„Schulter an Schulter“
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrter Herr Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg, sehr geehrter Herr Regionalbischof Prieto Peral, sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben, sehr geehrte Damen und Herren, das Leitwort, unter dem die diesjährige Aktionswoche für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit steht, ist einer Vision des Propheten Zefania entnommen. In ihr lässt er den EWIGEN selbst sprechen und sein machtvolles Wirken am Ende der Zeiten verkünden. Auf das Gottesgericht folgt, wie es die Einheitsübersetzung von 2016 benennt, die „Läuterung der Völker und weltweite Verehrung des Herrn“.
Ich möchte Ihnen den entscheidenden Vers in der Übersetzung von Buber-Rosenzweig vortragen: „Dann aber wandle den Völkern ich an eine geläuterte Lippe, - dass sie alle ausrufen SEINEN Namen, mit geeinter Schulter ihm dienen.“
Schulter an Schulter leben und arbeiten, das ist, so fürchte ich, inzwischen weniger Realität denn vielmehr als sprachliche Metapher gebräuchlich. Dennoch vermittelt das Bild des Schulterschlusses zugunsten eines gemeinsamen Zieles bis heute Aufbruchsstimmung und löst positive Gefühle aus. Sie allerdings haben wir in diesen Zeiten, die geopolitisch und gesellschaftlich schwierig geworden sind, auch bitter nötig. Daher ist es wichtig, dass wir als einzelne und als Religionsgemeinschaften, als Geschwister im Glauben, stärker zusammenrücken und uns unserer gemeinsamen Zielrichtung, nämlich dem Hören und Befolgen von Gottes Wort, vergewissern.
Wo Vielfalt und Vielstimmigkeit oft diskreditiert werden und man Autorität zunehmend mit brachialer Gewalt statt mit Weitblick und Gemeinwohl verbindet, braucht es Menschen, die etwas schultern können, und Institutionen, die Halt und Orientierung geben. Deshalb bin ich sehr dankbar für das 2024 erschienene „Studienbuch zur Rolle des Judentums in christlicher Theologie“, das – nomen est omen - den Obertitel trägt „Schulter an Schulter“. Die zahlreichen Beitragenden, die aus unterschiedlichen theologischen Disziplinen stammen, wollen nicht nur Basiswissen über das Judentum und das Jüdische im Christentum vermitteln, sondern stellen sich auch – Zitat – „theologischen und fundamentalhermeneutischen Grundfragen zum Verhältnis von Kirche und Judentum.“[1] Sie formulieren als Ziel genau das, was auch in diesem Jahr christlich-jüdischer Zusammenarbeit im Fokus steht, nämlich „ein Bewusstsein zu schaffen, damit Judentum und Christentum künftig gemeinsam, Seite an Seite, Schulter an Schulter (Zef 3,9) lernen und leben und Gott dienen können.“[2]
Im vergangenen Jahr haben wir in der katholischen Kirche des vor 60 Jahren veröffentlichten Konzilsdokuments Nostra aetate gedacht. Es leitete einen Paradigmenwechsel im Umgang mit allen Religionen ein, vor allem aber brachte es die längst überfällige Neuausrichtung katholischer Theologie und christlichen Selbstverständnisses im Blick auf das Judentum. Seitdem haben sich sowohl die Päpste – zuletzt Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium (2013), in der er der christlichen Judenmission eine klare Absage erteilte[3], - als auch zahlreiche Bischofskonferenzen weltweit und besonders hierzulande[4], und schließlich zahlreiche Katholikinnen und Katholiken tatkräftig für eine geschwisterliche Annäherung eingesetzt, die vor allem die Lebenspraxis und das gesellschaftliche Miteinander im Blick hatte.
Auch wenn seit einigen Jahren bei vielen solcher Iniitativen ein deutlich erkennbarer Generationenwechsel und eine gewisse Schrumpfung des Wirkungskreises zu beobachten ist, wünsche ich gerade Ihnen, den Mitgliedern der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dass es Ihnen gelingt, junge Menschen, die immer besser als ihr Ruf sind, zu gewinnen, sich für Verständigung und eben den Schulterschluss im Einsatz für den sozialen und religiösen Frieden einzusetzen. Vergessen Sie dabei bitte nicht die jungen Frauen! Ich beobachte nämlich mit Sorge, dass wir gesamtgesellschaftlich wieder mehr in Richtung Patriarchat tendieren. Das ist wohl nicht nur eine Folge der klaren demographischen Entwicklung hin zur Einwanderungsgesellschaft, sondern über alle ideologischen Grenzen hinweg auch eine Frucht des weltweiten Reaktionismus, der nicht zuletzt mit der Corona-Pandemie einen neuen Aufschwung erfuhr.
Umso wichtiger ist es, dass Juden und Christen, ja alle Menschen guten Willens „Schulter an Schulter miteinander“ zusammenstehen und durch ihren glaubwürdigen Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit auch alle diejenigen stärken, die selbst zu den Benachteiligten in unserem Land gehören. Nicht zuletzt möchte ich mir die Aussage des orthodoxen Rabbiners Julian-Chaim Soussan zu eigen machen, der erst vor wenigen Monaten im Gespräch mit meinem bischöflichen Mitbruder Ulrich Neymeyr von Erfurt zur Haltung Deutschlands zum Israel-Palästina-Konflikt bemerkte: „Der Ansatz muss sein: ‚Weil wir – also die Deutschen - die Schoah verursacht haben, lernen wir aus diesen Fehlern und sind besonders vorsichtig, sensibel, erkundigen uns noch mehr und sind empathischer. Nicht aus Schuld, sondern aus der Verantwortung.‘“[5]
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, wo auch immer Sie wirken, für Ihr Engagement des Friedens und des Miteinanders gutes Gelingen und den Segen des Ewigen Gottes!
[1] Christian Frevel/René W. Dausner - unter: Schulter an Schulter
[2] Ebd.
[3] Vgl. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 247: „Als Christen können wir das Judentum nicht als eine fremde Religion ansehen, noch rechnen wir die Juden zu denen, die berufen sind, sich von den Götzen abzuwenden und sich zum wahren Gott zu bekehren (vgl. 1 Thess 1,9). Wir glauben gemeinsam mit ihnen an den einen Gott, der in der Geschichte handelt, und nehmen mit ihnen das gemeinsame offenbarte Wort an.“
[4] Erinnert sei an die jüngste Erklärung der deutschen Bischöfe zum Gazakrieg vom 25. September 2025: Die Gewalt muss sofort enden! Friede für Israel und Palästina!
[5] Zitiert nach Warum ein orthodoxer Jude keine Kirche betreten darf - katholisch.de (aufgerufen am 17.12.2025)