Zwei Gesichter hat die Zeit
„Als Gott die Zeit erschuf, hat er von Eile nichts gesagt.“ So lautet ein afrikanisches Sprichwort. Uns jedoch läuft die Zeit davon. Schon wieder ist ein Jahr vergangen, und ein neues klopft an der Tür unseres Lebenshauses. Wir leiden unter chronischem Zeitmangel. Unsere Zeit misst das Chronometer, die Uhr, während in anderen Kulturen die Zeit gewogen wird von Kairos, dem Gott des rechten Augenblicks. Wie ist das zu verstehen?
Machen wir eine Zeitreise zurück ins Mittelalter! Die Menschen – vor allem in den Städten – trieb ein Wunsch: Sie wollten wissen, wie spät es ist. Bisher hatten sie sich mit Sonnenuhren, Wasseruhren und Sanduhren zufrieden gegeben. Doch dann wollten sie es genau wissen: Sie waren neugierig, was die Stunde geschlagen hat. So wurde im Jahr 1309 in Mailand die erste mechanische Uhr montiert. Bald darauf sollte jede Stadt ihren öffentlichen Zeitmesser haben – die einen am Kirchturm, die anderen am Rathaus. Die Uhren zeigen an, was die Stunde geschlagen hat: Eine neue Zeit wird angeschlagen, die „Neuzeit“.
Die Uhr hat das Leben verändert. Der Mensch lernt, die Zeit genau einzuteilen und vorauszuberechnen. Zeitplanung und Pünktlichkeit – auf die Minute – stehen bei uns hoch im Kurs. Ohne Uhr können wir nicht mehr leben. Die Entwicklung der Neuzeit ist ohne Uhr nicht zu denken, selbst in den kirchlichen Behörden haben die Stechuhren Einzug gehalten. Die Messinstrumente werden immer genauer: erschütterungsfrei, wasserdicht und präzis. Denken wir nur an unsere Quarz- und Digitaluhren!
Ich weiß noch, als ich zur Firmung meine erste Uhr geschenkt bekommen habe. Voller Stolz zeigte ich sie her: Ich habe eine Uhr! Doch heute stelle ich oft mit Schrecken fest: Die Uhr hat mich! Mein Leben ist dem Ticken der Uhren unterworfen. Die Mechanik der Uhr färbt ab – auch im kirchlichen „Betrieb“! Ich lebe nach der Uhr.
Zum Jahreswechsel wird uns die Zeit besonders bewusst. Die Wissenschaften nähern sich dem Phänomen Zeit an: Der Historiker schreibt eine Chronik, der Psychologe erforscht das subjektive Zeiterleben, die Naturwissenschaft sprach seit Newton von einer „absoluten“ Zeit, ehe sich mit Einstein alles relativierte. Die Philosophie ist bis heute damit beschäftigt, der Zeit in ihren verschiedenen Bedeutungen für den Menschen auf der Spur zu sein. Grundlegend ist dabei eine Unterscheidung, die aus der griechischen Mythologie stammt: Da ist zunächst Chronos, der Sohn der Urtitanen Uranos und Gaia. Uranos ist der Himmelsgott, Gaia die Erdgöttin: Aus der Paarung von Himmel und Erde ist Chronos entstanden, der Gott der Zeit. Chronos entthront seinen Vater Uranos im Himmel. Um demselben Schicksal zu entgehen, verschlingt Chronos alle seine Kinder. Nur Zeus wird durch eine List gerettet und besiegt seinen Vater.
Chronos ist ein Fresser: Die Zeit kann uns auffressen, wenn wir ihre Sklaven werden. Dennoch hat sie als Chronos auch Positives: Der Schatz des Chronos liegt in den Erfahrungen. Das heißt aber nicht, Erfahrungen nur zu sammeln, zu bewahren und zu behüten. Wer zukunftsfähig sein will, zehrt vom Schatz der Erfahrungen. Das steht außer Zweifel. Doch der zukunftsfähige Mensch, der zukunftsfähige Christ, die zukunftsfähige Kirche lebt nicht allein von der stolzen Chronik, sondern im Blick nach vorn. Wer die Zeit nicht nützt, wer nicht aus den Erfahrungen der Geschichte lernt und reift, den verschlingt Chronos. Das kennen wir auch aus anderen Lebensbereichen: Wer nicht die Ursache einer Krankheit behebt, wird chronisch krank; wer nicht die Ursache von Unzufriedenheit ausräumt, wird chronisch unzufrieden; wer sich nicht ständig erneuert, sondern in der alltäglichen Routine wie in einem Sumpf versinkt, wird chronisch müde. Wo man Probleme lange verdrängt und nicht angeht, werden sie chronisch. Doch der Druck, auch Stress genannt, wird immer größer.
Genau an dieser Stelle tritt Kairos in Erscheinung. Kairos ist der jüngste Sohn des Zeus und damit Enkel des Chronos. Er galt als Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit, dargestellt als junger Mann mit Flügeln an den Füßen, denn die Gelegenheit ist schnell verpasst. Kahl am Nacken, doch mit einer Stirnlocke, so huscht Kairos an den Menschen vorüber; es kommt darauf an, ihn „am Schopf zu packen“. Das geht aber nur, wenn man ihn kommen sieht. Ist er nur mehr von hinten zu sehen, ist die Gelegenheit verpasst. Kairos ist der Gott des rechten Augenblicks, der Zeitenwende, der erfüllten Zeit.
An Silvester denken wir nicht nur an den Wechsel einer Jahreszahl, sondern an eine neue Zeitrechnung. Die Chronologie ging weiter, doch Weihnachten hat sie durchbrochen mit dem Kairos der Geburt Christi: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt greift Jesus diesen Gedanken auf: „Die Zeit (der Kairos) ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15).
Dieser Kairos ist verwoben mit Rhythmen, zwischen Anfang und Ende, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Tag und Nacht, mit Rhythmen des Körpers, mit Atmung, Herzschlag, Verdauung, Menstruation, Ermüdung und Erholung. Immer wieder geht es um die Kunst, mitten im „Chronos“ den „Kairos“ zu bemerken und am Schopf zu packen. Das alte Jahr fügt wieder einige Seiten unserer Chronik hinzu, die Chronologie unseres Lebens wird weitergehen, doch wichtig ist es, in diesem Rhythmus der Stunden, Tage und Jahre das Jetzt, den günstigen Moment zu erhaschen, in dem Gott mir besonders nahe ist: Wir könnten auch sagen: aufmerksam sein für die Gnadenstunden, die mir Gott auch im Neuen Jahr schenken will.
Im persönlichen Rückblick auf das vergangene Jahr darf ich Ihnen von einer wertvollen Erfahrung erzählen. Im Frühjahr musste ich mich einer Operation unterziehen: Die geplante Chronologie, die in meinem Kalender stand, wurde jäh unterbrochen. Dafür habe ich erlebt, dass auch eine OP ein Kairos sein kann: Für eine gewisse Zeit aus dem Spiel genommen zu sein, heißt: Die Karten werden neu gemischt. Wichtig sich Gebärdendes wird relativ. Dafür rückt anderes in den Vordergrund: Gebet, Glaube, Gottvertrauen. In dieser Zeit habe ich auch erlebt, was Anteilnahme und Begleitung bedeuten. Ich danke allen, die sich aufmerksam gezeigt haben – nicht nur in meiner Krankheit, sondern auch zu meinem 65. Geburtstag und anlässlich meines 40. Priesterjubiläums.
Wer den Kairos nützt, wird von der Zeit nicht gefressen; sie wird verwandelt vom Glanz der Ewigkeit, wie es die Theologen des Mittelalters gern betonten: Wir wollen die Ereignisse anschauen „sub specie aeternitatis“, im Hinblick auf die Ewigkeit. So lassen sich auch die Worte von Hugo von St. Viktor verstehen: „Die Zukunft hat viele Namen: Für den Schwachen ist sie das Unsichtbare, für den Furchtsamen das Unbekannte, für den Mutigen die Gelegenheit.“
Je mehr wir uns zerstreuen, je weniger wir uns konzentrieren, umso schneller verfliegt die Zeit. Je intensiver wir aber leben, desto wacher packen wir die richtige Gelegenheit, die Gnadenstunde, beim Schopf. Doch je unentschlossener wir sind, umso mehr Zeit verlieren wir. Umgekehrt: Je entschlossener wir sind, desto mehr Zeit gewinnen wir. Wenn die Sache gut ausgeht, haben wir eine Gelegenheit genützt, im anderen Fall zumindest Erfahrung gesammelt, die einfließt in die Chronologie. Die Jesuiten nennen das „geistliches Experiment“.
Das hat Jesus uns vorgelebt. Gott hat sich Zeit gelassen: Jahrhunderte hat er durch die Propheten gesprochen, das lesen wir in den Büchern der Chronik des Alten Testaments. Als der Kairos gekommen war, hat er sich selbst eingelassen in den Lauf der Zeit. Im Menschen Jesus hat sich der ewig-zeitlose Gott zu unserem Zeit-Genossen gemacht. Pendler zwischen Galiläa und Judäa: das war der kleine Raum des Jesus von Nazareth. 33 Jahre Lebenszeit: das war die kleine Spanne, die Jesus als Mensch mit uns teilte. Doch sein Leben lässt sich nicht an der Quantität der Jahre messen, sondern an der Qualität der Zeit. Jesus war ganz da, ganz präsent, und in der Chronik unseres Lebens ist er zu allen Zeiten dabei: Immanuel, Gott ist mit uns. So wünsche ich uns, dass wir auch in der Chronik des Neuen Jahres immer wieder Augenblicke erleben, die Gnadenstunden sind:
Geistliches Leben: Da ist ein kurzes stilles Verweilen vor dem Allerheiligsten vielleicht intensiver als Rosenkranz, Vesper und Andacht zusammen.
Gemeinschaft: Da hat eine halbe Stunde ehrliches Gespräch mehr Wert als fünf Stunden gemeinsames Fernsehen.
Gastfreundschaft: Da hat das Zusammensein mit wenigen mehr Atmosphäre als der „Tag der offenen Tür“ für alle, die sich einmal bei uns umschauen wollen.
In einer Zeit, in der viele darauf aus sind, dem Leben mehr Jahre zu geben, wünsche ich Ihnen, den Jahren mehr Leben zu geben. Wie heißt es so schön im Psalm 90: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig. Rasch geht es vorbei. Wir fliegen dahin. Unsere Tage zu zählen, lehre uns, o Herr.“ Jahreswechsel: ein neuer Anfang, der bedeutet: Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens. Wie wir jeden Abend den Tag in Gottes gute Hände zurücklegen, so dürfen wir das alte Jahr bei Gott abgeben und im Blick auf das neue beten: „Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.“