Geistliche Begleitung im Mittelalter: Wiborada und Ulrich
Liebe pastorale Mitarbeiterinnen und Vorstandsfrauen des KDFB, liebe Mitchristinnen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel, dem Leben in Fülle, die meisten von Ihnen haben heute Morgen schon einen Fußweg zurückgelegt – wie die Abgesandten des Königs, die zur Prophetin Hulda pilgerten; so haben wir es eben in der Lesung gehört.
Der königliche Auftrag lautete: „Geht und befragt den Herrn für mich, für das Volk und für ganz Juda wegen dieses Buches, das aufgefunden wurde! Der Zorn des Herrn muss heftig gegen uns entbrannt sein, weil unsere Väter auf die Worte dieses Buches nicht gehört und weil sie nicht getan haben, was in ihm niedergeschrieben ist (2 Kön 22,13)“. Der 26jährige König Joschija war bereits 18 Jahre im Amt, als er durch den Buchfund im Tempel erfuhr, wie weit er und mit ihm das ganze Volk sich bereits von der Weisung des Herrn entfernt hatten – und das erschütterte ihn zutiefst.
In einer solchen Situation, in der Ideal und Realität schmerzhaft aufeinanderprallen, ist guter Rat teuer. Wem kann man seine Not offenbaren, wer ist das geeignete Gegenüber, dem man von seinem schlechten Gewissen erzählen – kurz: dem man sein Herz ausschütten kann? Das Volk Israel wusste seit Moses‘ Zeiten, wie wichtig die von Gott berufenen Prophetinnen und Propheten sind: Sie vermitteln die Botschaften von Mensch zu Gott und umgekehrt und geben Hinweise auf den Willen Gottes, ganz gleich, ob gelegen oder ungelegen.
Wie für eine patriarchale Gesellschaft üblich, überliefern uns die Heiligen Schriften mehrheitlich Berichte vom Wirken männlicher Propheten, doch in unserem Text lernen wir Hulda, die Frau des Kleiderverwalters Schallum, kennen. Sie trägt ähnlich der Hanna, die uns in der Kindheitsgeschichte Jesu begegnet, ausdrücklich den Titel „Prophetin“ und kann kraft dieser von Gott gegebenen Autorität Wegweisung und Orientierung geben. Dabei macht sie unmissverständlich klar, wer es ist, der aus ihr spricht. Viermal heißt es in Varianten: „So spricht der Herr, der Gott Israels“ (2 Kön 22,15.16.18.19).
Halten wir einen Augenblick inne: Können wir, kann ich mich erinnern, eine solche Situation selbst schon einmal erlebt zu haben? Eine Situation, in der ich in einer wichtigen Sache Rat bei einem vertrauenswürdigen Menschen suchte und gleichzeitig überzeugt war, hier ist jemand mit Gott so sehr verbunden, dass ich mehr erfahre als nur die Meinung eines Menschen?
Der heilige Ulrich hat in seiner Jugend eine solche geistliche Begleiterin gekannt: Vor einigen Jahren habe ich am Ulrichsfest an sie erinnert und der Besuch von Bischof Markus Büchel letztes Jahr sowie die Wallfahrt der Ordensleute vor zwei Monaten nach St. Gallen war ganz dieser Frau und ihrer Bedeutung für unseren Bistumspatron gewidmet – ich meine die heilige Reklusin Wiborada (gest. 926). Sie, die sich in einer Zelle an der Kirche Sankt Mangen einmauern ließ, war Fürbitterin und Ratgeberin für Kloster und Stadt St. Gallen – und wurde schließlich durch ihre visionäre Schau auch Lebensretterin für Menschen und Bücher ihrer Heimat. Denn Monate vor dem Ereignis kündigte sie den räuberischen Überfall der Ungarn an, ermöglichte so die geordnete Flucht – wollte aber selbst nicht gerettet werden, sondern erlitt das Martyrium.
Der junge Ulrich brauchte an einem entscheidenden Punkt seines Lebensweges von Wiborada den Rat, ob er das Amt des Abtes in St. Gallen annehmen solle oder nicht. Nach dreitägigem Gebet und Fasten eröffnete sie ihm, dass er dazu bestimmt sei, „im Osten, wo ein Fluss zwei Gegenden teilt, künftig durch den bischöflichen Dienst Gott zu dienen“ (vgl. Ulrichsvita I, 1,60ff.).
Oder ein anderes prominentes Beispiel für die Wegweisung, die Christinnen und Christen füreinander im Gebet erwirken können, nämlich als Bruder Franz aus Assisi große Zweifel bekam, ob der eingeschlagene Weg des Lebens in Armut mitten unter den Bedürftigen und die Verkündigung des Evangeliums dem Willen Gottes wirklich entspricht oder er sich lieber ganz in die Kontemplation zurückziehen solle. In der Legenda maior des hl. Bonaventura heißt es dazu: „Obwohl er (= Franziskus) mit seinen Brüdern schon mehrere Tage hindurch Gespräche solcher Art geführt hatte, bekam er dennoch keine Sicherheit, welche von beiden Lebensweisen Christus wohlgefälliger sei.“ Er sandte daher einen seiner Gefährten zu Bruder Silvester und einem anderen gab er den gleichen Auftrag für die „heilige Jungfrau Klara, sie möge mit den anderen Schwestern beten und durch eine besonders reine und einfältige Schwester, (…), darüber den Willen des Herrn erforschen.“ Als schließlich die Antwort bei allen Betenden gleich ausfiel, heißt es im Text weiter: „Da stand Franziskus auf, gürtete sich und machte sich unverzüglich auf den Weg. Er ging mit solchem Eifer daran, Gottes Auftrag zu erfüllen, und schritt so rüstig aus, als wäre die Hand des Herrn über ihn gekommen und als hätte er neue Kraft vom Himmel empfangen“ (FQ 758ff.).
Geistliche Begleitung ist also ein zutiefst mitmenschlicher Dienst und erfreut sich auch heute großer Beliebtheit. Gleichzeitig wächst die Sensibilität für die Unterscheidung der Geister – und das ist gut so! Denn wie uns die Beispiele aus der Bibel und den Heiligenviten zeigen: Niemand kann sich selbst rechtmäßig zur Prophetin, zum Propheten ernennen, immer bedarf es dazu der Anerkennung durch die religiöse Gemeinschaft anhand von allgemein nachvollziehbaren Kriterien. Die Worte der Prophetin Hulda lassen die wichtigsten unschwer erkennen: Es kommt nicht auf die Interessen und Ideen der Rat gebenden Person an, sondern darauf, ob die Wegweisung dem entspricht, was der bzw. dem Fragenden mehr nützt, sie und ihn mehr in die Freiheit der Kinder Gottes hineinführt.
Ignatius von Loyola, einer der christlichen Meister der Kommunikation, nennt zur Erkenntnis von guten Entscheidungen die Empfindung von Ruhe und Trost und im anderen Fall von Trostlosigkeit und Unruhe als Kennzeichen – eine Unterscheidung, die ebenso einfach wie genial ist. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ganz auf dem Fundament des Evangeliums gründet – wir haben es eben auch in der Perikope von der Heilung des Taubstummen gehört. Jesu tritt nicht wie ein sensationsheischender Jahrmarktsschreier auf, er braucht keine neugierigen oder applaudierenden Zuschauer – im Gegenteil, bei Markus lesen wir: „Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, (…) danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich!“, und als die Heilung vollbracht war, „verbot (er) ihnen, jemandem davon zu erzählen“ (Mk 7,33-34.36).
Als ein Mensch, der in seiner Jugend stark von der ignatianischen Spiritualität geprägt wurde und sie bis heute als echte Lebenshilfe erfährt, bin ich sehr dankbar, dass die diözesanen Geistlichen Begleiter immer noch unentgeltlich arbeiten – denn nur, wenn klar ist, dass es sich nicht um Therapiestunden oder sonstige medizinisch begründete Sprechstunden handelt, steht die geistliche Begleitung in der christlichen Tradition der Werke der Barmherzigkeit. Unsere Aufgabe als Menschen ist es – so möchte ich schließen –, es Jesus nachzutun und zum Himmel aufzublicken, den Himmel über uns und allen, die von Mutlosigkeit und Zweifel geplagt sind, offenzuhalten und Zuversicht und Vertrauen in die Herzen aller zu senken, die unserer Hilfe bedürfen. Lassen Sie uns mit dem Ohr des Herzens hören und mit den Augen des Herzens sehen, damit wir wie Ulrich und Wiborada, wie Franz und Klara immer mehr Licht der Welt und Salz der Erde werden.