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Predigt von Bischof Bertram zum 150. Weihetag von St. Walburga in Ried

„Gott geht die synodalen Wege mit“

13.08.2023 14:21

Lieber Herr Pfarrer Brandstetter, lieber Anton, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen Herrn, immer, wenn ich dieses Evangelium meditiere, staune ich über seine uner­schöpfliche Aktualität. Denn jedes Mal neu finde ich einen Punkt, an dem ich spüre: Ja, genau so ist es, genau das ist auch meine Erfahrung, so geht es uns heute in der Kirche!

Jesu Jünger waren mehrheitlich Fischer. Beim Wasser waren sie in ihrem Element, mit den besonders tückischen Fallwinden auf dem See Genezareth wahrhaftig vertraut – und doch: wir Menschen brauchen festen Boden unter den Füßen, um uns sicher zu fühlen. Alles was wankt, macht uns Angst – und dazu kommt noch die Nacht: Man erkennt die eigene Hand vor Augen nicht… Wie gut können wir es den Jüngern nachfühlen, dass sie von der Angst buchstäblich verschlungen werden und dann auch Jesus, ihren vertrauten Herrn, für ein Gespenst halten!

Mich erinnert dies an die Verunsicherung so vieler Menschen in der Kirche, die in den Beratungen und Beschlüssen des Synodalen Weges schon die Abkehr vom Glauben erkennen wollen, die Meinungsverschiedenheiten nicht aushalten und von Spaltung sprechen, ohne sich um einen Konsens oder auch einen tragfähigen Kompromiss zu bemühen. Wenn ich aber schon gleich aufgebe, wenn ich das Gespräch für unnütz und sinnlos erkläre, kann ich mich da guten Gewissens auf das Evangelium berufen?

Ich habe da meine Zweifel, denn ich erkenne in solchen, meist apodiktisch und wenig respektvoll geäußerten Reaktionen eine Fluchtbewegung: die Flucht vor der Realität in eine Wagenburgmentalität, die mit geschlossenen Toren, mit verbaler und medialer Bewaffnung nichts Einladendes mehr ausstrahlt, sondern einen Gegensatz zwischen Christen und Christen, zwischen Katholiken und Katholiken festschreiben will. Ein solcher Gegensatz hat mit dem Evangelium nichts mehr zu tun. Hier ist die Grenze zur Ideologie, zu erstarrten, leblos gewordenen Lehrsätzen schon überschritten.

Was aber sagt uns das Evangelium von der „Offenbarung des Gottessohnes auf dem Wasser“, wie die neue Einheitsübersetzung diese Perikope überschreibt? Zuallererst dies: Gott ist Herr der Elemente. Dass sich Jesus auf dem Wasser wie auf festem Boden bewegen kann, ist ein Zeichen seiner Schöpfermacht und vollkommenen Souveränität. Er hat die Situation völlig unter Kontrolle; und er weiß um unsere Begrenztheit. So ermutigt er den Petrus, der öfter vollmundig seinen Glauben beteuert und dann doch kläglich hinter seinem Anspruch versagt, es auch auf dem Wasser zu probieren, obwohl er ahnt, dass es nicht lange dauert, bis der Fels Genannte, um Hilfe ruft. Jesus kennt uns mit unseren Schwächen, doch er liebt uns trotzdem. Dies dankbar annehmen und dennoch immer wieder Mut und Courage zeigen: Das ist es, was er von uns erhofft, ja erwarten darf.

„Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet Euch nicht!“, diese Worte unseres auferstandenen Herrn Jesus Christus möchte ich am heutigen Sonntag, an dem wir auf über 150 Jahre St. Walburga in Ried zurückschauen, auch Ihnen ins Herz rufen. Im Osterpfarrbrief konnten Sie im Bericht von Frau Barbara Bode, der ich dafür herzlich danke, mit vielen Beispielen nachlesen, wie schwierig es für Ihre Vorfahren war, Bischof und Ordinariat von der tatkräftigen Mithilfe beim baufällig gewordenen Friedhofskirchlein und später beim Neubau an diesem Ort hier zu überzeugen. Erst sieben Jahre nach der Übertragung des Allerheiligsten und der Nutzung der Kirche durch die erste hl. Messe fand durch Bischof Pankratius von Dinkel im August 1873 die „offizielle“, feierliche Einweihung statt.

Die Chronik nennt keinen Grund für solche Unregelmäßigkeiten. Doch wenn wir uns das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts näher anschauen, dann stellen wir fest: Da war einiges an kirchenpolitischem Zündstoff geboten. Der Deutsch-deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich, das von Bayern unterstützt wurde, von Juni bis August 1866 und der hohe Wellengang, den das 1. Vatikanische Konzil (1870/71) mit dem Unfehlbarkeitsdogma ausgelöst hatte, waren auch hier, im beschaulichen Umland von Augsburg, zu spüren. Mancher Pfarrer, wie Josef Renftle von Mering, machte die kirchliche Entwicklung nicht mit, er wurde altkatholisch und, wie das Kirchenbuch vermerkt, 1878 abgezogen. Sicher nahm er - gedanklich - auch den einen oder anderen Gläubigen mit…

Dass wir also heute feiern können, verdanken wir auch jenen Geistlichen und Laien, die damals „im Boot“ der Kirche geblieben sind, in der Hoffnung, dass der Herr selbst, zusammen mit Petrus wieder ins Boot einsteigt. –

Haben wir heute nicht eine vergleichbare Situation? Papst Franziskus erinnert die Weltkirche an die Zeit der Kirchenväter, als die Strukturen noch flexibel genug waren, um Hierarchie und Synodalität miteinander zu verbinden. Er hat diesen Prozess des gemeinsamen Weges ganz bewusst angestoßen, weil er erkannte, dass in manchen Teilen der Welt die Strukturen angefangen hatten, ein Eigenleben zu führen und die Verantwortlichen mit vielen Gläubigen nicht mehr hellhörig genug waren, um den Ruf der Bedürftigen, den „Schrei der Armen und der Erde“ (vgl. Enzyklika Laudato Sì) wahrzunehmen.

Zurück zu den Quellen – ad fontes – das ist immer wieder notwendig, erst recht in einer so lauten und vielstimmigen, einer so schnelllebigen Zeit wie der unsrigen. Wer da am Ufer kleben bleibt, sich nicht von der Stelle bewegt und trotz des „Drängens“ des Herrn nicht hinaus auf den See fahren will (Mt 14,22), der hat nicht verstanden, dass Christsein aufbrechen heißt und Kirche die „Gemeinschaft der Herausgerufenen“ ist – wie man das griechisch-lateinische Wort ecclesía wörtlich übersetzt.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, mehr noch: Angst ist ein Zeichen von mangelndem Gottvertrauen, von Kleinglauben, wie Jesus dem untergehenden Petrus traurig und deutlich zugleich bewusstmacht (Mt 14,31). Vertrauen wir auch heute inmitten von Kontroversen und Ungeduld, von Beharrenwollen und Aufbruchsstimmung, dass Gott alle Wege mitgeht (A. Delp) - auch die synodalen! - und dass seiner Hand nichts entgleitet. ER ist der gute Hirte, er ist der Herr der Geschichte wie des Lebens von einem jeden von uns.

An uns aber liegt es, hellhörig und hellsichtig zu werden, uns der Pädagogik des Schöpfers anzuvertrauen, der - wie dem Propheten Elija in der Lesung aus dem Buch der Könige (1 Kön 19,9ff.), die wir vorhin hörten - auch uns immer wieder an biografischen Weggabelungen die Frage stellt: „Was willst Du hier?“

Weiß ich, was ich will und warum ich hier bin? - Ich wünsche es mir und Ihnen: Beten wir um diese innere Gewissheit. Amen.