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Predigt von Bischof Bertram zur 100. Männer- und Soldatenwallfahrt nach Scheppach

„Meinen Frieden gebe ich euch“

17.05.2026 10:00

Lieber Herr Pfarrer Wespel, lieber Herr Hildensperger, liebe Mitglieder des Wallfahrtsvereins Allerheiligen, liebe Schwestern und Brüder, im Jahr 2015 wurde ich erstmals – damals noch als Bischofsvikar – eingeladen, bei Ihrer Wallfahrtsmesse zu predigen. Elf Jahre später bin ich erneut bei Ihnen hier auf dem „heiligen Berg“ Schwabens, in dieser geschichtsträchtigen Wallfahrtskirche, damit wir gemeinsam Gott für 100 Jahre Männerverein danken – ein ganzes Jahrhundert im Dienst des Friedens. 

Wir blicken dankbar auf die geleistete Arbeit zurück, und wir beten für alle, die zum Leben und Wirken des Vereins beigetragen haben. Auch wenn hundert Jahre vergangen sind, ist Ihre Botschaft keineswegs veraltet: der Wert des Friedens, der im Herzen der Botschaft des Evangeliums steht. Ein Blick auf die internationalen Nachrichten zeigt, dass kaum etwas heute aktueller ist. In den letzten Jahren habe ich als Vorsitzender der Kommission der Deutschen Bischofskonferenz für die Weltkirche Orte besucht, an denen der Krieg seine schrecklichen Spuren hinterlassen hat: Nigeria, Syrien oder Sarajevo in Bosnien-Herzegowina. Manche Bilder und Geschichten, die mir erzählt wurden, kann ich nicht vergessen. Immer stärker empfinde ich die friedensethische Verantwortung, die aus unserem christlichen Glauben erwächst.

Wie aber versteht das Evangelium den Frieden? Die heutigen Lesungen geben uns viele Impulse, doch möchte ich mich auf drei zentrale Gedanken konzentrieren.

(1) Erstens überrascht der Friede Christi, weil er die üblichen Erwartungen umkehrt, die mit dem Ende eines Krieges verbunden sind. Er kennt keine Besiegten, sondern nur Sieger: Sieger sollen alle Menschen sein. Alle sind eingeladen, gleichermaßen an seinen Gütern teilzuhaben. Der Friede Christi verändert unser Verständnis von Macht. Gott will keine verängstigten Unter­tanen. Er kommt nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern um den Menschen zu dienen. Der Friede Christi schenkt Sicherheit und Vertrauen; er gründet auf einer grenzenlosen Liebe. Er legt kein Joch auf, sondern befreit die Menschen von ihren Lasten. Er dient dem Menschen, indem er die Schwachen dieser Welt in den Mittelpunkt rückt und ihre Wunden heilt. „Als Heiliger wohne ich in der Höhe, aber ich bin auch bei dem Zerschlagenen und dem im Geist Niedrigen, um den Geist der Niedrigen wieder aufleben zu lassen und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben.“, haben wir bei Jesaia gelesen (Jes 57,15). Der christliche Glaube daran, dass Gott Mensch wird – dass er also kommt, um einer von uns zu werden, damit der Tod besiegt wird –, verleiht den Worten des Propheten eine noch radikalere Bedeutung.

(2) Der zweite Gedanke, den ich mit Ihnen teilen möchte, lautet: Frieden ist nicht einfach ein Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Er entwickelt sich. Er vertieft sich. Er entsteht nicht automatisch. Frieden ist ein Weg – keineswegs leicht und sicherlich nicht geradlinig oder frei von Rückschlägen. Wenn schon die Beendigung eines Krieges schwierig ist, dann fordert uns die Bewahrung des Friedens noch mehr heraus. Ihr Verein hat die Dankbarkeit gegenüber Gott für die vielen Jahrzehnte des Friedens, die der europäische Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg erleben durfte, in den Mittelpunkt seiner Botschaft gestellt. Ja, letztlich ist Frieden ein Geschenk Gottes – ein kostbares Geschenk. Diese Dimension der Dankbarkeit ist wichtig, denn für viele erschien Frieden so selbstverständlich, dass sie ihn nicht mehr zu schätzen wussten. Noch vor wenigen Jahren klang es banal, von einem „zerbrechlichen Gut“ zu sprechen – oder zumindest wie etwas, das nur Menschen auf anderen, fernen Kontinenten betreffen sollte. Heute jedoch wachsen Unsicherheit und Angst, alte Befürch­tungen kehren zurück. Der Krieg ist nicht mehr nur ein ferner Albtraum der europäischen Vergangenheit.

Frieden wird mühsam und über lange Zeit aufgebaut, doch er kann leicht und schnell zerstört werden. Damit er Bestand hat, muss Vertrauen wachsen. Nicht nur zwischen Staaten, sondern auch in persönlichen Beziehungen sehen wir, dass eine einzige falsche Handlung, ein verletzendes Wort oder – in unserer Zeit – ein unbedachter Beitrag in den sozialen Medien ausreichen kann, um jahrzehntelange Beziehungen zu gefährden. Frieden kann es nicht geben ohne Kompromisse, ohne Respekt vor dem anderen und seiner Freiheit. Frieden braucht das, was man einen „langen Atem“ nennt; er ist nichts für Ungeduldige. Zugleich verlangt er Wachsamkeit. „Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt einander und vergebt einander“ (Kol 3,12-13), so ermutigt uns der Kolosserbrief.

(3) Ein dritter Gedanke: Wenn wir vom Frieden sprechen, reden wir nicht nur vom Frieden selbst, sondern von einem ganzen Geflecht von Tugenden, die ihn tragen und Voraussetzungen für seine Vertiefung sind. Wenn wir für den Frieden kämpfen, kämpfen wir für die Verbreitung einer Haltung, die weit über die bloße Vermeidung von Konflikten hinausgeht. Diese Haltung wirkt vor allem positiv: Sie trägt zur Festigung sozialer Gerechtigkeit und zum allge­meinen Wohl der Gesellschaft bei. Kann es Frieden ohne Gerechtigkeit geben? Wo Ungerechtigkeit herrscht, wird früher oder später Gewalt entstehen. Kann es Frieden ohne wenigstens ein Mindestmaß an Wohlstand geben? Wo das Nötigste zum Überleben fehlt, wachsen Angst und Unsicherheit, und viele werden versuchen, diese Unsicherheit auszunutzen, indem sie Hass gegen den jeweils Anderen säen und ihn zum Sündenbock für die Probleme einer Gesellschaft machen. Kann es Frieden geben ohne Toleranz, Respekt vor dem Anderen, Güte, Solidarität und Liebe? Rassismus, die Verachtung von Andersartigkeit und die Rhetorik der Gleichförmigkeit stärken nicht den Zusammenhalt einer Gesellschaft, sondern bedrohen ihre Grundlagen.

Wehe denen, die sich auf die Religion berufen, um Hass und Krieg zu rechtfertigen. Kriege im Namen der Religionen sind Kriege gegen die Religionen. Nur pervertierte Formen von Religiosität können Gott anrufen, um den Tod zu rechtfertigen. Gott bringt Leben! „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14,27), sagt Christus. Frieden zwischen den Menschen kann es auch nicht geben, wenn die Menschen die Schöpfung nicht achten. Die Ausbeutung und Verschmutzung des Planeten steht in Zusammenhang mit sozialer Ungerechtigkeit und vertieft diese – etwas, das wir angesichts des heutigen technologischen Fortschritts immer deutlicher sehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie unternehmen Ihre Wallfahrt im Monat Mai, kurz nach dem Muttertag. Bilder von Müttern – und allgemein von Eltern –, die um ihre Kinder im Krieg bangen oder Kinder im Krieg verloren haben, überschwemmen erneut unsere Bildschirme: die Ukraine, der Nahe Osten und der Iran sind nur drei Orte, an denen das Weinen zu hören ist und der Schrecken herrscht. Wie lange noch? Mit Ihrer jährlichen Wallfahrt geben Sie – mit Beständigkeit, mit Liebe zu Bayern und Treue zum Evangelium – ein Zeugnis des Friedens. Wir brauchen es! Vor wenigen Tagen jährte sich die Wahl unseres Papstes Leo XIV., der sich bereits als furchtloser Verkünder des Friedens erwiesen hat. Seine ersten Worte auf dem Petersplatz lauteten: „Der Friede des auferstandenen Christus sei mit euch allen.“ Das wünsche ich auch Ihnen. Möge Christus, durch die Fürbitte seiner Mutter Maria, Sie in Ihrem wertvollen Werk stärken und beschützen, und möge er unserer Welt Frieden und Ruhe schenken.

 

Lesungstexte: Jes 57,15-19; Kol 3,12-15; Joh 14,23-29