Musik: „Eine Sprache jenseits der Sprache“
Nach Neuburg zu kommen, ist immer etwas Besonderes. Nie werde ich vergessen, wie ich hier vor über dreißig Jahren, genau genommen am 10. März 1991, als Kaplan in St. Peter meinen Dienst begann. Und wenn ich heute in das Kirchenschiff der wunderbaren Hofkirche schaue, kann ich einige Personen entdecken, mit denen ich schon damals den Glauben teilen durfte.
Schöne Erinnerungen steigen in mir auf an festliche Gottesdienste und tiefsinnige Gespräche, nicht zu vergessen die Begegnungen mit Jugendlichen und dem bis heute bestehenden MAK (Mitarbeiterkreis). Darum freue ich mich, mit Ihnen das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel zu feiern und dabei die Orgel zu weihen, die nach vielen Jahren des Wartens, in denen andere Dinge Vorrang hatten, nach einer Generalsanierung nun in neuem Glanz strahlt und klingt. Aus diesem Anlass möchte ich heute die Bedeutung der Kirchenmusik für unseren christlichen Glauben herausstellen und dabei mit Bezug zur jesuitischen Prägung dieser Kirche und zu den Tageslesungen auf Maria verweisen, deren biblisches „Magnificat“ uns alle einlädt, einzustimmen in das große Lob des Schöpfers.
1. Organum semper reformandum
Schauen wir zunächst ein wenig zurück: Ohne Übertreibung kann man angesichts der vielen Mängel, welche die Orgel der Hofkirche in den letzten Jahren auszeichneten, wohl von einer „Restauration der Superlative“ sprechen. Meines Wissens wurden allein 2500 Pfeifen, von denen etliche verkrümmt waren und teilweise sogar drohten aus dem Gehäuse zu fallen, entnommen, repariert und gereinigt. Dazu kamen ein Motor, der nicht mehr genügend Wind lieferte, eine nicht mehr zeitgemäße Spielmechanik, Schimmelbefall und viele weitere Probleme. Spätestens ein Schmorbrand am Spieltisch im Jahre 2014 machte für jeden klar, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht. Erfreulicherweise haben wir mit Pater Stefan Kling, dem Leiter des Amtes für Kirchenmusik, einen erfahrenen Fachmann von Seiten der Diözese, der die Verantwortlichen vor Ort mit seiner langjährigen Kompetenz beraten konnte, um ein Konzept zur Sanierung zu erstellen. Ihm, der uns die Orgel später auch noch klanglich vorstellen wird, möchte ich am heutige Tag ebenso danken wie den Haupt- und Ehrenamtlichen der Pfarreiengemeinschaft Neuburg sowie den „Freunden der Hofkirche“, die sich seit vielen Jahren um die Bewahrung der kunsthistorischen Schätze dieses beeindruckenden Gotteshauses verdient gemacht haben. Vergessen wir auch nicht die vielen Spenderinnen und Spender, die in den vergangenen Monaten „Patenschaften für Orgelpfeifen“ übernommen und somit wesentlich zur Erneuerung des Instruments beigetragen haben – ein herzliches Vergelt’s Gott dafür. Sie alle haben auf unterschiedliche Weise den Auftrag erfüllt, den uns das II. Vatikanische Konzil vor exakt sechzig Jahren gab. Da heißt es in der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“: „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“ (SC 120)
Klang - das ist das Stichwort, denn sicherlich fragt sich der ein oder andere, welche hörbaren Neuerungen es neben den rein mechanischen bzw. elektronischen Überarbeitungen nun gibt. Auch hier greife ich auf die Sanierungsberichte zurück. Dort ist von einem neuen Klangkonzept die Rede. So dürfen wir uns schon jetzt in der hl. Messe und später beim 30 Minuten-Konzert auf das Ertönen neuer Register (u.a. Cornett, Trompete…) freuen, die den bislang eher schwachen Raumklang deutlich steigern. Lob gebührt der Orgelbauwerkstätte Siegfried Schmid aus Immenstadt im Allgäu und dem Intonateur Martin Geßner, die großartige Arbeit geleistet haben. Mit all diesen Verbesserungen ist es gelungen, den heutigen liturgischen und konzertanten Ansprüchen dieser historisch bedeutsamen Kirche gerecht zu werden.
2. Mit Maria Gott loben
Orgelmusik bzw. Kirchenmusik im Allgemeinen sind wichtige Formen der Verkündigung. Wer in einem Kirchenchor singt, hat es vermutlich schon erlebt, welche Freude es bereiten kann, wenn Frauen und Männer miteinander die Stimmen zur Ehre Gottes erheben. „Magnificat anima mea – meine Seele preist die Größe des Herrn“ (Lk 1,46) können wir dann mit Maria singen, die Gott für dessen Handeln an ihr und am ganzen Menschengeschlecht lobt. Nebenbei, haben Sie schon einmal bewusst wahrgenommen, welche drei Buchstaben direkt über der Orgel golden an der Decke schimmern? MRA – eine Kurzform von Maria. Bereits in der alten Kirche gab es Vertonungen jenes Lobgesang Mariens (Magnificat) für Orgel und Chor, stellt das Gebet der Gottesmutter doch eine Art Kompendium christlichen Glaubens dar. Gott wird als „mächtig“ und „heilig“ (Lk 1,49) erkannt, zugleich aber als „Retter“ (Lk 1,47), dessen Wesen Barmherzigkeit (vgl. Lk 1,50) ist. Die Rettung, das haben wir vorhin in der Offenbarung des Johannes gehört, besteht dabei im Sieg Gottes und seines Sohnes über die Mächte des Bösen (vgl. Offb 12,10). Paulus spricht in seinem Korintherbrief davon, dass Jesus jede „Gewalt und Kraft entmachtet“ und die „Herrschaft Gott, seinem Vater“ (1 Kor 15,24) übergibt. Es ist eine endzeitliche Vision, die in einem Weltengericht endet, zur Zeit der Gegenreformation ein beliebtes Bildmotiv. Als Neuburgerinnen und Neuburger ist Ihnen ja sicher bekannt, dass hier in der Hofkirche, im Aufgang zur Orgelempore (!), eine Replik des ehemaligen Altarbildes von Peter Paul Rubens hängt. Die entscheidende Botschaft an uns Menschen ist: Keine Macht der Welt kann „uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,39). Erfüllt vom heiligen Geist war es der jungen Frau Maria gegeben, dies zu erkennen. Darum preist sie Gott, der „auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut“ (Lk 1,48) und sie auserwählt hat, Mutter des Höchsten zu sein. Unzählige Komponisten haben diesen besonderen Moment der Weltgeschichte, von dem wir im Lukasevangelium lesen, musikalisch verarbeitet. Sehr bekannt ist beispielsweise die Marienvesper von Claudio Monteverdi (1567–1643), die genau in der Zeit entstand, als die Hofkirche von Fürst Wolfgang Wilhelm wieder in eine katholische Jesuitenkirche umgewandelt wurde. Lassen Sie mich an der Stelle sagen, dass ich mich - vor dem Hintergrund der wechselhaften Stadtgeschichte mit Reformation und Gegenreformation - außerordentlich über das gute ökumenische Miteinander freue, das hier in Neuburg von katholischer und protestantischer Seite gepflegt wird, danke dafür – ganz besonders den Pfarrern Kohler und Schiller mit ihren ökumenischen Mitstreitern. Damit komme ich zu meinem letzten Gedanken bzw. einem Wunsch, den ich als Bischof von Augsburg an Sie habe.
3. Musik als Sprache jenseits der Sprache
Wir erleben gerade eine schwierige Zeit, die von Unsicherheit und Ängsten geprägt ist. Die vielen Konflikte in der Welt, wie der schreckliche Krieg in der Ukraine, lassen uns fragen, was unserem Leben Halt gibt. Die Kirchen als geistige Heimat können diese Lücke bei vielen Menschen nicht mehr füllen, auch weil sie durch das gravierende Fehlverhalten einzelner Mitglieder in der Vergangenheit viel an Vertrauen verloren haben. Aus diesem Grund wird innerkirchlich momentan viel geredet und diskutiert, über notwendige Reformen und die Suche nach dem richtigen Weg. In dieser angespannten, aber auch spannenden Situation, meine ich, kann die Musik etwas ganz Wertvolles sein. Sie ist eine Sprache jenseits der Sprache, die uns innerlich berühren und Kraft schenken kann. Das konnten wir besonders während der Pandemie erfahren. Da Gesang oft nur noch eingeschränkt möglich war, wurde vielerorts die Instrumentalmusik und hier besonders die Orgel neu entdeckt. Zu Recht würdigte der verstorbene Papst Benedikt XVI. dieses majestätische Instrument schon vor vielen Jahren bei einer Orgelweihe in Regensburg (2006) für seine Vielfalt an Klangfarben und Variationsmöglichkeiten. Wörtlich sagte er: „Die Orgel wird seit alters und zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnimmt und die Fülle des menschlichen Empfindens von der Freude bis zur Traurigkeit, vom Lob bis zur Klage zum Schwingen bringt. Darüber hinaus weist sie, wie alle gute Musik, über das Menschliche hinaus auf das Göttliche hin.“[1] Tun wir unserer Seele darum etwas Gutes und gönnen uns Zeiten der Muße, in der die Musik uns daran erinnert, dass wir inmitten aller Sorgen dieser Welt umgeben sind vom Heiligen Geist eines liebenden Gottes, der uns immer nahe sein will. Als fürsorgliche Begleiterin hat er uns Maria, die Mutter Jesu erwählt, deren glorreiche Himmelfahrt wir heute feiern. Sie lehrt uns, auch in den dunkelsten Stunden auf Gott zu vertrauen. Zu ihr dürfen wir alle Tage rufen und um ihre Fürsprache bitten, wie es vor 400 Jahren schon der heilige Ignatius von Loyola getan hat. „Es möge unserer Herrin gefallen, zwischen uns Sündern und ihrem Sohn und Herrn für uns einzutreten und uns Gnade bei unserer Arbeit und Mühsal zu erlangen; sie möge unsere schwachen und traurigen Geister in starke und freudige zu seinem Lob verwandeln.“[2]
Das ist mein Wunsch für uns alle, dass wir, inspiriert von den Klängen der neu geweihten Orgel und mit Hilfe der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter Maria, im Glauben an Gottes Liebe gestärkt werden und bei allen Herausforderungen des Lebens hoffnungsvoll in die Zukunft gehen können. Magnificat! Meine Seele preist die Größe des Herrn!
[1]https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060913_alte-kapelle-regensburg.html, 20.07.2023.
[2] Ignatius von Loyola: In allen Dingen Gott suchen. Worte geistlichen Lebens, Kevelaer 2008, 43.