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Predigt von Bischof Bertram zum 300-jährigen Jubiläum der Pfarrkirche St. Kilian in Bad Heilbrunn

In einer Zeit der Transformation der Wahrheit verpflichtet

12.07.2026 09:30

Lieber Pater Clemens, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen Herrn, nun ist er da, der Tag auf den Sie sich seit Monaten mit Freude vorbereitet haben und ich bin überzeugt, der hl. Kilian, zu dessen Ehren wir diesen festlichen Gottesdienst feiern, freut sich mit uns!

Es ist gut und wichtig, dass wir an diesem Sonntagmorgen innehalten, um auf die Erbauungszeit der Kirche vor 300 Jahren (1726/27) zurückzuschauen, und zugleich den Blick weiten - hin zum Ursprung unserer christlichen Hoffnung, an den uns die Texte der Heiligen Schrift erinnern. Dabei ist es keine leichte Kost, die uns am Gedenktag des Kirchenpatrons geboten wird. So weist die Lesung aus dem Buch der Weisheit deutlich auf den Unterschied hin, wie Gott das Sprechen und Handeln eines gerechten Menschen beurteilt und wie es dessen Mitmenschen tun, vor allem wenn sie davon überzeugt sind, dass ihr Todesurteil völlig berechtigt ist!

Der ungenannte Verfasser dieses Bibeltextes – vermutlich ein Zeitgenosse Jesu aus dem ägyptischen Alexandria – erlebte selbst Krieg und Verfolgung, die Auseinandersetzung konkurrierender Mächte und Ideologien hautnah mit. Deshalb macht er sich keine Illusionen über die Zuverlässigkeit menschlicher Versprechungen und Bündnisse. Vielmehr setzt er ihnen einen starken Kontra-punkt aus dem Glauben an den Gott Israels entgegen.

Sub specie aeternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, erfährt dann auch der grausame Tod von Unschuldigen eine andere Bewertung: „In den Augen der Toren schienen sie gestorben, ihr Heimgang galt als Unglück, (…) sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit“ (Weish 3,1). Das ist alles andere als Fata-lismus. Hier bekennt sich ein gläubiger Mensch zu den Verheißungen seines Gottes und setzt damit bewusst ein Gegengewicht gegen die Mächtigen dieser Erde und das, was sie als ihre Geschichtsdeutung, ihr „Narrativ“ in die Welt setzen.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Auch wir erleben seit einigen Jahren, dass Leute, die als Repräsentanten und Volksvertreter gewählt wurden, ihre Kom-petenzen zunehmend überschreiten, per Dekret regieren statt mit dem Parlament, Kriege vom Zaun brechen, die sie kaum mehr beenden können und wollen, mit Menschenleben spielen wie mit Schachfiguren und sich dabei auch noch die Deutungshoheit über das Geschehene herausnehmen - unter Missbrauch des Wahrheitsbegriffs.

„Man weiß bald gar nicht mehr, was man glauben soll“, diesen Seufzer höre ich immer öfter von Menschen, die sich angesichts zahlreicher analoger und digitaler Informationskanäle überfordert fühlen und geneigt sind, sich entweder auf Familie und Freundeskreis zurückzuziehen, oder ihr Wissen zunehmend aus fragwürdigen, aber ansprechend aufgearbeiteten Quellen holen, weil sie demokratischen Strukturen gegenüber misstrauisch geworden sind.

Ja, unsere Welt ist sehr komplex geworden und sie befindet sich mitten in einer Transformation, von der wir das Ergebnis noch nicht absehen können. Doch es ist keine Lösung, der Sehnsucht nach Vereinfachung nachzugeben und uns unkritisch denen anzuschließen, die behaupten, alles besser zu machen, wenn man sie nur ließe. Als Menschen, die um ihre Verantwortung vor Gott wissen und seine Hilfe und Nähe im eigenen Leben immer wieder erfahren, dürfen wir das vor 2000 Jahren überlieferte Wort als an uns gerichtet hören: „Alle, die auf [Gott] vertrauen, werden die Wahrheit erkennen und die Treuen werden bei ihm bleiben in Liebe. Denn Gnade und Erbarmen werden seinen Heiligen zuteil und Rettung seinen Erwählten“ (Weish 3,9).

Lassen wir uns also nicht in die Hoffnungslosigkeit treiben, sondern suchen wir Gleichgesinnte und stärken wir uns gegenseitig. Ich hoffe, genau das konnten Sie in den Wochen der Vorbereitung auf das heutige Fest erleben, und ich möchte Sie ermuntern: Feiern Sie immer wieder Ihre Gemeinschaft in der Pfarrei, in Familie und in der Gemeinde! Denn wir brauchen gerade in einer Zeit der Verunsicherung den Rückhalt von vertrauten Menschen.

Der hl. Kilian und seine Gefährten aber wagten im Vertrauen auf Gott den Schritt ins Ungewisse. Sie verließen ihre irische Heimat, um die Botschaft Jesu auf den europäischen Kontinent zu bringen und sie taten dies sicher nicht aus Abenteuerlust oder Lebensmüdigkeit. Den Antrieb zu ihrer „Peregrinatio“ – wörtlich: dem Gang in die Fremde - bildete der Auftrag des Herrn im Evangelium sowie echte Menschenfreundlichkeit, dass doch möglichst viele von der Liebe des himmlischen Vaters und der Freiheit in Christus erfahren sollten.

Die Glaubensboten hatten Erfolg, stießen aber, wie wir wissen, auch auf erbitterten Widerstand, der ihnen schließlich das Leben kostete. Ob wir, ob ich ebenso zur Hingabe meines Lebens bereit wäre? Diese Frage lässt sich nie theoretisch oder im Vorhinein beantworten, aber es ist heilsam, dass wir als Christinnen und Christen ihr nicht völlig aus dem Weg gehen.

Im Blick auf das heutige Evangelium müssen wir nämlich ganz ehrlich einge-stehen: die Wehrufe aus dem Munde Jesu scheinen mehr auf unsere Situation gemünzt als die Seligpreisungen. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie wissen wir alle um die Zerbrechlichkeit unseres Lebens und die Älteren unter uns spüren es tagtäglich, wie sehr unser inneres Gleichgewicht auch vom körperlichen Wohlbefinden abhängig ist.

Daher lade ich Sie ein, sich in den kommenden Tagen einmal die Zeit zu nehmen, um auf ihr eigenes Leben zurückzuschauen, so wie wir jetzt im Gottesdienst in dieser prächtig renovierten Barockkirche St. Kilian unser Herz in Dankbarkeit zu Gott erheben. Die Dankbarkeit ist - bildlich gesprochen - eine Schwester der Ehrfurcht und der Demut; Haltungen, die heute kaum mehr populär sind, aber für eine tragfähige Beziehung zu Gott und zum Mit-menschen unverzichtbar.

Lassen wir uns nicht erschüttern von dem Lärm unserer Zeit und nicht ängstigen von den Untergangsszenarien derer, die Profit aus der Verun-sicherung ihrer Mitmenschen schlagen. Wir haben unser Lebenshaus auf einen festen Grund gebaut, der da heißt: Jesus Christus. Suchen wir seine Nähe wie die Menschen im Lukasevangelium: „Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ (Lk 6,19). Christus dürfen auch wir rückhaltlos vertrauen.

 

Lesungen: Weish 3,1-9; Lk 6,17-23