Jubiläum fördert eine „Re-Vocatio“: neue Berufung
Liebe Jubilare, liebe Brüder! Mit Worten des Apostels Paulus grüße ich Euch an diesem Tag, an dem wir gemeinsam unsere gemeinsame Berufung feiern: „Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde.“ (1 Kor 1,4) Schon „die Propheten haben über die Gnade geweissagt, die für Euch bestimmt ist“, erinnert Petrus in seinem Brief (1 Petr 1,10). Dieser Gnade der Berufung habt Ihr geduldig nachgespürt; während all der Jahre Eures priesterlichen Dienstes habt lhr „in der Kraft des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes das Evangelium verkündet“ (1 Petr 1,12). Ja, Jesu Frohe Botschaft habt Ihr zeugnishaft gelebt – auch wenn Ihr hin und wieder sicher an Eure Grenzen gestoßen seid. Trotzdem: Jesu Ruf „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1 Petr 1,16) hat in Euren Herzen ein Echo gefunden, das Euer Leben bis heute nachhaltig prägt und Euch geistlich voranschreiten lässt. Immer wieder habt Ihr Ortswechsel angenommen und Euch auf neue Menschen eingestellt; Ihr habt Vertrautes verlassen, aber - der Verheißung des markinischen Jesus entsprechend - in Eurem Priesterleben noch mehr dafür erhalten!
„Gott hat euch fähig gemacht, Diener des neuen Bundes zu werden, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“, formuliert Paulus (2 Kor 3,6) und erinnert damit nicht nur autobiographisch an die radikale Wende, die sich in seinem eigenen Leben vollzog. Die Wende „vom Buchstaben zum Geist“, der Jesu Wort je neu lebendig werden lässt, ist wohl auch von jedem einzelnen von uns in Jesu Nachfolge zu vollziehen: „Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus den Herrn, uns aber als seine Knechte um Jesu Christi willen.“ (2 Kor 4,5) Es ist gut, wenn wir uns das immer wieder neu bewusstmachen und voll Dankbarkeit den Weg unserer Hingabe an Christus bedenken. Denn auch wir tragen diesen Schatz in den zerbrechlichen Gefäßen unserer eigenen Unvollkommenheit, unserer nie ganz eingeholten Sehnsucht.
„Alles“ um Jesu und der Anderen willen schaffen wir nämlich nicht, auch wenn wir uns es noch so sehr vorgenommen hätten. Dafür ist der Herr aber selbst stets bereit, uns zur rechten Erkenntnis Seiner Wege zu führen. Ziehen wir dafür den hl. Bernhard von Clairvaux zu Rate. Als Meister des Geistes und der Tatkraft hat er im 11. Jahrhundert eine Reihe von Predigten verfasst. In der 18. beschäftigt er sich mit dem zweifachen Wirken des Geistes, das er mit den Worten „Ausgießung und Eingießung“ beschreibt.[1]
„Wie ausgegossenes Öl ist dein Name“, zitiert er das Hohe Lied der Liebe (1,2) und führt die innere Festigung unserer Tugenden und die äußere Ausrüstung unserer spezifischen Gaben und Charismen auf das Wirken des Heiligen Geistes zurück. Auch erinnert er, dass wir die göttlichen Tugenden für uns, die Gaben aber zum Wohl der Nächsten empfangen. So müssen wir darauf achten, erstere zur Erlangung unseres Heils zu gebrauchen, letztere aber nicht zurückzuhalten. Es ist unsere hohe Verantwortung, den anderen nichts vorzuenthalten, was uns zu ihrem Heil anvertraut ist. „Vergeude jedoch nicht, was dein ist“ - mahnt er – „und gieße nicht aus halber Fülle aus, ehe dir noch die ganze Fülle zuteilgeworden ist.“
Dann verwendet Bernhard ein frappant eindringliches Bild: „Wenn du weise bist, wirst du dich daher als Schale, nicht als Rohr erweisen. Das Rohr nimmt fast zur gleichen Zeit auf und ergießt wieder, was es aufgenommen hat; die Schale aber wartet, bis sie voll ist, und gibt so, was überfließt, ohne eigenen Verlust weiter, denn sie weiß, dass der verwünscht ist, der seinen Anteil mindert.“ Es reicht also nicht, scheinbar wissend herumzuspritzen, die anderen nur nass zu machen; es gilt zum verkostenden Trinken zu reichen! Und Bernhard folgert schon damals: Wirklich, ‚Rohre‘ haben wir heute in der Kirche in großer Zahl, aber nur sehr wenige ‚Schalen‘. Mussten wir nicht alle schon erfahren, dass manches pastorale Projekt oder meine eigene Privatidee, die ich unbedingt verfolgen wollte, keinen Bestand hatten, sondern „Rohrkrepierer“ waren? Hören wir noch einmal, was Bernhard sagt: „So groß ist die Liebe derer, durch die der himmlische Strom zu uns fließt, dass sie eher ergießen als aufnehmen wollen, dass sie bereitwilliger sind zu reden als zu hören, dass sie schnell zur Hand sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben, und danach verlangen, eine führende Stellung zu bekleiden, auch wenn sie nicht verstehen, sich selbst zu lenken.“ Das ist nicht die große Liebe zu Gott, das ist Eigenliebe, ja Selbstverliebtheit. Auch wir Geweihten sind davor nicht gefeit.
Erinnert Euch an Eure Reisen nach Rom: Denkt an die beiden großen Brunnen vor St. Peter innerhalb der Kolonnaden! Jeder von ihnen hat drei Schalen, von dem der Brunnenstrahl eine nach der anderen füllt und jede weitergibt, überfließen lässt aus der Fülle, die jede von ihnen geschenkt bekommt. Vom Brunnen, sagt Bernhard, sollen wir lernen, „nur aus dem Vollen auszugießen, und wünsche nicht, freigebiger als Gott selbst zu sein. Die Schale ahme die Quelle nach (…) und schäme sich nicht, dass sie nicht verschwenderischer als ihre Quelle ist.“
Spürt Ihr, wie viel „Entschleunigung“ es dafür braucht? Wie sehr wir uns auf das „Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her“ einlassen müssten, wie lgnatius es nennt? Corona war eine solche Zeit der Entschleunigung. Und welche Schlüsse ziehen wir daraus? Ich sehe die Gefahr, dass wir den kirchlichen Betrieb einfach wieder hochfahren wie zuvor. Ist das alles, was wir als Kirche von der Pandemie gelernt haben? Es wäre schade.
„Handle also auch du ebenso!“ mahnt der hl. Bernhard. „Werde zuerst voll, und dann magst du daran denken, aus deiner Fülle zu geben. Eine gütige und kluge Liebe pflegt zuzuströmen, nicht zu verrinnen. „Mein Sohn, ergieße dich nicht bis zur Neige“ (Spr 3,21) sagt Salomo, und der Apostel spricht: „Daher müssen wir auf das achten, was gesagt wird, damit wir uns nicht etwa bis zur Neige ergießen.“ (Hebr 2,1) Und wie gehen viele wenig smart mit ihren Smartphones um?
„Wie viel muss vorher in uns eingegossen werden, dass wir es wagen dürfen, etwas aus uns ausströmen zu lassen und aus der Fülle, nicht aus dem Mangel etwas zu schenken!“ Wie negativ sich das bei Prüfungen auswirken kann, hat wohl jeder einmal erfahren, aber auch wie erfüllend es ist, wenn es gelang, aus der Fülle weiterzugeben. Für unser geistliches Leben ist es die wesentliche Differenz: Hat es Bezug zum Leben aus dem Geist Jesu, oder entspringt es nur zeitweiligem Frömmigkeitsbedürfnis? Erst recht, wenn wir lernen, das Geheimnis gelebten Glaubens zu teilen und uns mit erfülltem Herzen einander zuwenden.
„Nicht ihr werdet dann - in den verschiedensten Lebenslagen – reden“, lässt Matthäus Jesus sagen, „sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“ Geben wir ihm also zuerst Raum und Zeit, uns zu erfüllen. „Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen“, weiß Ignatius von Loyola und führt in seinen Betrachtungen an den Weg des Einswerdens mit dem Leben Jesu, mit dem Willen des Vaters heran. Werden Sie Schale, lassen Sie sich erfüllen und geben Sie aus der Fülle weiter, mit der unser Herr Sie täglich neu beschenkt.
Sich täglich neu beschenken lassen: Das könnte ein Neustart sein nach dem Fest des Jubiläums. Vor vielen Jahren wurde Eure Berufung durch den Empfang der Priesterweihe besiegelt. Ich meine, dass vielen von uns eine zweite Berufung guttäte: eine Re-Vocatio, ein neues Aufrufen dessen, was damals geschehen ist, ein neues Sich-Ansprechen-Lassen vom Herrn. Dass die Einkehrtage aus der Re-Vocatio eine Con-Vocatio, ein Zusammenrufen im Heiligen Geist gemacht haben, darüber freue ich mich mit Euch und danke für die geistliche Zeit. Re-Vocatio führt zu einem neuen Aufbruch: Das erfordert Mut und Kühnheit. In der Kirche sind wir Meister im vorauseilenden Gehorsam und den haben wir sicher alle schon praktiziert, z.T. aus Sicherheitsgründen, z.T. aus Angst. Ich möchte sinngemäß ein Wort des St. Gallener Bischofs Ivo Führer zitieren; sein Nachfolger Markus Büchel hat es kürzlich bei der Ulrichswoche 2023 gesagt: „Genauso wenig wie ich für vorauseilenden Gehorsam bin, genauso wenig bin ich für vorauseilende Resignation.“ Erliegen wir nicht der Versuchung der vorauseilenden Resignation! Sie ist Gift für unser geistliches Leben. Sie vereitelt jeden Neuaufbruch.
Diese Betrachtung soll nicht enden, ohne dass ein Gesichtspunkt ins Licht rückt, der uns zum Wesentlichen hinführt, was am Ende wirklich zählt: Wenn wir nicht mehr viel bieten können, wenn wir auch nicht mehr viel geben müssen an unsere Mitmenschen, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, dann gilt es, uns zu konzentrieren - auf das, was wir als Priester letztlich sind: leere Schalen, die der Herr füllt mit seiner Gnade. „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“, so lesen wir im Johannes-Prolog (1,16). Der Testfall dafür ist der Tod. Im Sterben legen wir allen Plunder ab, der sich im Lauf unserer Biographie angesammelt hat, damit wir leere Schalen werden, die der Herr mit Leben füllt – mit ewigem Leben, mit „Leben in Fülle“ (Joh 10,10).
Glauben, der Resignation zum Trotz,
hoffen, den Gegebenheiten zum Trotz,
handeln, der Angst zum Trotz,
leben, den Sorgen zum Trotz.
Trotzig treu bleiben: jetzt erst recht! Berufung leben.
Es gibt zwei Versuchungen, gegen die wir gerade in der katholischen Kirche ankämpfen sollten: den vorauseilenden Gehorsam und die vorauseilende Resignation. Beide verbindet, dass das kritische Denken und die realistische Sicht ausgeschaltet werden, ohne vorher mit Ruhe reflektiert zu haben. Ohne Zweifel gibt es Entwicklungen, die uns nachdenklich stimmen müssen: Skandale, Unglaubwürdigkeit, die krampfhafte Bewahrung einer kirchlichen Fassade, die meint, den Blick hinter die Kulissen der Kirche verhindern zu können.
Doch wir sollten uns nicht auf Statistiken und nackte Zahlen fixieren. Es gibt auch Hoffnungszeichen: Da kehrt jemand wieder in die Kirche zurück, und ich durfte als Seelsorger diesen Rückweg begleiten. Da meldet sich ein junger Mensch im Priesterseminar oder in einem Kloster an, und ich darf teilhaben an seiner Freude und seinem Elan. Da geizt jemand nicht mit Lob über die Dienste, die wir als Kirche leisten für Einzelne und die ganze Gesellschaft. Ich denke an Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen. Machen wir diese Zeichen der Hoffnung groß und lassen wir uns nicht bannen von den Signalen, die negative Spuren legen.
Ich danke Euch, liebe Brüder, dass Ihr selbst für mich solche Zeichen des Heils seid: als Priester und Seelsorger, die Ihr Eure Weihe vor vielen Jahren heute versilbert und vergoldet. Es ist gut, dass es Euch gibt! Ich bin froh, in Eurer Gemeinschaft Bischof sein zu dürfen. Ich gehöre zu Euch! Lassen wir uns nicht hinunterziehen von der vorauseilenden Resignation, sondern folgen wir der vorauseilenden Hoffnung!
Beten wir nach, was uns die Töpfer von Taizé in der Töpferei ihrer Gemeinschaft vorgebetet haben:
Herr, mache mich zu einer Schale,
offen zum Nehmen,
offen zum Geben,
offen zum Beschenkt werden,
offen zum Bestohlen werden.
Herr, mache mich zu einer Schale für Dich,
aus der Du etwas nimmst,
in die Du etwas hineinlegen kannst.
Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?
Herr, mache mich zu einer Schale
für meine Mitmenschen,
offen für die Liebe,
für das Schöne,
das sie verschenken wollen,
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstlichen Blicke,
die von mir etwas fordern.
Herr, mache mich zu einer Schale. Amen.
[1] Es handelt sich um die 18. Predigt zum Hohenlied: Sermo 18 super Cantica Canticorum, in: Gesammelte Werke lateinisch und deutsch (= SBO), Innsbruck 1994, V, 255ff. Wertvolle Anregungen empfing ich von Hildegard Brem, Sei eine Schale, kein Kanalrohr … Was Bernhard zu einer aktuellen Frage zu sagen hat, in: Cistercienser Chronik 110 (2003), 203-210.