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Predigt von Bischof Bertram zur Profanierung der Kirche Zu den Acht Seligkeiten in Füssen

„Abbruch heißt Aufbruch“

22.09.2024 18:30

Lieber Herr Stadtpfarrer Deuring, lieber Frank, liebe Schwestern und Brüder in Christus, „Alles hat seine Stunde!“ – so hörten wir es eben in der Lesung aus dem Buch Kohelet. „Alles hat seine Zeit!“ – ja, stimmt, mag man spontan denken. Eine augenscheinlich recht schlicht klingende Botschaft präsentiert uns die Lesung aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Lassen wir diese Worte jedoch ganz nah an unser Leben heran, beziehen wir sie auf die Welt um uns herum, wird daraus eine harte Botschaft: Alles, was mir lieb und teuer ist, vergeht, nichts hat Bestand. Alles, wofür ich mich abmühte, ist dem Untergang geweiht, nichts währt ewig. Bei einer derartigen Sichtweise ist die Gefahr der Resignation groß, Nüchternheit vorprogrammiert.

Eine solche Sicht aber ist zu einseitig, das ist nur die halbe Wahrheit der Botschaft des „Predigers Salomo“, wie der Autor des Buches Kohelet auch heißt. Denn: In ihr steckt ebenso ein großer Trost. Alles hat seine Zeit heißt auch, dass alles Schreckliche und alles Unglück begrenzt sind. Die Zeit der Klage, des Hasses und der Trauer nimmt ein Ende. Wie auf Regen Sonnenschein folgt, so werden sich Zeiten der Freude und des Lachens, der Versöhnung und des Friedens einstellen.

Die größte Entlastung und Beruhigung liegt aber darin, dass alle Zeit in Gottes Händen liegt. In ihm gründet das Glück als ein Geschenk für uns, er gibt uns alle Freiheiten, unser Leben zu gestalten, uns zu entscheiden – für das eine wie gegen das andere. Warum er uns manche Dinge zumutet, können wir nicht beantworten – manchmal erahnen wir einen tieferen Sinn im Nachhinein. Sicher jedenfalls ist: Gott ist da, er geht alle Wege mit, begleitet uns. Darauf dürfen wir fest vertrauen! „Gott wird das Verjagte wieder suchen“ (Koh 3,15), so hieß es am Ende des Lesungstextes. Ist diese Botschaft nicht auch ein Aufruf zu mehr Gelassenheit im Leben?

Alles hat seine Zeit – und so gibt es auch eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen (vgl. Koh 3,3). Fast 60 Jahre lang war diese Kirche vielen Gläubigen eine geistliche Heimat. Sie prägt das Stadtbild im Füssener Westen. Heute begehen wir ihre Profanierung – endgültig. Immer wieder hatte sich der Termin verschoben. Was vielen lange unwirklich, ja undenkbar erschien, ist nun harte Realität: Wir feiern hier zum letzten Mal miteinander Eucharistie. Danach wird das Gotteshaus sukzessive rückgebaut, schließlich dem Erdboden gleichgemacht. Die Kirche Zu den Acht Seligkeiten ist dann Geschichte.

Von ganzem Herzen danke ich allen Seelsorgern, die das Volk Gottes von Füssen an dieser heiligen Stätte in den knapp sechs Jahrzehnten zur Feier der Gottesdienste und zur Spendung der Sakramente vereint haben. Ich bin allen ehrenamtlichen Kräften dankbar, die sich mit Herzblut und Tatkraft in das Gemeindeleben einbrachten. Was wurde in diesem Kirchenraum nicht alles auf die Beine gestellt, geschmückt, gesungen und gefeiert. Zahlreiche Gebete wurden zum Himmel geschickt – auf der Suche nach Trost und Stärkung. Viele Glaubensbiographien verbinden mit dieser Kirche intensive Erinnerungen und Emotionen – an den Empfang der Firmung, der Buße, an die Eheschließung, aber auch an die Trauer bei einem Requiem. Vielen ist diese Kirche ans Herz gewachsen, Wehmut macht sich breit. Es ist ein schmerzvoller Abschied, aber einer nicht ohne Hoffnung.

Ihre Konzeption als Garnisonskirche für die benachbarte Kaserne erklärt ihre große Dimension. Doch die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren geändert: Die Bänke sind ausgedünnt, die Anzahl der Kirchenbesucher ist überschaubar, die Kirche damit viel zu groß. Der „Zahn der Zeit“ nagt am Gebäude, aus energetischer Sicht ist die Immobilie eine absolute Katastrophe, die Kosten für eine Sanierung immens. Von daher war die Entscheidung, die Sie als Pfarrgemeinde getroffen haben, logisch und geistlich notwendig: Eine Investition in die überdimensionierte Kirche hat keine Zukunft.

Ehrlich und aufmerksam haben Sie in den zurückliegenden Jahren hingeschaut, was mit dem Kirchengebäude passieren soll. Bis zum heutigen Tag der Profanierung war es ein langwieriger Prozess des Hinhörens und Zuhörens. Er umfasste unzählige Gespräche und intensive Diskussionen unter den Entscheidungsträgern der Pfarrei, diözesanen Stellen, Stadt und Gläubigen. Ideen wurden entwickelt und verworfen, Pläne einer Nachnutzung geschmiedet. Zeitgleich standen bei weiteren Immobilien der Pfarrgemeinde Sanierungen an. So sollte ein für die gesamte Pfarreiengemeinschaft Füssen tragfähiges Konzept entwickelt werden, das den pastoralen Erfordernissen im Heute Rechnung trägt.

Auf diesem schwierigen Weg blieben einzelne persönliche Verletzungen nicht aus, manche Entscheidung traf bei so manch einem Gemeindemitglied auf Unverständnis; Protest und „innerer Rückzug“ folgten. Manche haben mir auch persönlich geschrieben und mir ihr „Leid geklagt“. Mein Wunsch für die Zukunft: Beschreiten Sie Wege der Aussöhnung. Alles Geschehen unter dem Himmel hat seine Zeit – so auch eine Zeit zum Heilen (vgl. Koh 3,3).

Die Würfel sind gefallen, die Pläne für die Bebauung stehen. Nach dem Abbruch der Kirche werden ein Kindergarten und für die Pfarreiengemeinschaft ein neues Begegnungszentrum mit Andachtsraum, einem auch für Gottesdienste verwendbaren Saal sowie Gruppen- und Verwaltungsräume entstehen. „Abbruch heißt Aufbruch!“ lautet das ausgegebene Motto. Kirche wird also weiterhin bei den Menschen sein. Im Füssener Westen wird „die Kirche im Dorf bleiben“, aber sie wird anders präsent sein, als Sie es gewohnt waren. Aber Eines steht fest: Die Kirche bläst nicht zum Rückzug, die Kirche bleibt präsent!

Einen letzten Gedanken will ich stark machen. Seien wir uns bewusst: Kirche ist nicht nur das Gebäude aus Stein, Kirche sind die Menschen, wir alle. Kirchenräume als Orte der Gottesbegegnung und der Gemeinschaft, als Kristallisationspunkte des Glaubens sind wichtig. Aber wenn sie zu groß sind, „ohne Leben“, nur mehr „totes Gestein“? Die heutige Lesung aus dem ersten Petrusbrief bringt es auf den Punkt: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ (1 Petr 2,5)! Nur weil die Türen dieser Kirche für immer geschlossen werden, ist Ihnen der Weg zum Himmel nicht verbaut. Orientieren wir uns an Jesus, dem lebendigen Stein, der zum Eckstein wurde.

Ja, es tut in der Seele weh, wenn eine Kirche dichtgemacht, dem Abriss preisgegeben wird. Gottes Zusagen aber bleiben und gelten damals wie heute: Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, das ER aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Ihr wurdet sein Eigentum, um Gottes große Taten zu verkünden (vgl. 1 Petr 2,9). Der heutige Tag ist ein Auftrag für Sie, liebe Christen in Füssen: Seien Sie als lebendige Steine Zeuginnen und Verkünder seiner frohmachenden und befreienden Botschaft. In Ihnen zeigt sich Gottes Liebe! Seien Sie (weiterhin) füreinander da und für die Menschen in Ihrem Umfeld – seien Sie treue Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi.

Nehmen wir Abschied von der Kirche Zu den Acht Seligkeiten. Was sich mit ihrem Namen verbindet, ist uns ins Stammbuch geschrieben - als Zusicherung und Programm Gottes. Freuen Sie sich wie der hl. Magnus Glauben und Leben miteinander zu teilen und an einer zukunftsfähigen Pfarreiengemeinschaft weiterzubauen. Auf lebendige Steine, auf uns, möchte der Herr bauen!