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Predigt von Bischof Bertram beim weltkirchlichen Gottesdienst auf dem 104. Katholikentag

Jesus identifiziert sich mit den Leidenden

16.05.2026 17:00

„Ich weiß, dass ich auf dieser Reise noch nicht alles gelernt habe. Aber eines weiß ich jetzt: Planet Erde, ihr seid eine Crew!“ – Mit diesen Worten, liebe Schwestern und Brüder, wandte sich die US-amerikanische Astronautin Christina Koch kurz nach ihrer Rückkehr aus dem All vor wenigen Wochen an die Menschheit. Was mich daran besonders bewegt: Sie stellt nicht den überragenden Erfolg der Artemis-Mission in den Vordergrund. Nein, aus­gehend von ihren Erlebnissen im All teilt sie die Erfahrung, was es bedeutet, Erdbewohner zu sein, und wie sehr wir als Menschen aufeinander angewiesen sind. Nicht Überheblichkeit nach einer außergewöhnlichen Weltraummission zeichnen die Worte der Astronautin aus, sondern Demut angesichts der Zerbrechlichkeit des Lebens.

Für mich bietet dieser Gedanke einen Zugang zu dem Evangelium, das wir soeben gehört haben. Es beginnt in schwindelerregender Höhe. Da ist vom „Menschensohn“ die Rede, der sich „auf den Thron seiner Herrlichkeit setzt“ und wie ein Hirt „die Schafe von den Böcken scheidet“. Als König wendet er sich sodann denen zu seiner Rechten zu, indem er ihnen sagt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist“ (Mt 25,31f.). Mit wem spricht der König? Um wen handelt es sich bei den Erben des Reiches? Nach den Maßstäben der Welt müsste man hier an jene denken, die Großes geleistet haben, die sich sichtbar verdient gemacht haben, die politische Verantwortung übernommen und außergewöhnliche Leistungen vollbracht haben – zum Beispiel in Form einer Mondmission. Oder – etwas zeitgenössischer gedacht – an jene, die viele „Follower“ haben und Beruf, Familie und Alltag perfekt unter einen Hut zu bringen wissen.

Doch all das scheint für das Evangelium nicht maßgeblich zu sein. Stattdessen zählt der König Verdienste auf, die ganz anderer Art sind: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,35f.). Es geht um die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse. Nicht politischer Erfolg, außerge­wöhnliche Leistungen oder öffentliche Aufmerksamkeit sind für den König entscheidend, sondern die Zuwendung zu denen, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.

Verständlicherweise folgt auf die irritierenden Antworten des Königs unmittel­bar die Rückfrage der „Gerechten“. Diese können sich nicht erinnern, ihm je in einer solchen Lage begegnet zu sein – geschweige denn ihm geholfen zu haben: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben?“ (Mt 25,37). Woraufhin der König antwortet: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Diejenigen, denen diese Taten galten – die Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen – stehen dem König in einer Weise nahe, die alle Erwartungen übersteigt: Er selbst identifiziert sich mit ihnen. „Denn ich war hungrig (…), ich war durstig …“ (Mt 25,35). So macht Jesus mit diesem Gleichnis wie durch ein Brennglas sichtbar, was das Bekenntnis zu ihm in seinem innersten Wesen bedeutet, nämlich das „Finden Christi in den letzten Menschen“ (Joseph Ratzinger). Der Gekreuzigte solidarisiert sich nicht nur mit den leidenden Schwestern und Brüdern – er identifiziert sich mit ihnen. Er geht so weit, sich mit den „Geringsten“ gleichzusetzen. Durch seinen Tod am Kreuz ist Jesus selbst der Geringste geworden.

Die Gerichtsrede Jesu fordert uns zu einem radikalen Umdenken heraus. Dabei geht es nicht um ein fernes „Irgendwann“. Gerade weil der König seinen Blick auf das bereits gelebte Leben richtet, ruft uns das Gleichnis dazu auf, im Hier und Jetzt zu handeln. Entscheidend ist, die Welt aus der Perspektive der Geringsten zu betrachten – ja, aus der Sicht der vermeintlich Letzten. Es fordert uns auf, den Blick jener einzunehmen, die am Rand der Gesellschaft stehen: der Menschen auf den Müllhalden dieser Welt, Menschen, die in den Kriegsgebieten – in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten, im Sudan und im Kongo – ums Überleben kämpfen, Menschen, deren Lebensgrundlagen zerstört sind, aber auch solche in unserer unmittelbaren Umgebung. Wenn wir in ihnen Christus erkennen, dann sind wir als Christen verpflichtet, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Nicht von oben herab, so schön der Blick von dort manchmal auch erscheinen mag. Denn aus der Distanz sind die Schrecken dieser Welt oft nicht sichtbar. Der christliche Glaube verlangt den Blick von unten – den Blick aus der Perspektive der Leidenden. Das ist kein Randaspekt des Evangeliums, sondern sein Kern. Wenn Jesus an anderer Stelle im Evangelium den blinden Bartimäus fragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“ (Mk 10,51), dann zeigt sich darin genau dieses Prinzip. Sich an den Geringsten auszurichten und von ihrer Wirklichkeit her zu handeln ist auch das Programm weltkirchlicher Solidarität. In Ihrer aller Arbeit mit unseren Partnerinnen und Partnern sollen und dürfen Sie in den verschiedenen weltkirchlichen Diensten und darüber hinaus genau das leisten: die Perspektive der Geringsten einzu­nehmen und danach zu handeln.

Diese Form solidarischen Handelns heißt aber nicht nur, die Symptome der Krisen in den Blick zu nehmen, sondern ebenso die Ursachen. Für Papst Franziskus gehörten der Schrei der Erde und der Schrei der Armen untrennbar zusammen. Für ihn bildeten die soziale und die ökologische Krise zwei Seiten derselben Wirklichkeit: „Ein wirklich ökologischer Ansatz [verwandelt] sich immer in einen sozialen Ansatz (…), der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (Laudato Sì, Nr. 49). Und weiter: „Wenn man schon in der eigenen Wirklichkeit den Wert eines Armen, eines menschlichen Embryos, einer Person mit Behinderung – um nur einige Beispiele anzuführen – nicht erkennt, wird man schwerlich die Schreie der Natur selbst hören. Alles ist miteinander verbunden“ (Ebd., Nr. 95).

Jede und jeder einzelne von uns ist gemeint, liebe Schwestern und Brüder, weil wir alle mitverantwortlich sind – mit unserem Hin- oder Wegsehen, unserem Handeln und Nicht-Handeln, unserer Lebensweise und unserem Konsum. In der Fastenzeit verzichten wir klassischerweise auf Süßigkeiten oder Alkohol, um eines größeren Glücks willen. Wenn nun andere wegen unseres Ressour­cenverbrauchs und wegen des Klimawandels in Not geraten, wieviel größer müsste dann unsere Motivation sein, auf etwas zu verzichten, um ihnen beizustehen. Wir alle sind gefordert, in diesem Sinne unser Leben auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen, ob wir Jesu Anspruch gerecht werden.

Vergessen wir nicht, dass wir – wie es die Astronautin Christina Koch treffend formulierte – „eine Crew“ sind. Gerade in einer Zeit, in der Solidarität allzu oft vernachlässigt oder geringgeachtet wird, braucht es unsere Stimme als Christinnen und Christen umso mehr. Es braucht eine Perspektive, die den Blick Christi einnimmt: eine Sicht, die über das Eigene hinausgeht und die Welt als gemeinsames Haus erkennt. Diese Haltung verlangt von uns, einander mit Respekt, Fürsorge und gelebter Solidarität zu begegnen. Wenn wir dies in unserem eigenen Leben annehmen und verwirklichen, dann gilt auch uns das Wort des Herrn: „Empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist!“ (Mt 25,34)

Lesungstexte: Röm 8,19-22; Mt 25,31-40