Ihr seid ein Brief Christi!
Mit der Auswahl dieser Stelle aus dem 2. Korintherbrief haben Sie mir eine sehr große Freude gemacht. Denn es handelt sich um meinen Primizspruch! Von klein auf bin ich ein Liebhaber handschriftlich geschriebener Briefe! Daher gefiel mir dieses plastische Bildwort des heiligen Paulus immer schon sehr gut. Wie oft habe ich mich als Theologiestudent in dieses Schriftwort vertieft und versucht, es auszuloten! Dabei ist mir eine Deutung sehr wichtig geworden, die ich mit Ihnen teilen will:
Der Apostel nennt die einen „Brief Christi“. Damit betont er die Einzigartigkeit jeder Person, die Unverwechselbarkeit jedes Lebens, unabhängig von seiner Bedeutung und Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Wir wissen ja, dass gerade die Gemeinde in Korinth sich sehr heterogen zusammensetzte. In den Augen der Menschen waren Sklaven, gescheiterte Existenzen und Randständige darunter, mit einem Wort: ganz schön viele Looser! Doch für Paulus ist das völlig irrelevant: Es kommt ihm einzig und allein darauf an, dass die neuen Christinnen und Christen in die Fußstapfen Jesu treten, sich von ihm prägen und umwandeln lassen.
Ich frage mich: Glaube ich wirklich, dass ich in den Augen Gottes so viel wert bin? Betrachte ich alle Mitchristinnen und Mitchristen mit der Ehrfurcht, die eine solch unwiderrufliche Zuwendung Gottes verlangt? – Das sind Fragen, die mich schon ein ganzes Leben begleiten und ich bin dankbar, dass ich seit 38 Jahren den priesterlichen Dienst innerhalb der Kirche versehen darf, dass ich den Menschen als schon etwas vergilbter Brief Christi, aber doch hoffentlich mit unverfälschter Botschaft gegenübertreten kann, - einladend und hinweisend auf den, der mich gerufen und gesandt hat: den lebendigen und lebendig machenden Gott, der allein uns die Befähigung schenkt (vgl. 2 Kor 3,5).