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Grußwort von Bischof Bertram zum Gebets- und Solidaritätstag für bedrängte Christen

Elend, Gewalt und Tod haben nicht das letzte Wort

13.09.2026 14:30

 Sehr geehrte Damen und Herren! „Wer besser als ihr könnte ein Lied der Hoffnung singen – sogar inmitten des Abgrunds der Gewalt?“ – mit diesen Worten wandte sich Papst Leo XIV. anlässlich einer Audienz mit Vertretern orientalischer Kirchen an die Christen im Heiligen Land. Für mich gibt es keinen treffenderen Leitgedanken für den Anlass unseres heutigen Beisammenseins als diesen Satz, greift er doch die Realität von Christinnen und Christen in den Ländern des Nahen Ostens auf.

Mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 begann eine bis heute anhaltende Spirale von Terror, Krieg und Gewalt. Im Gazastreifen führte der Krieg Israels gegen die Hamas zu einer humanitären Katastrophe, die mehr als 70.000 Menschen das Leben kostete. Und noch immer mangelt es an Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Die im vergangenen Jahr vereinbarte Waffenruhe erweist sich als äußerst fragil; weiterhin kommt es zu Angriffen mit zahlreichen Todesopfern. Mit dem Krieg im Südlibanon und dem Angriff Israels und der USA auf den Iran im vergangenen Februar weitete sich die Gewalt in der Region aus. Parallel dazu nehmen die Gewalttaten extremistischer Siedler gegen Palästinenser im Westjordanland zu, während der Ausbau israelischer Siedlungen vorangetrieben wird. Wie tief Hass und Einschüchterung reichen, verdeutlicht auch ein Graffiti, das radikale Siedler am Ortseingang des mehrheitlich von Christen bewohnten Ortes Taybeh im Westjordanland hinterlassen haben: „Ihr habt hier keine Zukunft!“ Regens Bernard Poggi wird uns gleich noch aus erster Hand von der aktuellen Lage in der Region berichten.

Auch im Irak und in Syrien ist die Situation weiterhin prekär. Während der Irak infolge von Krieg und IS-Terror nach wie vor unter politischer und wirtschaft-licher Instabilität leidet, stellt sich in Syrien zusätzlich die Frage, wie ernst es die neuen islamistischen Machthaber mit der religiösen und gesellschaftlichen Pluralität des Landes meinen. Die bisherigen Entwicklungen geben jedenfalls wenig Anlass zu Optimismus. Ich selbst war im Februar dieses Jahres vor Ort. In meinen Gesprächen mit Repräsentanten der verschiedenen christlichen Kirchen wurde deutlich, dass die Mehrheit der Gesprächspartner mit großer Sorge in die Zukunft blickt.

Auch wenn sich die politischen Rahmenbedingungen in den Ländern des Nahen Ostens mitunter erheblich voneinander unterscheiden und die jeweiligen Situationen hochkomplex sind, verbindet sie doch eine gemeinsame Entwicklung: der anhaltende Exodus der Christen. Infolge der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der vergangenen zwei Jahrzehnte sind Christen in vielen Ländern des Nahen Ostens heute nur noch kleine und kleinste Minderheiten. Zugleich verstehen sich die Christen selbst als lebendige Zeugen ihres Glaubens – nicht trotz, sondern gerade inmitten dieser schwierigen Umstände. Denn sie sind untrennbarer Teil der Kultur, der Gesellschaften und der Völker des Nahen Ostens. Ihre Geschichte und ihr Glaube sind seit fast zwei Jahrtausenden integraler Bestandteil dieser Region. Wie groß Bedrohung, Perspektivlosigkeit und die täglichen Belastungen sein müssen, wenn Menschen, deren Familien seit Generationen tief mit diesem Land verwurzelt sind, fortzugehen bereit sind, lässt sich kaum ermessen. Zugleich gibt es viele Christen, die sich trotz aller Unsicherheiten bewusst dafür entscheiden, in ihrer Heimat zu bleiben.

Gerade sie sind es, die „inmitten des Abgrunds der Gewalt“ jenes „Lied der Hoffnung“ singen, von dem Papst Leo sprach.

-        Zu ihnen gehören die wenigen hundert verbliebenen Christen in Gaza-Stadt, die trotz ihrer prekären Lage und inmitten der allgegenwärtigen Zerstörung ihren Mitmenschen beistehen.

-        Zu ihnen zählen auch die Christen im Irak und Syrien, die trotz des Terrors, den sie und ihre Angehörigen während der Herrschaft des IS erlitten haben, den Mut finden, ihre Kirchen wieder aufzubauen und ihr Leben neu zu beginnen.

-        Zu ihnen gehören die Christen im Libanon, die inmitten von wirtschaftlicher Instabilität und Krieg ausharren und Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen.

Unterstützt werden sie dabei von den christlichen Hilfswerken, die in vielen Teilen des Nahen Ostens Nothilfe leisten, Lebensmittel und medizinische Versorgung bereitstellen und psychologische Betreuung anbieten. Sie leisten Bildungs- und Versöhnungsarbeit und schaffen dadurch neue Perspektiven und bauen gesellschaftliche Spannungen ab. Und dies tun sie für alle Menschen – unabhängig von ihrer Religion und ihrem persönlichen Hintergrund. Damit setzen sie sich in den vor allem durch Gruppen-Interessen bestimmten Gesellschaften für das Gemeinwohl ein. Es sind Zeichen der Nächstenliebe und der Hoffnung und zugleich lebendige Zeugnisse des Glaubens an den Ursprungsorten des Christentums.

Allein die Präsenz von Christen, deren Name auf den Glauben an den Auferstandenen verweist, zeigt: Elend, Gewalt und Tod haben nicht das letzte Wort. Umso schwerer wiegt die Vorstellung eines Nahen Ostens ohne Christen, dem damit nicht nur Menschen, sondern auch ein Stück Hoffnung und Zukunft verloren ginge.

Das alles zeigt, dass es an der Situation der Christen im Nahen Osten nichts zu beschönigen gibt. Umso bedeutender ist es, dass wir heute gemeinsam diesen besonderen Tag begehen. Als ich auf meiner Reise nach Syrien eine christliche Familie in Maalula besucht habe, haben wir gemeinsam das Vaterunser gebetet. Dabei haben sie mir eindringlich geschildert, wie wichtig es für sie ist, dass wir ihnen unsere Solidarität zeigen und ihnen insbesondere im Gebet verbunden bleiben. In diesem Sinne freue ich mich auf die kommenden Stunden und darauf, diesen Tag miteinander zu begehen.