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Predigt beim Pontifikalamt mit Orgelweihe in der Kirche St. Katharina in Landsberg am Lech

„Hören, erhört werden und anderen zuhören“

03.11.2024 11:00

Erst vor wenigen Tagen bin ich von der Weltsynode aus Rom zurückgekommen. Den ganzen Oktober lang haben wir als Bischöfe zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Volk Gottes darüber beraten, wie wir zukünftig eine missionarisch-synodale Kirche sein können, welche die Botschaft des Herrn traditionsgetreu und zugleich zeitgemäß, vor allem aber glaubwürdig und einladend verkündet.

Insgesamt 375 stimmberechtigte Mitglieder, dazu mehr als 75 Gäste, füllten fast vier Wochen lang die Synodenaula und sprachen darüber, wie der künftige Weg der Kirche aussehen soll. Sie können sich denken, wie unterschiedlich die Ansichten einer so heterogenen Gruppe aus allen Teilen der Welt waren. Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang immer wieder dazu aufgerufen, auf den Heiligen Geist zu hören, den er in Anlehnung an den hl. Basilius als „Harmonie“ versteht. Harmonie aber wird seinem Verständnis nach nicht durch Einstimmigkeit erreicht, sondern durch das wohlwollende Aufgreifen der unterschiedlichen Stimmen. Hierzu fiel mir ein, dass wir erst kürzlich den Gedenktag des heiligen Ignatius von Antiochien (17. Oktober) gefeiert haben. Dieser hatte die Vorstellung, dass Gott für jeden eine Stimme, eine Lebensmelodie hat. Und wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der Zusammenklang aller Stimmen - im wahrsten Sinne des Wortes - eine Symphonie.

Welch schöner Gedanke, der wunderbar zum heutigen Tag passt, an dem wir uns in der ehemaligen Pfarrkirche St. Katharina in Landsberg versammelt haben, um miteinander auf Gottes Wort zu hören, seine Gegenwart zu feiern und IHM zur Ehre die neu sanierte Orgel einzuweihen.

Dass das Hören ein ganz entscheidender Akt des Musizierens ist, wissen alle, die singen oder ein Instrument spielen. Doch auch der Glaube kommt vom Hören, wie es der Apostel Paulus uns lehrt (vgl. Röm 10,17). Und so möchte ich Ihnen im Folgenden zwei kurze Gedanken zu den heutigen Schriftworten mitgeben. Sie kreisen um die Frage, inwiefern sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe ganz wesentlich mit dem Hören verbunden sind.

1. Gottesliebe: Hören und erhört werden

Werfen wir dazu noch einmal einen Blick in das Alte Testament: „Sch’ma Israel“, heißt es im Buch Deuteronomium, „Höre, Israel“ (Dtn 6,4). Es ist bis heute eines der wichtigsten Gebete im Judentum und ein eindringliches Bekenntnis zu dem einen Gott, der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat. Zu der Zeit, als dieser Aufruf im Namen des Moses erging, lebten die Israeliten in einer Umwelt, in der zahlreiche verschiedene Gottheiten verehrt wurden, zum Beispiel die vielgestaltigen Naturgottheiten der Kanaaniter. Das Volk Israel zeigte sich hier in Teilen recht offen, als ob es nie ein goldenes Kalb gegeben hätte. Darum ist der Aufruf „Höre, Israel“ durchaus auch als Mahnung zu verstehen, einzig und allein dem einen und wahren Gott zu folgen, der sein Volk aus Liebe befreit hat und in eine gute Zukunft führen will. Noch heute findet man an jüdischen Häusern und Wohnungen am rechten Türpfosten ein kleines längliches Kästchen, die Mesusa. Darin ist eine Pergamentrolle, auf der jenes Gebet „Schʼma Israel“ geschrieben steht. Wenn man fortgeht oder nach Hause kommt, berührt man die Mesusa und bittet Gott um Schutz.

Wir könnten an der Stelle fragen, wie es bei uns im Christentum aussieht. Worauf hören wir im Alltag? Welchen Göttern folgen wir? Es gibt so viele Dinge, denen Menschen täglich viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen, die ihnen aber letztlich Kraft rauben und schaden, körperlich wie seelisch. Ich denke hier an den immer stärker zunehmenden Medienkonsum in unserer Gesellschaft. Das stundenlange Abdriften, vor allem junger Menschen, in virtuelle Welten bei gleichzeitiger Abnahme sozialer Kompetenzen, die Anonymität des Internet mit der Gefahr der Vereinsamung oder dem Drang, sich selbst optimieren zu müssen, Alkohol, Spielzwang und andere Süchte… das alles sind Misstöne, welche die Melodie unseres Lebens zu einer Disharmonie führen, die am Ende uns selbst und anderen die Freude raubt.

Organistinnen und Organisten wissen: Es schmerzt im Ohr, wenn der Wohlklang der Musik durch scharfe, schlecht gestimmte oder gar kaputte Register gestört wird. Eine Zeit lang war das hier in St. Katharina der Fall, weswegen eine Komplettsanierung dringend geboten war. Schön, dass die gesamte Mechanik und die vielen Pfeifen repariert wurden, sodass wir uns nun wieder freuen können, wenn die Orgel als „Königin der Instrumente“, wie sie oft genannt wird, bei Gottesdiensten und Konzerten rein und klar ertönt.

Unser Grundton als Christen sollte stets die Gottesliebe bleiben. Das ist eine der Botschaften des heutigen Tages. Einen Zugang zu Gott können wir im Menschen Jesus Christus finden, der in unsere Welt gekommen ist, um alle zu retten, die durch ihn vor Gott treten möchten, wie wir es in der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief gehört haben (vgl. Hebr 7,25). Nehmen wir uns daher jeden Tag ausreichend Zeit, um auf die Worte Jesu zu hören, der uns den Weg weist zu Gott, und zu unserem Heil. Gottesliebe lässt sich somit auch in diesen zwei Schritten zusammenfassen: Hören, und erhört werden.

2. Nächstenliebe: Anderen zuhören

Das allein wäre allerdings zu wenig, da wir auch Beziehungswesen sind. Wie der dreifaltige Gott in sich selbst Beziehung ist, so will er mit seinem Heiligen Geist die Menschen zueinander führen, in Frieden und Harmonie. Darum ist die Aussage des heutigen Evangeliums von zentraler Bedeutung, wenn Jesus selbst sagt: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ (Mk 12,29ff.). Wahres Christsein heißt also, immer wieder die Nähe Gottes zu suchen, in der Stille, im Gebet und im Gottesdienst. Zugleich aber ehren wir den allmächtigen Gott auch dadurch, dass wir seinen Geschöpfen, unseren Mitmenschen - und zwar allen - mit Respekt begegnen, und besonders denjenigen beistehen, die unsere Hilfe brauchen. Dieses große Wort „Nächstenliebe“ braucht konkrete Taten, im Dienst der Gemeinschaft.

Auch hier sehe ich eine Parallele zur Orgel, die zum einen ein Instrument ist, auf dem die Spielenden ihre Kunst entfalten können, sei es bei der Interpretation von Orgelliteratur oder in der freien Improvisation. Zugleich aber hat die Orgel auch eine dienende Funktion, insofern sie den Gemeindegesang unterstützt und somit zum festlichen Charakter der Liturgie beiträgt. Beides ist wichtig und macht dieses Instrument so wertvoll. Die Basis von beidem aber liegt im Hören.

Wir haben im Sommer den Abschluss unseres Ulrichsjubiläums gefeiert. Es stand unter dem Motto: „Mit dem Ohr des Herzens“. Es ist eine Formulierung aus der Biografie unseres Bistumspatrons, die uns immer wieder daran erinnern kann, dass es einen großen Unterschied macht, mit welch innerer Haltung ich einem Menschen begegne. Höre ich nur oberflächlich hin und bin mit meinen Gedanken eigentlich ganz woanders, oder nehme ich mein Gegenüber wahr und schenke echte Anteilnahme? Ich lade Sie ein, sich in den nächsten Wochen einmal darauf zu konzentrieren, anderen wirklich gut zuzuhören und wahrzunehmen, was Ihre Mitmenschen brauchen. Die Erfahrung zeigt, dass sich vieles zum Guten verändern kann, wenn wir uns um ein solch aufmerksames und wohlwollendes Hören bemühen, in der Familie, im Beruf, in Kirche und Gesellschaft.

Lassen Sie mich am Ende allen danken, die sich um die Renovierung dieser historischen Orgel verdient gemacht haben. Ich freue mich über das Ergebnis und wünsche Ihnen viele Momente, in denen die Musik Ihnen hilft, Gott und die Menschen zu lieben. Besonders schön hat es der heilige Ignatius von Antiochien formuliert, den ich zum Schluss noch einmal zitieren möchte: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf. So werdet ihr alle zusammen zu einem Chor, und in eurer Eintracht und zusammenklingender Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi. Das ist das Lied, das Gott, der Vater, hört – und so erkennt er euch als die, die zu Christus gehören.“