Maria durch ein Dornwald ging
Die Wüste gehört zu den klassischen Orten im Advent. Das hängt zusammen mit biblischen Vorgaben; es spiegelt sich wider in vielen Krippendarstellungen. Das Lied, das uns heute durch den Gottesdienst begleitet, passt in diese adventliche Geographie. Um das Jahr 1600 ist es entstanden. Wir kennen weder den Dichter noch den Komponisten mit Namen, doch wir wissen die Region: das Eichsfeld in Thüringen.
Statt einer Wüste gibt es hier einen Dornwald. Der dornige Weg ist auch heute noch als Redewendung in unserer Sprache verankert, wenngleich er aus einer waldreicheren Zeit stammt ohne ausgebautes Straßennetz, in der dornige Wege noch zum alltäglichen Leben gehörten. Im Lied vom Dornwald singen wir nicht nur von Maria und Jesus; wir singen auch von uns: von unserem Weg durch den Dornwald einer verwundeten Welt, vom Dornwald, den wir auf unserem Lebensweg bestehen müssen.
Dass eine Schwangerschaft ein dorniger Weg sein kann, müsste jetzt eigentlich eine Frau oder ein Arzt erzählen – wenigstens was die biologischen Aspekte anbelangt. Im Fall Marias und vieler anderer Frauen kommen noch weitere Dornen dazu: Verunsicherung und Misstrauen im engsten Familienkreis, das volle Spektrum zwischen peinlichem Tratsch und gesellschaftlicher Ächtung je nach Umfeld und Situierung; mittlerweile auch bei uns wieder ins Bewusstsein gerückt: die wirtschaftlichen Sorgen und die ethische Frage, wie es denn steht, wenn ein Kind mit Behinderung das Licht der Welt erblicken soll.
So ist der Dornwald nicht nur eine passende Inkulturation der Wüste in die Waldländer Europas, auch in geistlicher Hinsicht bietet der Dornwald interessante Anknüpfungspunkte. Der Dornwald setzt sich zusammen aus vielen einzelnen Pflanzen. Bin ich eine davon? Fruchtlos, trocken und starr schon seit Jahren? Machen wir anderen und uns selbst das Leben schwer, indem wir „pieksen“, Stacheln zeigen, sobald uns jemand nahekommt, oder durch die Verbreitung einer allgemeinen Stimmung von Trostlosigkeit und Resignation? Wie wirken wir als Kirche speziell auf Kinder, Jugendliche, junge Paare, Schwangere, Alleinerziehende?
Maria durch ein Dornwald ging: Es gibt Wegstrecken, die einem Dornwald gleichen, in dem man sich verletzt und sich an den Dornen, an widrigen Lebensumständen wund reißt. Da gibt es Tränen und ungelebtes Leben: Mangel an Beziehung und Freundschaft, Mangel an Sinnerfüllung und auch Mangel an Gottvertrauen. Finden wir uns nicht auch oft wieder in diesem Bild vom Leben? Das lebendige Grün von früher ist abhanden gekommen. Die Lebenskraft ist weg. Schon seit sieben Jahren hat der Wald des Lebens kein Laub mehr getragen. Wann ist diese trockene Phase endlich vorbei? Wann wird es endlich wieder Frühling in meinem Leben?
Sieben ist ein Symbol für eine lange Zeit, d.h. für einen langen und langwierigen Prozess, der auf ein Ziel hinstrebt. Aus der bildhaften Erzählung des Alten Testamentes erfahren wir, dass Gott in sieben Tagen die Welt vollendet hat. Doch durch den Menschen wurde die Schöpfung verdorben. Adam und Eva haben das Paradies verspielt. Um die Geschichte zu drehen, braucht es einen neuen Adam und eine neue Eva. Von uns aus können wir das Blatt nicht wenden, es bleibt uns nur die Bitte: Kyrieleison, Herr erbarme dich.
Werfen wir einen Blick in die Heilige Schrift: Durch den Menschen wurde die Schöpfung verdorben, sie wird zum Ort der Dornen und Disteln. Der Garten geht verloren, die Erde ist ein Ort der „Mühsal“, sie beginnt „Dornen und Disteln“ zu tragen (Gen 2,17f.). Durch die Sünde des Menschen, der sich aufschwingen wollte zu Gott, hat die Welt ihren Charakter als Garten verloren. Stattdessen ist sie zum Dornwald verwildert. Seither können sie ungehindert wachsen: die „Dornen“ des Stolzes, der Selbstgerechtigkeit, der Eigenmächtigkeit und der Selbstverherrlichung des Menschen. Die Gefahr besteht, dass sich der Mensch immer mehr in diesen „Dornwald“ hineinverirrt und sich darin heillos verstrickt.
Aber Gott lässt den Menschen im Gestrüpp nicht allein. Den treuesten seiner Diener, Mose, ruft er heraus aus einem brennenden Dornbusch. Das heißt: Inmitten einer dornigen Welt, mitten im Gestrüpp, in das sich der Mensch verfangen kann, ist und bleibt Gott gegenwärtig. Er macht die Finsternis hell. Aus dem Dornbusch leuchtet er, aber die Dornen verbrennen nicht.
Das Bild vom Dornbusch ist eine Art Kompass für den Gang der Heilsgeschichte. Gott hat kein Gefallen an stacheligen Disteln, er liebt köstliche Trauben: „An jenem Tag gibt es einen prächtigen Weinberg. Besingt ihn in einem Lied! Ich, der Herr, bin sein Wächter, immer wieder bewässere ich ihn. Damit niemand ihm schadet, bewache ich ihn bei Tag und bei Nacht. Ich habe jetzt keinen Zorn mehr. Fände ich Dornen und Disteln daran, ich würde sie alle bekämpfen. Ich würde sie alle zusammen verbrennen, es sei denn, man sucht bei mir Schutz und schließt mit mir Frieden, ja Frieden mit mir. In künftigen Tagen schlägt Jakob wieder Wurzel, Israel blüht und gedeiht, und der Erdkreis füllt sich mit Früchten“ (Jes 27,2-6).
Von der Erfüllung dieser Verheißung singt das Adventslied. Allerdings erfüllt sich die Hoffnung anders als erwartet: nicht ein machtvoller Gott interveniert, sondern ein „zarter Zweig“, der „aus dem trockenen Baumstumpf Isais hervorsprießt“ (Jes 11,1.6f.). Der zarte Zweig, das kleine Kind, wird von einer Jungfrau ausgetragen, in der die Kirche Maria erkennt, die reine „Magd des Herrn“, die deshalb immer wieder gern als „edler Rosengarten“ und „Rose ohne Dornen“ besungen wird. Durch Maria, die Ja zu diesem Plan gesagt hat, konnte Gott sich einen Weg bahnen durch den Dornwald der Welt.
Während Maria mit dem Jesuskind den Dornwald durchquert, fängt das Gestrüpp zu blühen an: Da haben die Dornen Rosen getragen. Aus dem Dornwald wird ein Rosengarten. Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Wohlgemerkt: Es sind die Dornen selbst, die Rosen tragen. Das heißt: Wir müssen uns dem Gestrüpp, den Disteln, der Trockenheit stellen, alles zu Gott vorbringen, damit er es wandeln kann zur Blüte, zur neuen geistlichen Frucht.
Noch eine Frage bleibt offen: Hat sich Jesus in seiner „unvorsichtigen“ Liebe zu uns Menschen nicht selbst in deren „Dornwald“ hineinverstrickt, so dass diese Dornen ihn sogar begleiten bis zum Ende seines irdischen Lebensweges? „Sie setzten ihm eine Krone von Dornen auf, die sie geflochten hatten“ (Mk 15,17). Die Macht des Bösen scheint nicht gebrochen zu sein. Sind die Rosen der Weihnacht womöglich nur eine Episode in der endlosen Geschichte vom Dornwald menschlicher Schuld?
Nein, dürfen wir als Christen voller Hoffnung antworten. Die Welt bleibt ein Dornwald und ist kein Paradies. Auch in der Kirche wird es auch Disteln und Dornen geben, neben dem guten Weizen wird das Unkraut wachsen. Aber seit Jesus Christus, das Leben in Fülle, von der Krippe bis zum Kreuz unseren menschlichen Weg geteilt und ihm in seiner Auferstehung ein Ziel gegeben hat, ist gegen den Tod kein Kraut gewachsen. Auch aus dem Gestrüpp unserer Sünde und Schuld kann eine Rose wachsen. Diese Rose der Hoffnung duftet auch heute. Sie treibt an, gibt Kraft in Zeiten der Dornen, wenn Stacheln schmerzen Doch der Duft der Hoffnung treibt zum Weitergehen. Lebenskraft ist der Duft der Rose, wenn sie riecht nach Frieden, nach Gerechtigkeit und Liebe. Und dieser Duft lässt nicht mehr los: Sehnsucht nach einer Welt voll göttlichen Rosendufts. So schließen wir mit einem Gedicht von Kurt Marti „Der Rat der Rose“:
Bleib aufrecht
Rät die Rose
Zeig Dornen
Sei stolz
Beuge dich nur
Der Liebe.
Jesus ist aufrecht geblieben bis zum Kreuz. Er hat sich nur der Liebe gebeugt. Deshalb tragen die Dornen Rosen – Rosen, die nicht totzukriegen sind.