Orgelweihe im Ulrichsjahr
Lieber Herr Stadtpfarrer Birkle, lieber Engelbert, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder der Pfarreiengemeinschaft Weilheim, auf diesen Tag haben viele von Ihnen gewartet und sich wie alle Verantwortlichen und Musiksachverständigen schon lange vorbereitet: Heute dürfen wir das beeindruckende Gemeinschaftsprojekt, die neue Orgel, dem Segen Gottes anempfehlen!
Ich schließe mich dem Dank, den Pfarrer Birkle soeben ausgesprochen hat, aus ganzem Herzen an und sage allen herzlich Vergelt’s Gott, die mit Geduld und Beharrlichkeit Zeit, Kompetenz und enorme finanzielle Mittel eingesetzt haben, um das Vorhaben zum Ziel zu führen.
Die Stadtpfarrkirche Weilheim hat fortan eine der größten Orgeln in unserem Bistum und das Lob Gottes durch die Musik findet so zu einem neuen Höhepunkt. Allen Pfeifen-Patinnen und -Paten wünsche ich, dass ihnen „ihre“ Orgelpfeife gleichsam als persönlicher Klingelton die Verbindung zu Gott herstelle und sie immer wieder neu einlade, sich auf ihn hin auszurichten.
Die Texte des heutigen 11. Sonntags im Jahreskreis sprechen – und das ist im Blick auf dieses Orgelprojekt äußerst passend - vom Wachstum: Aus kleinen Anfängen kann Gott Großes werden lassen, wenn es seinem Willen entspricht. Was Sie hier in Weilheim erlebten, das ging mir so während des Jubiläumsjahres zu Ehren des heiligen Bischofs Ulrichs, in dem wir noch immer stehen: ganz konkret konnte ich erfahren, wieviel Kreativität und ehrenamtliches Engagement unter dem Leitwort: „Mit dem Ohr des Herzens“ im gesamten Bistum freigesetzt wurde. Ob es nun erstmalig ein Bilderbuch für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter gibt oder einen Comic für Jugendliche, der sich in Text und Bild ganz an die historischen Fakten der Ulrichsvita hält, ob ich an den Ulrichsfisch aus Hunderten kleiner Fische auf dem Domplatz, an den Tag für die Erstkommunionkinder im Botanischen Garten denke, die besonders stimmungsvolle Maiandacht auf der Insel Wörth im Staffelsee oder an den Festgottesdienst im ehemaligen Eigenkloster Ulrichs in Habach – immer stehen dahinter Menschen, die mit Begeisterung ihre Kompetenz, ihr historisches Wissen und ihre Empathie einbringen, um zu zeigen: Im Glauben können wir zuversichtlich und vertrauensvoll den Bogen schlagen, nicht nur 1100 Jahre zur Bischofsweihe des heiligen Ulrich, sondern mehr als 2000 Jahre hin zu Jesus Christus!
IHM angehören und damit getragen werden von unzähligen Glaubenden, angefangen von der Muttergottes, deren Patronat Sie in Ihrer Pfarrkirche haben, über die Apostel und Jüngerinnen, die iroschottischen Glaubensboten und Missionare der ersten Jahrhunderte bis ins Mittelalter hinein, zu den zahlreichen Heiligen und die unzähligen Ungenannten, deren Name unauslöschlich in die Hand Gottes eingeschrieben ist (vgl. Jes 49,16) – das gibt uns Geborgenheit und Kraft, um unseren eigenen Lebensweg zu bestehen, gerade auch in dieser von Umweltkatastrophen und Kriegen geprägten Zeit!
Daher ist es gut, sich die „ewigen“ Zusammenhänge, über den Tellerrand, hinaus immer wieder neu bewusst zu machen. Deshalb braucht es Jubiläen und Patrozinien und - ganz persönlich - die Feier von Namenstag und Geburtstag, von Tauftag und Hochzeit und all den anderen Gedenktagen, die unser Leben reich machen.
Denn wir Menschen leben von der Er-innerung im tiefsten Sinn des Wortes. Auch die Feier der hl. Messe ist ja nichts Anderes als Erinnerung, Vergegenwärtigung der unendlichen Liebe Gottes, der in seinem Sohn den Kreuzestod auf sich genommen hat, um uns zu befreien aus dem Teufelskreis von Ablehnung und Hass, Gewalt und dem Schuldigwerden gegenüber Gott und den Menschen: „Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt“ (Röm 3,26).
Was heißt es also konkret, wenn Paulus im 2. Korintherbrief feststellt: „Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende“ (2 Kor 5,7)?
Zuerst einmal heißt es ganz nüchtern: Als Menschen können wir irren! Neigen wir doch manchmal dazu, unseren Willen mit dem Willen Gottes gleichzusetzen und unsere Gebete ganz auf unsere Wünsche zu konzentrieren und sind dabei unwillkürlich in Gefahr, Gott zu instrumentalisieren und zu vergessen, dass ER größer ist als unser Herz (vgl. 1 Joh 3,20), dass seine Gedanken die unsrigen so weit übertreffen, wie wir es uns kaum vorstellen können (vgl. Jes 55,8f.).
Das hat natürlich auch der heilige Ulrich erfahren, und sein Biograf schildert dies erstaunlich ehrlich. Als Bischof Ulrich die Lebensmitte längst überschritten hatte, meinte er, seinen begabten Neffen als Nachfolger installieren zu können (Ulrichsvita I, 3,44f.), ohne die Mitbrüder im Bischofsamt in die Entscheidung miteinbeziehen zu müssen. Doch als der Neffe Adalpero unerwartet starb, fiel es dem betagten Oberhirten wie Schuppen von den Augen: Er hatte Gott zu wenig zugetraut – und bereute seine eigenmächtigen Pläne zutiefst…
Dann bedeutet das Wort des Paulus aber auch: Wir werden von manchem Zeitgenossen belächelt, der im Sinne von „Glauben heißt nichts wissen“ nur Mitleid oder gar Verachtung übrig hat für unser Festhalten am christlichen Glauben und dem bewussten Verbleiben in der kirchlichen Gemeinschaft, mit allem, was dazugehört. Derartige Sticheleien können lästig und schmerzhaft sein, besonders wenn sie aus der eigenen Familie oder aus dem Freundes- und Kollegenkreis kommen. Und es gehört viel Standfestigkeit dazu, hier nicht wankend zu werden und sich der oft so oberflächlichen Kirchenkritik entgegenzustellen.
Ja, wir sind Glaubende, denn die Auferstehung lässt sich nicht beweisen! Aber sie wird seit 2000 Jahren bezeugt, von Menschen, die erfahren haben, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakob, der Gott Jesu Christi ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist (Mt 22,32)! In scheinbar auswegloser Situation und auf dem Hintergrund so vieler räuberischer Überfälle der Magyaren auf seine Bischofsstadt und die Städte und Dörfer des Bistums hat sich der heilige Ulrich nicht entmutigen lassen, sondern immer wieder von Neuem den Dom und die Häuser der Stadt ebenso wie die Befestigungsmauer aufgebaut und unermüdlich auf seinen Pastoralreisen die Herzen der Niedergeschlagenen aufgerichtet.
Armen und Kranken widmete er sein besonderes Augenmerk, wie es in der Lebensbeschreibung heißt: „Bei den täglichen Mahlzeiten, wenn er mit den Seinen bei Tisch saß, wurde das erste Gedeck mit Broten und Speisen (…), zum größten Teil unter die Armen verteilt, die Verstümmelten und Gebrechlichen ausgenommen, die (…) ihren täglichen Unterhalt in seiner Gegenwart empfingen“ (Ulrichsvita I, 3,84ff.). Der heilige Ulrich glaubte aus ganzem Herzen an die Aussage Jesu: „Was ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25). Mag der Mensch, der mich gerade jetzt braucht, auch meinen Tagesplan durcheinanderbringen oder mir gar unsympathisch sein, wer die Botschaft Jesu ernst nimmt, kommt nicht an diesem Anspruch vorbei!
Und schließlich bedeutet Christsein: dieses Leben als Weg und nicht als Ziel zu betrachten. Das ist ganz die Haltung des Paulus, von der wir vorhin hörten: „Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; (…) Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat“ (2 Kor 5,6.10).
Was für die Menschen früherer Jahrhunderte und auch in den nichtchristlichen Religionen bis heute selbstverständlich ist, nämlich, dass jeder Mensch für seine Worte und Taten Rechenschaft ablegen muss, das wird heutzutage, so meine Beobachtung, oft ausgeblendet. Dabei ist es schon im zwischenmenschlichen Bereich unabdingbar, dass wir von klein auf lernen, Verantwortung zu übernehmen und bereit sind, über unser Handeln Auskunft zu geben. Erst recht, wenn wir am Ende unseres Lebens Rückschau halten und erkennen, wie oft wir hinter unseren eigenen Ansprüchen zurückgeblieben sind.
Von der heiligen Teresa von Avila wird berichtet, dass sie einmal im Monat einen Tag dem Gedanken an ihren eigenen Tod widmete. Wäre das nicht auch eine gute Übung für uns? Es muss ja nicht gleich ein ganzer Tag sein, aber ein Spaziergang oder ein Orgelstück lang oder auch in einem Gespräch mit einem vertrauten Menschen ist es sicher fruchtbar und heilsam, sich bewusst zu machen, dass unser Leben endlich ist. Schon allein deshalb, um aufsteigende Ängste gut anzuschauen und zu spüren, wie kostbar die mir geschenkte Lebenszeit ist. Vom Ende her gedacht wird auch manches, was uns furchtbar nervt oder wie eine schwärende Wunde immer wieder aufreißt, relativiert. Ist es wirklich wert, dass ich mich hier so festgebissen habe? Gäbe es nicht einen Weg zur Versöhnung, wie könnte ich den ersten Schritt einleiten?
Und schließlich: Wie steht es mit meiner Zuversicht? Kann ich die Worte des Paulus innerlich nachsprechen: „Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind“ (2 Kor 5,6)?
Das lateinische Wort „fiducia“ hängt mit „fides“, Glauben und Vertrauen, zusammen. So schließt sich der Kreis: Wer glaubt, dass Gott es gut mit uns meint und unsere eigentliche Heimat im Himmel ist, der bekommt, davon bin ich überzeugt, von IHM auch die Kraft und die Weisheit, „als Glaubender“ seinen Lebensweg zu bestehen (vgl. 2 Kor 5,7).