Ein Wettlauf ums Leben
„Das ist der Tag, den Gott gemacht ...“ Es gibt Tage, die haben wir gemacht: den ersten Mai, den Muttertag und den Tag der Deutschen Einheit. Und manchmal machen wir uns einen schönen Tag ... Heute aber feiern wir Ostern: Das ist der Tag, den Gott gemacht!
So leicht ist es gar nicht, Ostern zu feiern. Denn wirklich Ostern feiern kann nur der, der mit Gott und seiner Tat rechnet - damals wie heute. Blenden wir uns ein in den ersten Ostermorgen:
Da sind Menschen, Frauen und Männer, die sich aufmachen, als es noch dunkel ist - um sie herum und auch in ihnen. Sie tragen ihre eigene, einmalige und unverwechselbare Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen, mit Begeisterung und Zweifeln, mit Stolz und Depression, mit „ich glaube“ und „ich kenne diesen Menschen nicht“. Ich rede von den beiden Marias – derjenigen von Magdala und der Mutter des Jakobus (vgl. Mk 16,1), von Petrus und Johannes, keiner wie der andere, der eine schneller, der andere bedächtiger: Menschen, die aus ihrem früheren Umgang mit Jesus jetzt noch herumgetrieben werden, laufen um die Wette. Sie laufen um ihr Leben in ihrer Suche nach Klarheit und Wahrheit. Worauf ist Verlass in der Enttäuschung zerbrochener Freundschaft und Liebe? Was hält jetzt noch - trotz der Schwachheit des Petrus, der enttäuschten Liebe des Johannes, in der ängstlichen Zukunftssorge der Maria und in der verzweifelten Frage der anderen Maria, wen es jetzt noch geben könnte, der wie er versteht, was Frauen empfinden? In der Dunkelheit laufen sie los - ohne Absprache und ohne Termin. Der gemeinsame Treffpunkt bei diesem Wettlauf ist das Grab - dort, wo alle Hoffnungen begraben sind, wo der Glaube mit den Hammerschlägen auf den Kreuzesbalken verspottet und verhöhnt wurde. Da treffen sie sich, gegeneinander laufend und jetzt geschwisterlich verbunden, stumm, weinend, atemlos. Ganz tief in die Grabeshöhle müssen sie hinein, zu den Todesrequisiten, wo es noch dunkler ist als in den frühen Morgenstunden. Da zählt nicht mehr, wer Lieblingsjünger war oder Fels und Stimmführer. Da zählen nicht mehr die Schmeicheleien durch wohlriechende Öle und mitleidige Tränen. Da zählt nur noch: Auch ich verstehe nichts mehr, auch ich komme allein nicht weiter. Da schlägt die Stunde eines Anderen: „Das ist der Tag, den Gott gemacht ...!“
Das heutige Evangelium endet mit der Feststellung: „Sie verstanden noch nicht die Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.“ (Joh 20,9) Kein großes Halleluja, sondern kleinlautes Fragen. Deshalb ist es nicht leicht, Ostern zu feiern. Wir sind auf der Suche nach Ostern - wie die Menschen, die damals um die Wette gelaufen sind. Vielleicht suchen wir Ostern am falschen Platz: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ werden die Frauen am Grab gefragt. Wo suchen wir Jesus? Suchen wir ihn vielleicht am falschen Platz? Dient er gerade noch dazu, von Weihnachten über Ostern und Pfingsten, von Taufe über Erstkommunion und Hochzeit bis hin zur Beerdigung das Leben etwas feierlicher zu gestalten? Versuchen wir, eine tote Gestalt zu konservieren, indem wir Jesus nur noch ein frommes Andenken wahren? „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ (Lk 24,5) So wird nicht nur jeder einzelne gefragt, hier ist die ganze Kirche provoziert: Sucht sie Jesus am richtigen Platz?
Wieviel in der Kirche ist „Mumiendienst“, pietätsvolle Pflege alter Formen, die längst gestorben sind? Wo sind wir auf dem Weg zum Grab, anstatt dass wir Zeugnis vom Lebendigen geben?
Zeugnis geben vom „Evangelium vitae“, von der Frohen Botschaft des Lebens, das ist unsere Mission als Kirche. Eindringlich erinnert der hl. Papst Johannes Paul II. in seiner gleichnamigen Enzyklika (1995), „durch den Aufbau einer echten Zivilisation der Wahrheit und der Liebe eine neue Kultur des Lebens“ zu verwirklichen (Nr. 6). Der Papst ermahnt uns: „Die Verpflichtung zum Dienst am Leben lastet auf allen und auf jedem einzelnen. Es handelt sich um eine kirchliche Verantwortlichkeit im eigentlichen Sinn, die das aufeinander abgestimmte Handeln aller Mitglieder und aller Gruppierungen der christlichen Gemeinde erfordert.“ (Nr. 79)
Ich wünsche uns allen, dass wir uns in der Frage nach dem Leben nicht auseinanderdividieren lassen. Die Frage nach dem Leben ist unsere Überlebensfrage als Christen. An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Hier zeigt sich, wes Geistes Kinder wir sind. Grundsätzlich gibt es zwei Einstellungen zum Leben. Die einen sagen: Leben - das ist unsere Sache. Das machen wir schon, darüber verfügen wir. Wir sind die Herren des Lebens. Was ist das Ergebnis? Menschen, die sich selbst machen wollen, eine Gesellschaft der Macher – letztlich nichts als Mache. Es trägt nicht.
Das Leben selbst machen wollen: Dahinter steckt eine überhebliche „Prometheus-Haltung des Menschen (...), der sich derart der Illusion hingibt, Herr über Leben und Tod werden zu können, dass er über sie entscheidet, während er in Wirklichkeit von einem Tod überwunden und erdrückt wird, der sich jeder Sinnperspektive und jeder Hoffnung unrettbar verschließt“ (Nr. 15). Das Leben machen: Das kann bei der Manipulation im Reagenzglas beginnen. Und es geht weiter, wenn es heißt: Mein Bauch gehört mir – mit der Folge, Abtreibung als in der Verfassung verankertes Recht zu proklamieren, wie es unlängst in Frankreich im historischen Schloss Versailles geschehen ist. Mit der geplanten Streichung des Paragraphen 218 (Strafgesetzbuch) sind wir auch in Deutschland auf dem besten Weg dazu. Was tun wir als Christinnen und Christen? Ich danke den engagierten Laien, den Politikerinnen und Politikern, die sich für den Schutz des Lebens einsetzen – von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Doch mitunter sind wir versucht, uns schüchtern zurückzuhalten. Wir lassen den Dingen ihren Lauf – und dann reiben wir uns die Augen, wo wir gelandet sind. Wie am Anfang, so am Ende: Dann kann man schließlich sich selbst und anderen das Leben nehmen - unter dem Deckmantel der Nächstenliebe. Wie am Anfang, so am Ende „Anschläge auf das Leben“, wie Johannes Paul es wiederholt beim Namen nannte. Es braucht auch heute Stimmen, die auf der Seite der Schwachen und Ungeschützten stehen. Tragen wir dazu bei, dass das Wort des heiligen Papstes nicht die Stimme eines „einsamen Rufers in der Wüste“ bleibt. Es ist das „Evangelium vom Leben“, das er unermüdlich und unbestechlich verkündet hat. Papst Johannes Paul war ein Anwalt des Lebens. Es ist die Lebenseinstellung, an der die Geister sich scheiden. Wir Christen wissen: Nicht wir sind Herren über Leben und Tod. Nicht wir sind es, die das Leben geben und es uns wieder nehmen können. Unser Leben ist weniger Tat als vielmehr Gabe, weniger unser Werk als vielmehr Geschenk. Das gilt für die ganze Schöpfung. Das gilt für den Menschen. Das gilt auch für die Kirche. Sind wir nicht manchmal geneigt zu meinen, wir müssten mit unseren Aktivitäten Jesus am Leben erhalten oder gar zum Leben erwecken?
Wer sind wir denn! Wir müssen weder Jesus retten noch die Kirche, die seine ist. Das ist nicht unser Werk. Das ist Gottes Vorgabe, sein Geschenk an uns. Was uns aufgetragen ist: Diener am Evangelium des Lebens zu sein. Seit Ostern sind wir das „Volk des Lebens“. Ich wünsche uns, dass wir immer mehr „das Volk für das Leben“ werden (vgl. Nr. 101). Unsere Stimme ist gefragt als Anwälte für das Leben.
Am ersten Ostermorgen war ein Wettlauf zum Grab. In unserer Zeit laufen wir um das Leben, um das Leben der Welt! Wie schön, wenn wir Christen die siegreiche Mannschaft wären. „Das ist der Tag, den Gott gemacht.“ Amen. Halleluja.