Oliver Rid: die beste Botschaft der Welt verkünden
(Marktoberdorf) Wohl kaum ein Priester im Bistum Augsburg dürfte an einer so hochherrschaftlichen Adresse wohnen: Wer in Marktoberdorf zum leitenden Pfarrer möchte, der findet ihn in der Kurfürstenstraße 13. Oliver Rid, 1978 in Illertissen geboren, lebt und arbeitet seit 2018 an diesem geschichtsträchtigen Ort. Nach dem tödlichen Fahrradunfall von Dekan Werner Haas im Jahr 2025 ist er auch Leiter des gleichnamigen Dekanats im Bistumssüden.
Der hochgewachsene und schlanke Geistliche mit seinem etwas verlegenen Lachen hat mit den einstigen Augsburger Fürstbischöfen, die das nahegelegene Schloss vor allem als Sommersitz nutzten, nur wenig gemein. Von barocker Hofhaltung ist in seinem 60er-Jahre-Pfarrhaus nur wenig zu spüren. Doch der Ort ist stolz auf diese Vergangenheit, wie Rid beim Gespräch in der luftigen Gartenlaube in seinem schönen Pfarrgarten berichtet. Er sieht in dieser Tatsache vor allem ein Geschenk, aber eben auch einen Auftrag, diese Prägung weiterzugeben und zu erhalten. Clemens Wenzeslaus von Sachsen, letzter Fürstbischof, liegt sogar neben der prächtigen Martinskirche begraben. Sein Herz allerdings wurde getrennt davon in der Augsburger Basilika St. Ulrich und Afra bestattet. Und genau hier schließt sich gewissermaßen wieder ein Kreis, war Oliver Rid doch nach seiner Priesterweihe ebendort drei Jahre lang Kaplan. Sein Weg zum Priestertum war allerdings trotz seiner kirchlich geprägten Familie kein Automatismus.
Vom Banker zum Priester
„Es war eine heilige Unruhe in mir, die mich nach meinem Platz fürs Leben suchen ließ“, meint der gebürtige Illertissener, angesprochen auf seine Entscheidung, den nach dem Abitur erlernten Beruf des Bankkaufmanns an den Nagel zu hängen. Schon im Priesterseminar habe er dann gemerkt, dass dies der Ort sei, wo seine Seele zur Ruhe kam. Und doch gibt er ganz offen zu: „Diese Zeit habe ich einfach gebraucht. Ich habe gemerkt, dass mich diese drei Jahre bei der Bundeswehr und bei der Bank innerlich haben wachsen lassen. Und ich bin heute dankbar dafür, diese Seite der Arbeitswelt auch von innen gesehen zu haben.“ Und daher ist er wohl einer der wenigen Priester, die sich auch gerne mit Zahlen und finanziellen Dingen beschäftigen. Seit seiner Zeit bei den Gebirgssanitätern in Kempten fühlt sich Rid, der in Babenhausen aufgewachsen ist, vor allem dem Bistumssüden und dem Allgäu verbunden. Da war es nur folgerichtig, dass er nach seiner Kaplanszeit als Jugendseelsorger in dieser Gegend eingesetzt wurde. Vom Jugendhaus Elias in Seifriedsberg aus betreute er sieben Jahre lang junge Katholikinnen und Katholiken in den Dekanaten Kempten, Sonthofen und Lindau. Mit 40 Jahren bekam er dann die Pfarreiengemeinschaft Marktoberdorf anvertraut.
Rids Leitungs- und Amtsverständnis
Priester zu sein, ist für Oliver Rid „der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann“. Man sei ein Brückenbauer zwischen den Menschen und Gott. Lachend meint Rid, dass man das allein schon an der Lage des Pfarrhauses erkennen könne, liegt es doch oberhalb der Stadt im Hang, aber immer noch unterhalb der Martinskirche, die am höchstem Punkt im „Oberen Dorf“ throne. So hat er den Blick nach unten auf „seine“ Stadt, aber eben auch den Blick nach oben in Richtung Herrgott. Als Priester habe man der Welt ja eine tolle Botschaft zu überbringen, „die beste Botschaft der Welt, sage ich immer“, so Rid. Die frohe Botschaft, dass Gott den Menschen nahe ist und sie durch die Zeit begleitet, stellt für ihn einen riesigen Schatz dar, den es zu heben gilt. Obwohl für ihn die positiven Seiten seines Berufs eindeutig überwiegen, gibt er auch zu, dass gerade die Leitungs- und Verwaltungsthemen in ihrer Fülle einem manchmal den Atem nehmen könnten. Genau deswegen betrachtet er seinen Leitungsdienst auch als Gemeinschaftsaufgabe. In Marktoberdorf setzt er als Teamplayer auf seinen hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Mitarbeiterkreis, im Dekanat auf die Zusammenarbeit mit Prodekan Frank Deuring aus Füssen. „Es ist eben nicht mehr diese One-Man-Show, sondern wirklich eine Angelegenheit, die wir gemeinsam miteinander anpacken müssen“, betont Rid. Wirklich viel Zeit für das Dekaneamt habe man nicht. Und doch möchte er in seiner zusätzlichen Funktion vor allem dafür sorgen, dass die Seelsorgenden und Gläubigen im Dekanat zusammenkommen und sich gegenseitig stärken können. Schön ist für ihn, dass es sowohl für die Leitung der Pfarreiengemeinschaft als auch des Dekanates kein „Schema F“ gibt, sondern dass das zur Geltung kommen darf, was einem selbst wichtig ist. Persönlichkeit und Amt würden so ineinanderfließen.
Der Glaube als Wegstrecke
Den persönlichen Glauben mit dem Amt zu verbinden, birgt allerdings auch einige Herausforderungen. Umso wichtiger ist dem Dekan daher das persönliche Gebet in seiner privaten Gebetsecke. Dort hängt auch in groß sein Primizspruch: „Weise mir Herr deinen Weg, ich will ihn gehen in Treue zu dir“ (Psalm 86). Das Motiv des Weges ist Rid sehr wichtig: „Im Leben gibt es verschiedene Etappen. Es geht rauf, es geht runter. Der Weg verläuft mit vielen Kurven, aber ich gehe ihn eben nicht alleine! Das ist die große Zusage!“ Jeder Tag des Dekans beginnt und endet im Gebet unter eben genau diesem Psalmwort. Da passt es dann auch gut, dass Rid den heiligen Martin als einen seiner vielen Lieblingsheiligen benennt. Dessen Weg von Ungarn bis Frankreich sowie die geistliche Tiefe des spätantiken Heiligen beeindrucken den Pfarrer. Nebenbei verweist er auch auf dessen „Berufswechsel“ vom Soldaten zum Geistlichen, den Rid im Grunde, mit einem Zwischenstopp bei der Bank, genauso vollzogen hat. Die Frage, ob er sich selbst gerne im Gänsestall versteckt hätte, als die Ernennung zum Dekan ihn erreicht habe, lässt er freilich mit einem Augenzwinkern unbeantwortet.
Vergangenheit und Gegenwart
Begeistert berichtet er vom gemeinsamen Weg nach Rom im Rahmen der Familienwallfahrt im Mai. Er ist überzeugt, dass gerade solche Erfahrungen ins Langzeitgedächtnis übergingen: „Wenn Glaube erfahrbar wird, dann geht er in die Tiefe.“ Und man merkt beim Zuhören auch schnell, dass Rid gerade dann aufblüht, wenn er anderen dabei helfen kann, ihren Glauben zu finden und zu leben. Man fragt sich zu Recht: Wo und wie sonst könnte Oliver Rid das besser tun als genau an diesem Ort? Einem Ort, der nicht nur umgeben ist von einer wunderbaren Natur, sondern der auch geprägt ist, von so viel geistlicher Vergangenheit, die auf moderne Art und Weise in die Gegenwart transportiert werden möchte. Und plötzlich erscheint der Größenunterschied zwischen der Büste des einstigen Kurfürsten und Fürstbischofs am Hochaltar der Pfarrkirche und dem bescheidenen Dekan gar nicht mehr so bedeutend. Lachend verweist er abschließend noch auf eine Kuriosität der Geschichte: Hängt doch direkt neben besagter Büste der Grabstein des damaligen Pfarrers Ried [sic], der in genau demselben Jahr verstorben ist wie der letzte Fürstbischof. Von seinem Nachfolger hätte der wohl ebenfalls eine gute Meinung.
Text und Fotos: Leander Stork
September 2026
Hinweis:
Die Portraits der anderen Dekane aus dieser Reihe finden sich ebenfalls auf unserer Homepage.