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Predigt im Hohen Dom zu Augsburg
am Ostersonntag, 5. April 2026

„Sie ermöglicht das amtliche Apostolat“

05.04.2026 10:15

Vor ein paar Jahren war ich mit Ständigen Diakonen im Heiligen Land. Obwohl ich schon öfter mit diesem sog. „Fünften Evangelium“ in Berührung kam, gab es auch auf dieser Reise für mich noch Neuland zu entdecken: die Ausgra­bungen bei Magdala, dem Ort am See Gennesaret, aus dem eine biblische Maria stammte.

Fast beiläufig wird sie erwähnt unter denen, die Jesus „von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf“, also ständig, begleitet haben. Neben Johanna, Susanna und anderen fällt auch der Name Maria Magdalena (vgl. Lk 8,1-3). Wer war diese Frau? Was hat sie uns zu sagen?

Wer die biblische Maria Magdalena mit dem Bild vergleicht, das die Geschichte aus ihr gemacht hat, muss zornig werden. Da fallen Einem üppige Gemälde ein: die Sünderin mit aufgelöstem Haar, wie sie die Hände ringt und weint über ihr bisheriges Leben; oder wie sie beim Gastmahl im Haus des Pharisäers mit ihren Tränen Jesus die Füße wäscht, und der Gastgeber, peinlich berührt, schaut sich das alles an und denkt bei sich: „Wenn der bloß wüsste, was das für eine ist... Diese Frau hat Geschichte...“ Jedenfalls ist Maria Magdalena bis heute die „große Sünderin“ geblieben. Von solchen überlieferten, gepredigten und gemalten Magdalenenbildern sollten wir Abstand nehmen. Sie sind bibelwissenschaftlich nicht haltbar und samt und sonders spätere Verwechs­lungen mit anderen Personen. Was wir wirklich wissen von dieser Frau, ist Folgendes:

Maria zählte zu Jesu engerem Jüngerkreis. Sieben Dämonen hatte er aus ihr ausgetrieben. Wie immer wir diese Heilung verstehen wollen, jedenfalls haben wir uns eine schwer leidende Frau vorzustellen, die selbst nicht in der Lage war, sich von ihren seelischen Zwängen zu befreien. Auf die Frage, was sie Jesus verdankt, konnte sie nur antworten: alles. Und so ging sie für diesen einen, der für sie alles war, durch dick und dünn. So ist es kein Wunder, dass Maria Magdalena „ihrem Jesus“ auf Schritt und Tritt gefolgt ist: selbst unter das Kreuz und bei der Grablegung. Am Ostertag kommt ihr eine Hauptrolle zu, wie der Evangelist Johannes zu berichten weiß: „Maria ... stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.“ (Joh 20,11)

Frauen dürfen weinen, ein Mann weint doch nicht! Das sagen wir so dahin und haben es vielleicht schon als Kinder zur Genüge gesagt bekommen: Ein Junge beißt die Zähne zusammen, ein Mädchen darf ruhig Schwäche zeigen. Maria Magdalena weint - die Jünger weinen nicht. Sie sind gar nicht da: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“ (Mt 26,56). Wie immer man die Botschaft der Evangelien auch drehen und wenden mag, daran lässt sich nicht deuteln: In der entscheidenden Stunde glänzen die „starken Männer“ durch Abwesenheit. Die Frauen jedoch sind da.

Johannes verschweigt es nicht: Maria Magdalena weint. Viermal steht es im Text. Tränen sind das Grundwasser der Seele. Sie kommen aus der Tiefe, übrigens auch bei großer Freude. Denn wir weinen nicht nur in Zeiten der Trauer, es gibt auch die Freudentränen. Ob die, die das Weinen verlernt haben, sich noch richtig freuen können? Hoffentlich sind sie nicht vertrocknet.

„Frau, warum weinst du?“, fragen die Engel (Joh 20,13). Tränen berühren nicht nur den Grund der Seele, sie selbst haben ihren Grund: Maria hat Jesus verloren, und nun ist auch noch der Leichnam verschwunden. Als sie am Morgen zum Grab aufbricht, ist ihr wohl klar, dass das Grab sie nicht trösten wird. Denn kein Grab tröstet.

Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, wie einschneidend und endgültig der Tod ist. Jesus, der zum Inhalt ihres Lebens geworden war, ist nicht mehr da. So ist das Grab, zu dem sie sich aufmacht, ein Bild für sie selber, für alles, was in ihr am Karfreitag mitgestorben ist.

In Maria Magdalena steht vor uns ein Mensch, der seiner Liebe beraubt ist; eine Frau, die nicht mehr weiter weiß. Jesus war ihr ein und alles, für ihn hat sie gelebt. Damit soll es nun aus sein. Das geht an die Substanz. Das ist zum Heulen.

Sind uns schon einmal die Tränen gekommen, weil wir Jesus verloren haben? Wie tief reicht unser Glaube wirklich? Erreicht er das Grundwasser unserer Existenz? Jesus verlieren - da wird mancher denken: Mir liegt diese Vorstellung fern. Und dann muss er es bei seinen eigenen Kindern schmerzvoll erleben. Das kann einem das Herz zerreißen.

Maria Magdalena ist eine Suchende. Sie sucht Jesus im Grab, bei den Toten, in der Vergangenheit. Aber dort ist er nicht zu finden. Wenn jemand ganz am Ende ist, todtraurig mit Tränen in den Augen, dann blickt er schließlich nicht mehr durch. So ist es Maria ergangen. Die Tränen versperren ihr den Blick. Sie ist so nach rückwärts gewandt, dass sie nicht wahrnimmt, wie Jesus lebendig vor ihr steht. Keiner findet Jesus, wenn er sich nicht von ihm finden lässt.

„Maria!“, sagt Jesus (Joh 20,16): ein einziges Wort, das von Herzen kommt und zu Herzen geht. Das ist alles. Dieses Wort soll genügen. Keine Belehrung, keine feierliche Erklärung in Sachen Auferstehung, keine dogmatische Definition über Ostern, sondern ganz einfach: „Maria!“ - „Ich rufe dich beim Namen.“ Da gehen ihr die Augen auf. Sie ist gefunden von dem, den sie verloren glaubte und suchte. Land ist in Sicht. Ihr Leben hat Zukunft.

„Meister“, antwortet sie. Hier hat sogar das hebräische Original ins griechische Evangelium Eingang gefunden: „Rabbuni!“ (vgl. Joh 20,16). Ein Wort, das eine Beziehung umschreibt, die zwischen Freundschaft und Respekt, zwischen Innigkeit und Achtung, zwischen Nähe und Ferne liegt und kaum zu übersetzen ist. Jedenfalls berühren wir hier den Anfang des Osterglaubens, der auf einer Begegnung gründet: im Wort und in der Antwort der Liebe, namentlich.

Übrigens wird zweimal erwähnt, dass Maria sich umdreht. Das ist kein Zufall. Die Begegnung mit dem Auferstandenen bedeutet eine Wende vom Tod zum Leben. Rückwärts gewandt, sucht sie den Leichnam. Und sie findet den Auferstandenen, vor sich stehend. Für sie dreht sich nun alles um. Maria gerät außer sich:

  • heraus aus der blinden Suche nach dem Verlorenen;
  • heraus aus der Fixierung auf das Grab;
  • heraus aus der lähmenden Herrschaft des Todes;
  • heraus aus der verstellten Vergangenheit und hinein in eine offene Zukunft.

Ein solches Geschehen, Auferstehung, ist wirklich nicht zu fassen. Der Auferstandene selbst ist nicht zu fassen: „Halte mich nicht fest“ (Joh 20,17). Es geht nicht einfach so weiter wie zuvor. Neues hat sich ereignet. Kaum zu glauben, geschweige denn zu begreifen. Man kann sich davon nur ergreifen lassen - wie in der Liebe.

Es ist tröstlich, dass Maria Magdalena mit ihren Sehnsüchten und Wünschen uns so nahesteht. Auch wir möchten vom Glauben gern etwas in Händen haben, zum Vorzeigen für andere oder wenigstens zur eigenen Verge­wisserung. Aber Jesus lässt sich von uns Menschen nicht einfach festhalten. Er ist nicht zu „haben“, auch nicht für Zwecke der Demonstration. Es gibt über Jesus kein Verfügungsrecht. Es ist wie bei Menschen, die einander gern haben. Liebe ist nicht zu „haben“. Genauso wenig können wir den Auferstehungs­glauben „haben“.

Letztlich ist Ostern unsagbar. Wohl aber dürfen wir versuchen, ringsum Osterspuren zu lesen. „Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung“, heißt es in einem modernen Lied. So ist auch die Aussage zu verstehen, die Maria Magdalena gegenüber den Aposteln macht: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18). Das sind die Worte der ersten Osterzeugin. Deshalb haben sie die Kirchenväter „Apostola apostolorum“ genannt. Sie brachte nichts mit, was sie greifbar vorzeigen konnte, aber sie trug in ihrem Herzen die Begegnung mit dem Auferstandenen, die ihr die Gewissheit schenkte: Jesus lebt! Denn er hat mich bei meinem Namen gerufen. Jesus hat einen Plan mit mir. Und ich möchte anderen bei der Entdeckung helfen, dass er einen Plan auch mit ihnen hat.

Apostola apostolorum: Apostelin der Apostel. Ist das nur ein Ehrentitel, eine schöne Umschreibung für einen „zahnlosen Tiger“? Das fragen nicht nur Frauen. Schauen wir in die Apostelgeschichte: Nachdem Judas seine Berufung zum Apostel verspielt und sich das Leben genommen hat, muss die Stelle neu besetzt werden. Als Kriterien für die Nachwahl legt Petrus für die 120köpfige Versammlung fest, „dass es einer von den Männern sein muss, die mit uns die ganze Zeit zusammenwaren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und ausging (…) bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde. Einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein“ (Apg 1,21f.). Eigentlich erfüllt Maria Magdalena das Kriterium, Ohren- und Augenzeugin von Jesu Wirken zu sein. Sie wäre eine Kandidatin gewesen, um als Frau den Zwölferkreis zu komplettieren, aber sie wurde nicht in Erwägung gezogen. Sie hätte amtliche Apostelin sein können, aber nach biblischem Befund wurde sie es nicht. Eine Begründung dafür bleibt die Apostelgeschichte allerdings schuldig. Dass Maria Magdalena bei der Wahl nicht in Betracht gezogen wurde, ist keine Schande, ich sehe darin auch keine Diskriminierung. Denn ihr Apostolat ist mindestens so wichtig wie das Apostelamt der Zwölf. Durch ihr Apostolat hat sie den versammelten elf Aposteln das Evangelium von der Auferstehung Jesu bezeugt und die Grundlage für deren Osterglauben gelegt. Kurz: Maria Magdalena ermöglicht das amtliche Apostolat und hilft, es zur Entfaltung zu bringen. Magdalenas Apostolat geht dem amtlichen Apostolat voraus und begründet es. Damit ist sie die Basis für die Mission der Apostel. Nicht auszudenken, wenn es Magdalena nicht gegeben hätte!

Mit dieser Lebensbotschaft hat die „Apostelin der Apostel“ auch heute Rederecht. Wer darum weiß, dass sein Leben nicht planlos verläuft, sondern einem Ziel zustrebt, der weint keine bitteren Tränen mehr, sondern Freudentränen. Wer Gottes Plan aufgreift und ihm folgt, hat einen treuen Weggefährten - überall und jederzeit.