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Predigt von Bischof Bertram zum Doppeljubiläum der Basilikamusik in St. Lorenz, Kempten

„CHOR: Christus - Hören - Offen sein - Rufen“

19.07.2026 10:30

Liebe Schwestern und Brüder, 200 Jahre Chor der Basilika sowie 40 Jahre Vokalensemble Kempten e. V. – das ist ein Grund sich zu freuen und dankbar zurückzublicken auf unzählige Gottesdienste, Konzerte und andere Momente, in denen die Schönheit der Musik mit der Kraft des Glaubens auf wunderbare Weise verbunden wurde. Darum bin ich heute gerne zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen dieses Jubiläum zu feiern und den hohen Wert herauszustellen, den das Singen und Musizieren in solchen Chorgemeinschaften hat - für das kirchliche und kulturelle Leben hier im Raum Kempten, aber auch ganz persönlich.

Die vorliegende Festschrift liefert hierzu einige gute Gedanken. Ein Wort stach mir dabei immer wieder ins Auge: „Chor“. Das sind nur vier kleine Buchstaben, die für leidenschaftliche Sängerinnen und Sänger jedoch viel bedeuten, weil sie damit Erinnerungen und Emotionen verbinden. Besonders deutlich wird das, wenn man die Geschichte der beiden Chöre liest, mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten. Am Ende sind es immer ein paar entscheidende Faktoren, auf die es ankommt, damit Kirchenchöre auch in Zukunft bestehen und neue Chormitglieder hinzugewinnen können. Vier davon möchte ich Ihnen heute mitgeben, und greife dazu noch einmal das Wort „Chor“ auf, indem ich es als Akronym verwende und jedem der vier Buchstaben (C-H-O-R) eine eigene Bedeutung zuschreibe.

1. „C“ wie Christus

Da wäre zunächst das „C“, das für uns Christen untrennbar mit dem Namen Christus verbunden ist. Diejenigen von Ihnen, die einmal Sternsinger waren, erinnern sich bestimmt daran, wie sie diesen Buchstaben an Haustüren geschrieben haben, und ich denke heute noch gerne zurück an die großartige, bundesweite Feier der Aktion Dreikönigssingen, die wir vor drei Jahren hier in Kempten gefeiert haben. Auch damals haben wir aus ganzem Herzen zur Ehre Gottes gesungen, der in seinem Sohn Jesus auf die Erde kam, damit wir Menschen das Wesen Gottes und seine Liebe zur Schöpfung erkennen können.

In der ersten Lesung aus dem Buch der Weisheit haben wir davon gehört, dass in Gott Macht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammengehören (vgl. Weish 12,16.18f.). Macht ist nur dann Macht, wenn sie gerecht ist. Zugleich ist Gott über die Maße barmherzig und reicht auch denjenigen immer wieder die Hand, die sich fehl verhalten, damit sie umkehren und zu besseren Menschen werden. Diesem Gott singen die Engel schon bei seiner Geburt als Mensch ein Loblied (vgl. Lk 2,13), und im Laufe der Geschichte komponierten Musiker auf der ganzen Welt kleinere und größere Werke zur Verehrung des Herrn, der so gütig und „menschenfreundlich“ (Weis 12,19) ist.

Heute dürfen wir uns freuen über die Aufführung der „erdwärtsmesse“ von Peter Jan Marthé aus Österreich, dem es ein Anliegen ist, mit dieser Komposition das Himmlische wieder „mehr auf die Erde zu holen“. Kirchenmusik stellt dabei ein passendes Medium dar, insofern hier der Glaube an Christus in Töne und Klänge gegossen wird, die uns innerlich berühren und eine Ahnung von der transzendenten Wirklichkeit geben können. Viele Musiker kennen das: Man singt und spielt miteinander, und plötzlich geschieht es, dass eine bestimmte Melodie oder ein Akkord einen tief bewegt. Für einen kurzen Moment hat man das Gefühl, den Himmel in sich zu spüren. Darum ist es ein Geschenk, dass der Chor der Basilika und das Vokalensemble Kempten seit vielen Jahren die Werke großer Meister wie Johann Sebastian Bach oder Joseph Haydn aufführen. Gerade für diese beiden Komponisten war Kirchenmusik weit mehr als künstlerischer Ausdruck; es war eine musikalische Form der Verkündigung. Die Freude über Gottes gute Schöpfung drückt sich bei ihren Werken in vielen Passagen aus, wie zum Beispiel dem berühmten Chor „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“, den sicherlich viele von Ihnen kennen. Haydn bekannte seinem Biografen Georg August Griesinger dazu: „Ich war (…) nie so fromm als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte.“[1] Dankbar können wir heute sagen, dass Haydns Wunsch erfüllt wurde, und wir uns an dieser herrlichen Musik erfreuen dürfen. Möge darum auch in den kommenden Jahrzehnten die musica sacra in der prächtigen Basilika St. Lorenz zu Kempten erklingen, mit Vertonungen, die uns allen dabei helfen, in eine möglichst innige Christusbeziehung zu gelangen, aus der heraus wir Kraft und Freude für unser Leben schöpfen können.

Damit dies gelingt, brauchen wir einen weiteren Buchstaben des Wortes „Chor“: Das „H“ wie „Hören“.

2. „H“ wie Hören

Es ist wohl eines der meist gebrauchten und vielleicht sogar abgedroschenen Worte in Kirche und Musik, und doch bleibt es eines der wichtigsten: Hören. Schon früh lesen wir im Alten Testament die Mahnung, auf Gottes Wort zu hören, damit es uns im Leben gut geht (vgl. Dtn 6,3). Gläubige Juden begannen, täglich das „Schma Jisrael“ („Höre Israel“) zu beten, um sich darin zu bestärken, den Weisungen des einen und ewigen Gottes zu folgen. Später pries Jesus diejenigen selig, die sein Wort hören und danach leben (vgl. Lk 11,28). Mit dem Befolgen aber ist das so eine Sache, wie uns das heutige Evangelium in einem Gleichnis veranschaulicht: Der Same des Wortes Gottes ist gesät, aber allzu oft hören Menschen auf falsche Worte, versinnbildlicht im Unkraut. Das können Lügen sein, Propaganda, aber auch Einladungen zu Dingen, die uns schaden und in Abhängigkeiten führen.

Sie, liebe Chorsängerinnen und Chorsänger, haben eine gute Entscheidung getroffen, indem Sie sich mit Ihren Talenten einbringen und mit Ihrem Gesang die Frohe Botschaft Gottes verkünden. Zugleich wissen Sie, wie wichtig auch in einem Chor das Aufeinander-Hören ist. In erster Linie natürlich musikalisch, im Sinne von Harmonie und des Wohlklangs. Zum anderen auch zwischenmenschlich, denn ein christlicher Chor sollte sich nicht nur durch eine passende Liedauswahl und ein möglichst gutes, in Ihrem Fall hervorragendes musikalisches Niveau auszeichnen, sondern auch durch einen guten Umgang miteinander. Es ist wichtig, dass wir wahrnehmen, wenn es unserem Nachbarn im Chor nicht gutgeht: der Chor als Gemeinschaft, wo man zusammenstehen sollte, wenn es mal Probleme gibt.

So sind wir beim „O“, dem dritten Buchstaben des Wortes „Chor“, im Sinne einer grundsätzlichen Offenheit.

3. „O“ wie Offen sein

Als Christinnen und Christen sind wir zunächst dazu berufen, offen zu sein für den Anruf Gottes. Damit wir seine Stimme hören können, müssen wir ihm in unserem Leben Raum geben. Wir tun dies, wenn wir beispielsweise beim Singen auf die geistlichen Gehalte der Texte achten und darüber nachsinnen. Wir tun dies aber auch, wenn wir ganz ruhig werden und in der Stille auf Gottes Stimme hören. Und schließlich tun wir es, wenn wir uns bewusst machen, dass Gott uns auch in den Menschen des Alltags begegnen kann, wobei es keine Rolle spielt, wie der Mensch aussieht oder woher er kommt. Wahre Christen begegnen allen Menschen mit Respekt und Nächstenliebe. Mehr noch: Sie leisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen Beitrag und helfen denjenigen, die benachteiligt oder in Not sind.

Darum ist es schön, dass es hier in Kempten Initiativen und Gesprächs-angebote wie das Projekt „Lorenz unterwegs“ gibt, wo aktiv auf Menschen aus Kirche und Stadtgesellschaft zugegangen wird, um sich zu begegnen und ggf. zu unterstützen. Offen sein für die Freuden und Hoffnungen, aber auch Sorgen und Ängste der Menschen, sie im Licht des Glaubens deuten und Perspektiven für ein erfülltes Leben entwickeln, das war und ist bis heute ein Grundauftrag der Kirche, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil vor gut sechzig Jahren festgeschrieben wurde (vgl. Gaudium et spes 1).

Daran anknüpfend kreist mein letzter Gedanke um den Buchstaben „R“ im Wort „Chor“. Ich deute ihn als „Rufen“.

4. „R“ wie Rufen

Im christlichen Sinne umfasst das „Rufen“ zwei Richtungen: Zum einen sind wir alle von Gott berufen, seine Liebe jeden Tag in Wort und Tat zu bezeugen. Doch sind wir ehrlich, das gelingt uns nicht immer. Manchmal sind wir so niedergeschlagen oder frustriert, dass es uns schwerfällt, in den Gottesdienst oder zur Chorprobe zu gehen und ein fröhliches Halleluja anzustimmen. Es gibt sogar Situationen, in denen wir gar nicht mehr singen wollen oder können, zum Beispiel, wenn wir traurig sind und an Gottes Liebe zweifeln. Für diese kritischen Momente hilft uns die Zusage aus der zweiten Lesung im Römerbrief, wo es heißt: „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an.“ (Röm 8,26) So dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns mit seinem Heiligen Geist zu Hilfe kommt, wenn wir einmal nicht imstande sind zu beten oder zu singen. Gerade dann also, wenn wir am schwächsten sind, tritt Gott an unsere Seite und ruft uns zu: „Ich bin bei dir alle Tage!“ (vgl. Mt 28,20) Welch ein Trost!

Liebe Schwestern und Brüder,

„Chor“, das sind vier kleine Buchstaben, die ich heute gedeutet habe als Christus ins Zentrum stellen (1), auf SEIN Wort hören (2), offen sein für die Anliegen der Mitmenschen (3), aus dem Glauben heraus rufen und sein Lob verkünden (4). Ich danke Ihnen allen, dass Sie diesen Dienst mit so großer Freude und Treue erfüllen, und ich wünsche sowohl dem Chor der Basilika St. Lorenz als auch dem Vokalensemble Kempten mit ihrem Leiter Benedikt Bonelli Gottes Segen für die kommende Zeit! Gehen wir alle gemeinsam „singend voran“ (LS 244), wie es Papst Franziskus einst formulierte. Denn „Singen ist denen eigen, die lieben“ (vgl. hl. Augustinus, Sermo 336,1)!

[1] Georg August Griesinger: Biographische Notizen über Joseph Haydn, Leipzig 1810, 101.

Schriftlesungen vom 16. So. i. J.: Weish 12,13.16-19; Röm 8,26-27; Mt 13,24-30