Maria Steinbach: Das Kreuz mit Jesus, Maria und Johannes
Liebe Salvatorianerpatres! Liebe Pilgerinnen und Pilger, liebe Schwestern und Brüder! Vor genau 300 Jahren begann hier eine Erfolgsgeschichte: die Wallfahrt nach Maria Steinbach. 1723 schenkte der Prämonstratenser-Abt Hermann Vogler aus dem Reichsstift Rot an der Rot den Steinbachern ein Kreuzpartikel aus dem Heiligen Land.
Mit der Präsentation dieser kostbaren Reliquie in der Pfarrkirche zum hl. Ulrich beim Kreuzamt, wie dies bis heute jeden Freitag geschieht, setzte der Zustrom von Gläubigen aus der nahen und weiteren Umgebung ein. Mit der Zeit rückte zunehmend Maria in den Fokus der Verehrung, so dass Mitte Mai 1734 Steinbach zum Marienwallfahrtsort erhoben wurde. Soweit der Bericht aus den Chroniken.
Damals wie heute kamen die Leute, um ihre Anliegen und Nöte hierher zu tragen. Davon erzählen die Votivtafeln. Gerade am Anfang der Wallfahrt zeigen sie das Kreuzreliquiar als Gnadenbild und bezeugen viele Gebetserhörungen. Reliquien sind jedoch keine „magischen Objekte“, keine „Wunderautomaten Gottes“. Es geht nicht um „Hokuspokus“ oder gar Aberglaube, sondern um eine Möglichkeit, Gott zu begegnen und sein Wirken in der Welt deutlich zu machen.
Wegen der Vielzahl der Pilger war der Kirchenraum bald zu klein; ein Neubau wurde in Angriff genommen, der 1755 geweiht wurde. Mit der Fertigstellung der jetzigen prächtigen Wallfahrtskirche im Rokokostil fand auch das Kruzifix seinen endgültigen Platz. Ursprünglich befand es sich in einer Feldkapelle an der Straße nach Legau. So thront das Kreuz nun mitten im Kirchenraum: zu Recht, wie ich finde, dass eine Kirche, die dem Patronat der Schmerzhaften Muttergottes und des hl. Ulrich geweiht ist, dominiert wird vom Kreuz.
Wer dieses wunderbare Gotteshaus betritt, wird leicht abgelenkt von der Schar an Engeln und Putten, von der Vielzahl an figurenreichen Fresken und Bildern. Farbenprächtig erzählen sie das Leben Jesu und Mariens und veranschaulichen heilsgeschichtliche Szenen diverser Mirakelberichte. Doch früher oder später werden die Augen des Betrachters nach vorne gelenkt - zum Kreuz. Dort bleibt der Blick haften. Wir sind mit dem Gekreuzigten konfrontiert. Fragen wir uns: Welchen Stellenwert hat das Kreuz eigentlich in unserem Leben?
Im Alltag begegnet uns das Kreuz als Symbol auf vielerlei Weise: In unseren Kirchen und Kapellen, in vielen Wohnungen und Häusern hat es einen festen Platz. Ebenso finden wir es als Weg- oder Feldkreuz, teils (noch) in öffentlichen Gebäuden. Viele tragen ein Kreuz als Anhänger um den Hals, nicht selten auch als Tattoo. Wenn wir ein Kreuz sehen, gehen wir dann achtlos daran vorbei oder berührt es uns innerlich? Was bedeutet uns die Geste des Kreuzzeichens? Damit beginnen wir unsere Gottesdienste und beim Verlassen des Hauses ist es für viele eine gute Gewohnheit geblieben. Immer wieder sehen wir Sportler, die sich vor dem Wettkampf bekreuzigen. Sinkt das Bekreuzigen etwa zu einer gedankenlosen, letztlich gar hohlen Geste ab?
Es gibt viele Redensarten, wo das Kreuz vorkommt. Sie halten die schmerzvolle Seite des Kreuzes wach, oft aber werden sie einfach so dahingesagt: Wenn sich Menschen zerstreiten, geraten sie sprichwörtlich „übers Kreuz“. Wer „kreuz und quer“ geht, der irrt ohne Ziel umher. Pläne werden „durchkreuzt“ und diejenigen, die „aufs Kreuz gelegt“ werden, sehen sich hinterlistig getäuscht. Ist uns die Bedeutung des Kreuzes noch bewusst? Ist es für uns eine Leerstelle, ein Vakuum oder bedeutet es eine Lehrstelle, ein Lehrstück für unser Leben?
Zurzeit Jesu galt die Kreuzigung als schändlichste und grausamste Art der Hinrichtung. Nur Schwerstverbrecher wie Mörder und Sklaven wurden mit dem Tod am Kreuz bestraft. Der Todeskampf zog sich über Stunden hin, qualvoll starben die Gepeinigten durch Ersticken. So verstehen wir, dass die Christen lange Zeit die Darstellung des Kreuzes und erst recht des Gekreuzigten scheuten. Was für eine Diskrepanz zwischen unserem Alltagsverständnis vom Kreuz und dem, was dieses Zeichen eigentlich ist! Brutales Hinrichtungsgerät anstatt harmlos schönes Schmuckstück, Schandpranger statt Heilszeichen.
Das Kreuz ist also weit mehr als bloßes Accessoire, mehr als Dekoration wie die Stuckmuscheln und Akanthusblätter in diesem spätbarocken Kirchenraum. Das Kreuz hat nichts Verspieltes. Das Kreuz zeigt Gott seine Passion für uns Menschen. Wie sich in diesem lichtdurchfluteten Kirchenraum alles auf das Kreuz hin konzentriert, so ist das Kreuz auch Mitte unseres Glaubens. Das Christentum ist keine „Wohlfühlreligion“. Am Kreuz führt kein Weg vorbei. Nur über das Kreuz geht es ins Himmelreich. Das Kreuz ist „Deutungskategorie“, Lebensform für mich als Christ, das mir hilft, die Welt um mich herum zu betrachten: Das vielfach durch Kriege verursachte Leid, der allzu frühe Verlust eines lieben Menschen durch Krankheit oder einen plötzlichen Unfalltod, das Ertragen großer Einsamkeit, der Leistungsdruck in Schule und Berufsalltag…
Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde, hat sich hineinbegeben in Leid und Tod. Er wählte den Kreuzweg, um uns Menschen einen neuen Weg zu ihm zu weisen: PER CRUCEM AD LUCEM! Durch das Kreuz zum Licht! Der Leidensweg seines Sohnes ist Gottes Liebesweg zu uns. Daran können wir ablesen: Gott bewahrt uns nicht vor dem Kreuz, aber er hilft, es zu tragen. Er macht damit deutlich: Ich bin mit euch in eurer Not, ich will der Anker eurer Hoffnung sein.
Das Kreuz will sagen: Ich, Gott, bin da. Ich bin da in allen euren schmerzlichen Fragen, bei dem, was euch ans Kreuz bringt. Vertraut euch mir an! Glaube heißt vertrauen auf den, der uns am und durch sein Kreuz erlöst hat. So ist das Kreuz das „Pluszeichen“ christlichen Lebens! Richten wir den Blick auf das Kreuz und bedenken wir, was die hl. Sr. Teresia Benedicta vom Kreuz, Edith Stein (1891–1942), aufgetragen hat: „Gut ist es, den Gekreuzigten im Bild zu verehren und Bilder zu verfertigen, die zu seiner Verehrung anspornen. Aber besser als Bilder aus Holz oder Stein sind lebendige Bilder, Seelen nach dem Bilde Christi zu formen.“ (Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, 1987, S. 71)
Das Bildprogramm dieser Wallfahrtskirche ist bis ins letzte Detail durchdacht. So ist auch die Aufstellung der beiden Figuren der Schmerzhaften Muttergottes rechts vom „altehrwürdigen Crucifix“ sowie des Apostels und Evangelisten Johannes auf der anderen Seite sicher kein Zufall. Ursprünglich stammen sie aus der Abtei Rot an der Rot; die Marienfigur entwickelte sich schließlich zum Mittelpunkt der Steinbacher Wallfahrt. Die Komposition der Figuren ist Katechese. Die Szene des heutigen Evangeliums wird plastisch.
In den wichtigen Momenten im Leben Jesu ist Maria dabei: Am Anfang seines Wirkens auf der Hochzeit in Kana und dann wieder bei seinem Sterben. Gemeinsam mit anderen Frauen ist sie als Mutter da und begleitet ihren Sohn auf seinem Leidensweg. Die meisten seiner Freunde haben sich aus dem Staub gemacht – einzig der Apostel Johannes steht neben Maria unter dem Kreuz. An die beiden richtet Jesus seine letzten Worte: „Frau, siehe, dein Sohn! Siehe, deine Mutter!“ Diese letzten Worte sind quasi Jesu „testamentum“(Ambrosius von Mailand), am Kreuz besiegelt er seinen letzten Willen.
Mit der Figur des Johannes dürfen wir uns als Gläubige identifizieren: Seit Maria Johannes zur Mutter gegeben wurde, ist Maria auch unsere Mutter, „Mutter der Gläubigen“. Unter dem Kreuz erhält sie eine neue Aufgabe: Die Gottesmutter wird zur „Mutter der Kirche“, jener Kirche, „die auf Golgota ihren Anfang nahm und zu Pfingsten ihren Auftrag erhielt“, wie es der Benediktinerkardinal Basil Hume einmal ausgedrückt hat. Maria „litt unter deren Geburtswehen, als die Kirche aus der verwundeten Seite unseres lieben Herrn geboren wurde.“ (Basil Hume, Das Mysterium des Kreuzes, 2001, S. 52).
Genau das bildet dieser Kirchenraum in beeindruckender Weise ab. Kreuz und Kirche gehören zusammen. Wie Maria unter dem Kreuz steht, so feiert die Gemeinde, steht die ganze Kirche unter dem Kreuz. Uns wird gesagt: Wer nicht täglich sein Kreuz, d.h. die Kirche annimmt und Jesus nachträgt, der kann nicht sein Jünger sein. Eine Kirche ohne Kreuz gibt es nicht!
Die Redeweise von Maria als „Mutter der Kirche“ und weitergehend von der Kirche als „Mutter“ ist in den gesellschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit in eine Krise geraten. Die Einengung der Frau auf ihre Funktion als Hausfrau und Mutter wird mit guten Gründen abgelehnt. Mit Blick auf die innerkirchlichen Reformbestrebungen, wie sie sich gerade symptomatisch im Synodalen Weg zeigen, hat es die „Mutter Kirche“ recht schwer mit „ihren Kindern“. Dabei scheinen mir gerade in der Kirche in Deutschland manche ihrer Söhne und Töchter in einer Art „pubertierendem Dauerzustand“ zu verharren. Wie es in jeder Familie Spannungen, Streit und verschiedene Meinungen gibt, so bleiben diese innerhalb der Kirche nicht aus. Wir spüren sie zwischen Amtsträgern und Laien, zwischen Jung und Alt, zwischen denen, die auf Veränderung pochen und denen, die alles am liebsten beim Alten lassen wollen.
Auseinandersetzungen darf, ja muss es geben, selbst wenn sie wehtun, damit Kirche nicht stillsteht und ihrem Auftrag immer wieder neu gerecht wird. Sie zeigen mir vielmehr auf, dass Kirche lebt. Was aber, wenn sie zur Zerreißprobe werden? Wenn die Mitglieder der Familie sich auseinanderdividieren, einander nicht mehr mit Respekt begegnen und nicht mehr in Ehrfurcht voreinander in den „Mantel der Wahrheit“ helfen? Kritik braucht eine Begleiterin: das Fühlen mit der Kirche. Der hl. Cyprian von Karthago schreibt in den theologischen Streitigkeiten am Beginn des 3. Jahrhunderts: „Wem die Kirche nicht Mutter ist, dem kann Gott nicht Vater sein.“ (De unitate Ecclesiae, 6) Herzliche Liebe füreinander und viel Geduld miteinander sind letztlich die festen Bande, die auch in schweren Zeiten eine Gemeinschaft zusammenschweißen. Uns darin einzuüben, das ist unser „Trainingsprogramm“, das bereits der Apostel Paulus kannte: Seid eines Sinnes, „einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig, dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ (Phil 2,2-4)
Die innerkirchliche Lage wird erschwert durch den „Gegenwind“ von außen. Die Kirche ist teils scharfer und bissiger Kritik ausgesetzt. Seinen katholischen Glauben zu bekennen, ruft zunehmend Verwunderung und Ablehnung hervor. Kraft und Orientierung finden wir im Blick auf das Kreuz, in der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus, im Gebet und in der regelmäßigen Feier der Eucharistie als Gemeinschaft der Gläubigen. Daraus können wir Kraft schöpfen für unseren Auftrag, der Welt das Evangelium von der Freude am Herrn anzubieten. Nicht der Rückzug „ins Fromme“ ist das Gebot der Stunde, sondern eine liebevolle „Offensive“ unter der Führung des Heiligen Geistes: Wir haben der Welt ein Angebot zu machen! Die Frohe Botschaft, die Sinn stiftet.
Liebe Pfarrgemeinde, liebe Gäste aus nah und fern, die Verehrung des Kreuzes als Symbol der Erlösung und die Verehrung Mariens als Fürsprecherin hat hier in Maria Steinbach eine wechselvolle Geschichte; bis heute ist dieser geistliche Ort in der Region tief verwurzelt. In einem Heiligtum wie Steinbach, das in den Mirakelbüchern als „unerschöpflicher Gnadenbach“ bezeichnet wird, spürt die gläubige Pilgerin und selbst der kirchenferne Besucher Gottes liebende Nähe und Mariens bergende Fürsorge! Deshalb mein geistlicher Rat: Stellen Sie sich wie Maria und Johannes unter das Kreuz! Nehmen Sie Maß und finden Sie das Ziel Ihres Weges in der Hinwendung zu Maria, der „Mutter der Kirche“! Lassen Sie sich ansprechen und verwandeln vom Versprechen des Herrn: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18)