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Ansprache im Rahmen der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier im Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2024 in St. Anna, Augsburg

„Wer hört, lässt seine Waffen ruhen.“

11.03.2024 08:03

Liebe Mitfeiernde, vor wenigen Tagen, am 3. März 2024, wurde in Mainz die Buber-Rosenzweig-Medaille an den Aktivisten und Pianisten Igor Levit verliehen. Dazu möchte ich von dieser Stelle aus dem Preisträger von Herzen gratulieren und zugleich auch jenen, die ihn für diesen Preis vorgeschlagen haben, danken für ihre wahrhaft wegweisende Entscheidung.

Der herausragenden künstlerischen Begabung Igor Levits und seinem Mut, sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus und jegliche Art von Diskriminierung und Menschenhass, einschließlich Antisemitismus, einzusetzen, zolle ich meine hohe Anerkennung. Durch sein gesellschaftspolitisches Engagement straft Levit das Vorurteil Lügen, dass Künstlerinnen und Künstler sich entweder nur um ihre Karriere kümmern oder überhaupt zu abgehoben oder gar freischwebend leben würden, um sich in die sog. Niederungen der Politik zu verirren. Die Rede vom Elfenbeinturm, in dem Künstlerinnen und Künstler, aber auch Gelehrte in höheren Sphären lebten und nur ihren Vorlieben oder sog. Orchideenfächern frönen, ist wie so vieles, was in unseren Tagen fröhliche Urständ‘ feiert, ein Mythos! Allerdings mit erheblichem Spalt- und Vernebelungspotential.

Jeder gesunde Mensch kommt nämlich nicht nur ausgestattet mit fünf Sinnesorganen auf die Welt, sondern wir erleben gerade bei Kindern noch vor oder im Kindergarten, dass sie auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen. Dieser muss von den Eltern, den Erzieherinnen und der Gesamtgesellschaft gefördert und herausgefordert werden. Liegt doch in ihm die Grundlage dafür, dass ein Heranwachsender seinem Alter entsprechend Verantwortung übernehmen kann und dies freudig tut - mit Rücksicht auf seine Familie, seine Mitschülerinnen und z.B. im Straßenverkehr auch auf alle Mitmenschen.

Der biblische Ursprung der Ver-antwort-ung liegt im Antwortgeben auf die Frage des EWIGEN: „Adam:Mensch, wo bist Du?“ im ersten Buch Mose (1Mose 3,9). Diese Frage meint auch: Welchen Standpunkt hast Du eingenommen? Wie stehst Du zu Deinen Mitmenschen? Noch eindringlicher wird sie jenem Brudermörder Kain gestellt, der, wenn wir ehrlich sind, in uns allen steckt: „Was hast Du getan?“ (1Mose 4,10).

Die Erinnerung an unsere Geschöpflichkeit und damit Verwiesenheit auf den Schöpfer, unser erstes Du, kann, so meine ich, nicht oft genug wachgerufen werden in einer Zeit, in der es - zumindest in meiner Wahrnehmung - selten geworden ist, dass jemand sich frei heraus zu seiner Verantwortung bekennt. „Ich übernehme bzw. trage die Verantwortung“, „ich bin/war dafür verantwortlich“ – man hört es, so behaupte ich, nicht mehr so oft. Im Gegensatz dazu heißt es etwa angesichts eines Schadens, eines Unfalls oder auch einer Katastrophe rasch und von vielen Seiten, dass dafür jemand „zur Verantwortung gezogen werden“ müsse.

Wenn also die Fähigkeit zur Sprache, die Kommunikation und der Dialog uns Menschen wesentlich ausmacht, dann gehören das Fragen und das Antwortgeben, das Sprechen und das Hören zu den Grundbedingungen menschlichen Miteinanders. Daher überlegte ich nicht lange, welche Bibelstelle ich meiner Ansprache zugrunde legen sollte. Feiern wir im Bistum Augsburg doch bis Juli noch ein ganz besonderes Doppeljubiläum. Unter dem Leitwort „Mit dem Ohr des Herzens“ begehen wir das Gedenken an 1.100 Jahre Bischofsweihe und 1.050 Jahre Todestag des hl. Ulrich, jenes Bischofs, der im 10. Jahrhundert inmitten kriegerischer Auseinandersetzungen und Familienfehden, sich für Frieden, Recht und Gerechtigkeit eingesetzt hat. Im Benediktinerkloster von St. Gallen hatte er bereits als Heranwachsender die Regel des hl. Mönchvaters Benedikt verinnerlicht, die mit den Worten beginnt: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens…“  -

So wählte ich also als Predigtgrundlage eine DER Urszenen für das Hören, das nächtliche Zwiegespräch zwischen dem EWIGEN und dem jungen König Salomo, in dem dieser auf die Frage, was er sich wünsche, antwortet (in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig): „So gib deinem Diener/ein hörendes Herz, / dein Volk zu richten,/ den Unterschied von Gut und Bös zu unterscheiden/“ (1Kön 3,9).

Das Hören und Zuhören ist die Voraussetzung für das Sprechen. Denn das gesprochene Wort braucht, um überhaupt wahrgenommen und verstanden zu werden, ein Schweigen, das den akustischen Raum eröffnet. Zuerst kommt immer das Hören, dann das Sprechen. Der Neugeborenenhörtest, erst 2009 eingeführt, stellt z. B. sicher, dass ein Säugling in der Lage ist, Laute zu vernehmen, damit er sie zu gegebener Zeit nachahmen kann und damit selbst sprechen lernt. Doch nach diesem kleinen Wunder des Hörens und Sprechens wird bereits in der Schule einseitig das Sprechen gefordert und zur Grundlage für die Benotung genommen. Dass es dabei nicht immer gerecht zugeht, davon können introvertierte Schülerinnen und sogenannte Spätzünder ein schmerzliches Lied singen. Auch die Tatsache, dass die musischen Fächer immer mehr an den Rand eines Schultages und als Prüfungsfächer zurückgedrängt wurden, macht unmissverständlich klar, dass Hören, Hinhören, Zuhören und das Aufeinander-Hören, das harmonische Zusammenspiel von Actio und Reactio nicht immer die Förderung erhält, die es verdient.

The Sound of Dialogue – wann hören wir den heilsamen, wohltuenden Klang des gegenseitigen Gebens und Nehmens, des Hörens und Empfangens, des Aufgreifens und Weiterentwickelns eines Gedankens? Gibt es in den zahlreichen Medien, die längst nicht mehr - wie noch in meiner Jugend - zu den „heimlichen Miterziehern“, sondern vielmehr zu den dominierenden Einflüssen gehören, Hörräume und Nischen für ein, wie man früher sagte, „gepflegtes Gespräch? Oder ist das „hörende Herz“ vielleicht gar zu einer unverständlichen Metapher geworden, weil jede und jeder sich selbst am liebsten sprechen hört? Man könnte angesichts manch geistloser Talkshow zum Kulturpessimisten werden und sollte dabei nicht aber verkennen, dass die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung, Zuneigung und Liebe zutiefst mit dem Hören und Gehörtwerden verknüpft ist.

„Gib deinem Diener ein hörendes Herz“, diese Bitte des jungen Thronfolgers, dem es erkennbar etwas bange war angesichts der riesengroßen Verantwortung, die auf ihm als König lastete, eignet sich bis heute sehr gut als Stoßgebet, nicht nur, aber auch für Menschen, die sich als religiös musikalisch beschreiben. Wer hört, lässt zwar selbst alle Waffen ruhen, aber dennoch überlässt er nicht kampflos das Feld denen, die am lautesten schreien. Im aufmerksamen Hinhören erfährt man viel von seinem Gegenüber, vielleicht mehr als dieser preiszugeben willens ist. Andererseits wird, wer sich selbst zum Hören erzogen hat, und dazu gehört zweifellos sehr viel Disziplin, offen auch für die ganz leisen Töne derer, die kaum mehr Stimme haben oder längst mundtot gemacht worden sind. So hat Dialog immer mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zu tun: Im Miteinander aushandeln, wie wir leben wollen, liegt das Geheimnis für eine Welt, in der alle ihren Platz haben! Das mag völlig utopisch klingen und doch liegt es ausschließlich an uns, dass aus dem „ou-topos“, dem „Nicht-Ort“ ein Ort für Frieden, Versöhnung und gegenseitige Anerkennung wird.

„Ich kann nicht auf Twitter X predigen und Y leben“, sagte Igor Levit am 24. September 2019 beim Spiegelgespräch mit dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble im Hamburger Thalia-Theater zu „70 Jahre Grundgesetz“. Levit ging dabei soweit zu bekennen: „Ich würde, weil das am Ende nichts mit meiner bedingungslosen Musikliebe zu tun hat, eher auf das Konzertieren verzichten als darauf, Menschen zu helfen, soweit ich kann, sowohl zeitlich als auch finanziell.“ Denn, so der Pianist weiter, „diese Empathie gegenüber anderen Menschen ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig.“[1]

Igor Levit hat also, Sie erlauben mir die Parallele, nicht nur ein absolutes Gehör im Hinblick auf seinen Beruf, sondern bekennt sich zu jener existenziellen Empfindsamkeit, die den Menschen zum Menschen macht. Miteinander sprechen und einander zuhören, diese Maxime versuchte Levit, auch und gerade nach dem Überfall der Hamas auf Israel und den pro-palästinensischen Gewaltexzessen bei Demonstrationen hierzulande, hochzuhalten. Er blieb nicht bei seiner Trauer über sein verlorenes „Grundvertrauen in das, was Gesellschaft in Deutschland ist“[2], stehen, sondern scharte Freundinnen und Mitstreiter um sich, um mit dem Musik- und Literaturabend „Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus / Live aus dem Berliner Ensemble“[3] am 27.11.2023 ein Gegengewicht zu setzen. Auch das ist eine Form des Antwortgebens, des Dialogs aus Rede und Gegenrede, wie es das Buch Hiob so faszinierend vorgemacht hat!

Mit jedem Menschen, der hier in Deutschland um sein Leben fürchten muss, stehen wir alle zur Disposition. Eigentlich wüssten wir es aus der Geschichte… Igor Levit macht es unmissverständlich klar, wenn er sagt: „Merkt ihr eigentlich nicht, dass es gegen Euch geht? ‚Tod den Juden!‘ heißt ‚Tod der Demokratie!‘. Wenn ihr an Demokratie glaubt, und euer Land ist an einem Punkt, wo jemand wie ich rennen muss: Dann müsst auch ihr rennen.“[4] Dass seit Beginn diesen Jahres nun tatsächlich Bewegung in die deutsche Gesellschaft gekommen ist, die Menschen auf die Straße gehen, um sich für Demokratie und gegen jede Art von Diskriminierung auszusprechen, ist ein Hoffnungszeichen. Gerade für uns gläubige Menschen, die sich die Bitte des jungen König Salomos zu eigen machen wollen: „Gib deinem Diener/ein hörendes Herz, / dein Volk zu richten, / den Unterschied von Gut und Bös zu unterscheiden/“ (1Kön 3,9). Lassen wir uns so das „Herz aus Stein“ gegen ein „Herz aus Fleisch“ (Ez 36,26) eintauschen, damit wir unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen gerecht werden.

[1] Vgl. SPIEGEL-Gespräch: 70 Jahre Grundgesetz - YouTube (aufgerufen am 23.11.2023).

[2]Pianist Igor Levit: „Ich würde am liebsten alle anschreien“ - WELT (aufgerufen am 28.11.2023).

[3]rbb Kultur: Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus. | Solidaritätskonzert mit Igor Levit & Gästen | ARD Mediathek (aufgerufen am 28.11.2023).

[4]Pianist Igor Levit: „Ich würde am liebsten alle anschreien“ - WELT