu Bruch, Ideale zerbrechen. Brüche tun weh, das wissen wir auch aus der Orthopädie. Nicht zuletzt die Skandale, die einschneidender sind als Tragödien einzelner Menschen, konfrontieren uns mit Scherbenhäufen menschlicher Existenzen. Manchen beschleicht sogar die Frage: Geht am Ende gar noch das Ganze, die katholische Kirche, zu Bruch?
Der heutige Tag weckt Fragen. Wie reagieren wir in dieser kritischen Situation? Sind wir vornehmlich damit beschäftigt, Schuldige zu suchen und Sündenböcke zu jagen? Oder stimmen wir ein in die allgemeine Verdrossenheit, die miese Atmosphäre, die sich nicht nur in der Kirche breitmacht, sondern auch in der Gesellschaft? Hat uns die Pandemie noch mehr nach unten gezogen?
Zugegeben: Ich habe kein Patentrezept. Aber ich halte mich an Paulus, der in seinem Brief an die Korinther geschrieben hat: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum. Wir wissen weder ein noch aus und verzweifeln dennoch nicht. Wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen. Wir werden niedergestreckt und werden doch nicht vernichtet.“
Viermal steht es da: „und doch nicht“. Fast trotzig klingt diese Formulierung. Was will sie uns sagen? Soll das nur heißen: „Es ist alles gar nicht so schlimm. Kopf hoch, alter Freund, wir schaffen das. Es wird schon wieder. Gott wird uns schon vor dem Schlimmsten bewahren.“
Liebe angehende Diakone, gibt’s da vielleicht eine fromme Hintertür - einen Gang, auf dem wir uns absetzen könnten aus dem Staub der Welt in ein gemütliches Separee der Seligen? Heute, an Ihrem Weihetag, muss ich Sie enttäuschen: Es gibt weder eine Hintertür noch ein Separee. Der Schlüssel, der uns dieses paulinische „und doch nicht“ aufmacht, ist der Schatz. Dieser Schatz hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus. Sein Tod und seine Auferstehung war für Paulus mehr als eine Glaubensformel. Dieses Bekenntnis ist ihm förmlich unter die Haut gegangen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Sein Leben ist davon gezeichnet: „Immer tragen wir das Todesleiden an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.“
Das hat nichts mit Leidverliebtheit zu tun – ebenso wenig mit Leidverdrängung, vielmehr mit Ehrlichkeit. Als Ihr Bischof schenke ich Ihnen reinen Wein ein. Im Klartext: Die Nachfolge Jesu garantiert uns kein schmerzfreies Leben. Wer Jesu Spuren nachgeht, muss wissen, dass er keine Garantie auf einen gemütlichen Spaziergang hat, sondern ihm auch ein beschwerlicher Kreuzweg blühen kann. Es gibt, wenn wir Paulus ernst nehmen, keine Erneuerung der Kirche, kein Heil für die Welt ohne Kreuz. Und wohlgemerkt: Golgota ist nicht Oberammergau!
Liebe Weihekandidaten, Ihnen beiden – uns allen – wird in der gegenwärtigen Situation der Kirche einiges zugemutet. Aber uns wird noch mehr zugetraut. Manches Vertraute wird zerbrechen. Tabus müssen gebrochen werden. Die Kirche durchlebt eine historische Krise. Das ist auch eine Chance. Sie kann unseren Glauben, unser Gottvertrauen, vertiefen. Womöglich entdecken wir, dass wir unseren Schatz nicht einmauern und nicht ängstlich sichern sollten. Wir bleiben, was wir sind – auch mit der Weihe: Wir sind und bleiben zerbrechliche Gefäße, selbst die Kirche als Ganze. Wir sind weder Schatzmeister noch Schatzkanzler, selbst wenn die Finanzen auch bei uns eine wichtige Rolle spielen; wir tragen den Schatz des göttlichen Glanzes in zerbrechlichen Gefäßen. Warum? „Damit das Übermaß der Kraft von Gott kommt und nicht von uns.“
Lieber Herr Ehrle und lieber Herr Fuchs, wir können also nichts Besseres tun, als den Schatz zum Strahlen zu bringen – durch uns. Übrigens bin ich auch als Bischof ganz bei Ihnen nach meinem Wahlspruch: VOX VERBI – VAS GRATIAE. Als Stimme des Wortes will ich Schale der Gnade sein. Und wenn einmal etwas zerbrechen sollte, dann sammeln wir die Scherben auf und halten wir sie Jesus Christus hin. Seiner Barmherzigkeit dürfen wir trauen. Er möge die Scherben zusammenfügen zu einem neuen Ganzen, zur Schale der Gnade. Amen.